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Von der Zucht zur Wucht

Die Stagnation der traditionellen Freikirchen und der Boom eines freikirchlichen Erlebnismilieus

Von Ralph Kunz*

Zu den verbreiteten Vorstellungen gehört es, dass der Krise der Volkskirchen ein Boom der Freikirchen entspreche. Diese Aussage trifft in dieser Form jedoch nicht zu. Denn die traditionellen Freikirchen kämpfen mit ähnlichen Schwierigkeiten wie die Volkskirchen. Grossen Zustrom verzeichnen nur diejenigen Gruppierungen, die eine Erlebniswelt zu schaffen vermögen, welche die heutigen Bedürfnisse oder die heutigen Modetrends einzufangen versteht. Fraglich ist allerdings, ob sich diese neue Religiosität nicht rasch überlebt.

Durch die Entmotivierung der Mitgliedschaftsbedingungen integrierten die Volkskirchen zwar das moderne Postulat der religiösen Autonomie in ihr Organisationsprinzip, haben aber zugleich die Mitgliedschaftsbindung weitgehend formalisiert. Wer zahlt, ist dabei. Öffentlichrechtlich organisierte Kirchen zählen deshalb viele «Trittbrettfahrer» mit einer latenten Austrittsneigung. Dass die Grosskirchen mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen haben, ist immer wieder einmal ein Thema für die mediale Öffentlichkeit. Wie steht es aber um die Freikirchen? Haben sie komplementär zu der Entwicklung bei den Volkskirchen ein Mitgliederwachstum zu verzeichnen? Oder kämpfen sie mit ähnlichen Schwierigkeiten wie ihre grossen Schwesterkirchen?

Globale Aussagen über zahlenmässige Trends bei den Freikirchen sind äusserst diffizil. Erstens ist die Szene zu vielfältig und fragmentiert, als dass der formaljuristische Begriff «Freikirche» das Phänomen mit befriedigender Differenziertheit erfassen könnte. Dann leben privatrechtlich organisierte Kirchen – finanziell und spirituell – von der Motivation ihrer Anhänger. Schliesslich sind die meisten Freikirchen kongregationalistisch strukturiert, kennen also keine übergeordneten Strukturen ausser einem lockeren Bündnissystem. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Freikirchen oder gar zwischen den einzelnen Gemeinden sind erheblich. Es dürfte also schwierig sein, zuverlässige Angaben über Mitgliederzahlen zu bekommen.

Die Annahme liegt jedoch nahe, dass Freikirchen, die ja auch Freiwilligenkirchen sind, im Zeitalter der weltanschaulichen Orientierungslosigkeit sich eines grossen Zulaufs erfreuen. Trifft dies zu, würde weniger die Rechtsform als die religiöse Orientierung den Ausschlag über Erfolg und Misserfolg der Mitgliederrekrutierung geben. Wie attraktiv ist folglich eine Gemeinschaft, die sich durch das exklusiv christliche Orientierungsmuster auszeichnet?

Folgenreicher Sektenverdacht

Wer die Hypothese, Freikirchen hätten dank ihrem Angebot an profilierter Religiosität und im Sog von Millenniumsängsten einen Boom zu verzeichnen, einer Prüfung unterzieht, wird bald feststellen, dass die Rechtsform weniger wichtig ist als die unterschiedlichen kulturellen Settings. Der geschichtliche Hintergrund und die Voraussetzung der freikirchlichen Kulturenvielfalt ist zunächst die Absetzungsbewegung der Reformatoren von der katholischen Mutterkirche und die innerevangelische Opposition gegen die neuen evangelischen Kirchen. In der freikirchlichen Landschaft lassen sich dieser «linke Flügel» der Reformation, d. h. die Täufer, wiederum von Kirchen und Gruppen, die aus den pietistischen und neupietistischen Erwecksbewegungen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts hervorgegangen sind, unterscheiden. Zu diesen gehört etwa die Methodistische Kirche, die heute in vielerlei Hinsicht volkskirchliche Züge trägt – ganz im Gegensatz zur Heilsarmee, die historisch zwar ebenfalls in der englischen Heiligungsbewegung wurzelt, sich aber schon äusserlich als Freikirche gebärdet.

Das Beispiel der Heilsarmee, die in der Bevölkerung hohes Ansehen geniesst, widerlegt auch den pauschalen Sektenverdacht, der gegenüber Freikirchen geäussert wird. Auf den Hügeln und in den Krachen des Emmentals, im zerklüfteten Zürcher Oberland, im Baselbiet oder dem Berner Oberland konnten anderseits freikirchliche Kulturen entstehen, die sich stärker über Sonderidentitäten aufbauten. Wer gerettet werden konnte von der Spielsucht und dem Alkohol – ein grosses Problem in den verarmten Voralpenregionen –, wurde Mitglied eines evangelischen Brüdervereins, in welchem eine eng gestrickte Stützgemeinschaft die Neubekehrten mitsamt ihren Familien vor der weltlichen Sünde schützte.

Allen diesen historischen Freikirchen ist gemeinsam, dass ihre religiöse Praxis mit einem Minimum an Sinnlichkeit auskommt. Sakramente spielen in der Regel keine Rolle; die Gottesdienste sind wortzentriert. Mehr oder minder zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie auf eine Gesinnungsethik, rigide Sexualmoral, strengen Biblizismus und exklusives Selbstverständnis beharren.

Wie attraktiv sind nun diese Gemeinden? Wie stark nehmen ihre Mitgliederzahlen zu?

Vieles weist darauf hin, dass dieser Typus Freikirche heute mit grossen Schwierigkeiten kämpft und Mühe hat, neue Mitglieder zu rekrutieren. Ein Grund dafür mag – trotz dem hohen Ansehen der Heilsarmee – ihr schlechtes Image sein. Denn obwohl die Herkunft der historischen Freikirchen ganz unterschiedlicher Natur ist, haben vor allem die neupietistischen «Stündeler» der ganzen Bewegung ein relativ einheitliches Image verpasst. Wer nicht evangelisch-reformiert und nicht katholisch ist, ist ein «Frömmler», ein religiöser Sonderling, tendenziell fanatisch, altmodisch, weltabgewandt und gesetzestreu.

Dass dieses Klischee nicht auf jede Freikirche zutrifft, mag ein Szenenwechsel zeigen. Es ist Sonntag abend in der alten Zürcher Börse: Der Saal ist voll, das Publikum im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Aus den Lautsprechern dröhnt Technobeat, eine Hip-Hop-Band tritt auf, ein Gospelchor singt, alle stimmen in den englischen Text mit ein: «Jesus, we praise you!» Das Outfit der Gospelparty ist – aus der Sicht eines altmodischen Freikirchlers – ganz und gar modisch und weltlich.

Kulturell sind die Versammlungen des Evangelischen Brüdervereins in Ried bei Adelboden und diese Gospelparty in Zürich zwei verschiedene Welten. Im soziologischen Jargon wird von zwei unterschiedlichen Erlebnismilieus gesprochen. Während am einen Ort die Technokultur der Raver und Hip-Hopper als teuflisch verdammt werden kann, wird andernorts eben diese Kultur christianisiert. Und es besteht zwischen diesen beiden verschiedenen Milieus eine Gemeinsamkeit: In ihnen wird christliche Religion ausserhalb der öffentlichrechtlich verfassten Kirchen angeboten, mit einer eindeutigen Tendenz zur theologischen Vereinfachung komplexer Fragen. Der Synkretismus wird als Okkultismus abgelehnt; gegenüber der universitären Theologie herrscht generell eine kritische Haltung. Gleiches gilt selbstredend für den individual-ethischen Diskurs: Sex vor der Ehe ist tabu. Mit Nuancen wird also im Adelbodner Tal und in Zürich dasselbe geglaubt – allerdings in unterschiedlicher Packung.

Die berechtigte Vermutung, dass in der «neuen Unübersichtlichkeit» (Habermas) klar profilierte Positionen attraktiv sind, weil sie Geborgenheit, Gewissheit und Orientierung versprechen, muss folglich ergänzt werden: Exklusive Glaubensmuster entfalten ihre Anziehungskraft nur im richtigen Design. Kurz gefasst: Zucht als Wucht.

Christlicher Hardrock

Man kann deshalb nicht generell von einem Boom der Freikirchen, des Evangelikalismus oder der charismatischen Frömmigkeit sprechen. Angesichts der verschiedenen Szenen drängt sich vielmehr eine differenzierte Wahrnehmung auf. In der modischen und jugendlichen Freikirchen- Szene Bern, Zürich und Winterthur ist hinlänglich bekannt, dass ein grosser Teil der Bewegten aus anderen Freikirchen – notabene evangelikaler und charismatischer Prägung – abgesprungen sind. Oft lässt sich in den neuen Bewegungen ein Mitgliedschaftsmuster finden, das schon immer typisch freikirchlich war: man bleibt Mitglied in einer angestammten Organisation, partizipiert aber an Versammlungen, die einen höheren emotionalen Gewinn versprechen. Die hohe «innerfreikirchliche» Mobilität lässt den Schluss zu, dass für diese Grenzgänger nicht unbedingt geschlossene Systeme und enge moralische Normen attraktiv sind, sondern die Aussicht auf eine Steigerung des religiösen Erlebnisgehalts.

Während in der voralpinen evangelischen Brüdervereins-Kultur praktisch keine Verjüngung mehr stattfindet und diese Gemeinschaften lediglich biologisch wachsen, rekrutieren die urbanen Jugendkirchen eine neue Klientel. Doch auch hier gibt es auffällig viele kids, die schon freikirchlich sozialisiert sind! Sie finden in ihren angestammten Heimatkirchen ihre Kultur nicht mehr, weil zu viele Berührungsängste mit der christlichen Rap-, Hardrock- oder Hip-Hop-Szene bestehen.

Die freikirchlichen Erlebnismilieus decken ein bestimmtes Segment des religiösen Marktes ab. Vor allem die junge Szene lebt davon, dass ihr Angebot stark auf die Lebens- und Freizeitgewohnheiten der Kundschaft zugeschnitten ist. Im Unterschied zum Staatsbetrieb «Landeskirche», welche einen Öffentlichkeitsauftrag – oder analog der SRG einen «service publique» – zu erfüllen hat, sind die vereinsrechtlich organisierten, privaten Anbieter flexibler. Sie können auf neue Lebensformen und neue Bedürfnisse reagieren. Hier liegt ein entscheidender Vorteil der freikirchlichen Erlebniskultur, die es sich leisten kann, altmodisch oder eben auch modisch zu sein.

Geschicktes Marketing

Die Verpackung des Produkts ist es, was in der Erlebnisgesellschaft den Ausschlag gibt! Vor allem wenn es darum geht, neue Kunden zu werben, haben die innovativen evangelikalen und pfingstlichen Kirchen gegenüber den alten Volkskirchen den Vorteil, der Tradition weniger verpflichtet zu sein. Das Design kann jeweils dem Geschmack- und Stilempfinden der jüngsten Generation angepasst werden. Doch zeigen sich auch Risiken eines kurzfristigen Marketings. Die erbarmungslose Schnellebigkeit hat zur Folge, dass der Hit von heute morgen bereits ein alter Hut ist. Gelingt es, die Jugendlichen zu integrieren? Einiges von dem, was ihnen geboten wird, hat Kennzeichen einer religiösen Fast- food-Kultur: hohe Reize und wenig Nachhaltigkeit. Sättigungs- und Ermüdungserscheinungen werden über kurz oder lang das Bedürfnis nach Tradition, nach dem Schatz erprobter Erlebnisgehalte wecken und jenen Kirchen, welche die Tradition bewahren, ein paar Heimkehrer bescheren.

Vielleicht gibt aber die intellektuelle Unterernährung durch die religiöse Fast-food-Kultur noch mehr zu fragen. Fatal ist das Auseinanderdriften einer «Lowchurch»- und einer «Highchurch»-Kultur, weil dies den Volkskirchen und ihren akademisch ausgebildeten Theologen eine bequeme Entschuldigung offeriert, um sich vor der Aufgabe der Vereinfachung der christlichen Botschaft zu drücken. Freikirchliche Prediger stehen ihrerseits in Gefahr, die einfache Botschaft von der Liebe Gottes mit einer Theologie zu verwechseln, welche die komplexen ethischen und gesellschaftlichen Gegenwartsprobleme unzulässig reduziert. Denn das ist die gemeinsame Herausforderung: Evangelium innovativ und kundenfreundlich zu kommunizieren, ohne theologischen Verkürzungen zu verfallen. Freikirchen und Landeskirchen jeder Couleur werden sich hoffentlich nicht dazu verführen lassen, die schwierige Zukunft des Christentums im dritten Jahrtausend kopflos und ohne das Fundament einer Tradition anzugehen, die wirklich Hand und Fuss hat.

 

* Der Verfasser ist Oberassistent an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 22.05.1999

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