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Die orthodoxen Kirchen und der Kosovo-Krieg

Keine einheitliche Front gegen den Westen

Die Haltung der orthodoxen Kirchen zum Kosovo-Konflikt ist keineswegs von einseitigen proserbischen Sympathien geprägt. Lediglich im Fall der russischen und griechischen Kirche trifft dies zu, wobei die Motive für dieses Verhalten alles andere als religiöser Natur sind.

Ekr. Zur Erklärung der proserbischen Sympathien in einigen Staaten Ost- und Südosteuropas wird oft auf die gemeinsame christlich-orthodoxe Konfession verwiesen, die diese Länder verbindet. Angesichts des Umstands, dass die Mehrheit der Bevölkerung in diesen Ländern, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum weniger säkularisiert ist als jene in Westeuropa, scheinen solche Sympathien wohl weniger religiöse als andere Ursachen zu haben. In der Politik der einzelnen Regierungen ist jedenfalls keine orthodoxe Solidarität zu erkennen.

Ideologische Beweggründe

In Südosteuropa unterstützt keine einzige Regierung Jugoslawien. Auch unter jenen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, in denen die Mehrheit der Bevölkerung orthodox ist, hat sich nur Weissrussland vorbehaltlos auf die Seite von Präsident Milosevic geschlagen, und zwar aus ideologischen, keineswegs aus religiösen Gründen. Proserbische Sympathien in der Bevölkerung schwanken stark von Land zu Land. Am ausgeprägtesten sind sie in Griechenland und den drei ostslawischen Staaten Russland, Weissrussland und der Ukraine. In Bulgarien scheint es mehr die nicht ganz unbegründete Furcht vor einer Ausweitung des Krieges auf das eigene Land zu sein, die zur Distanzierung einer Mehrheit der Bevölkerung von der Nato geführt hat. In Rumänien wiederum verhält sich die Bevölkerung eher indifferent, auch wenn die Zustimmung zu einem Nato-Beitritt des Landes zurückgegangen ist.

Blickt man auf die einzelnen orthodoxen Kirchen, ergibt sich ein ähnlich unterschiedliches Bild. Die meisten vermeiden einseitige Stellungnahmen und plädieren für eine Lösung des Konflikts durch Verhandlungen. Zwar werden die Nato-Angriffe kritisiert, aber auch die Verantwortung der jugoslawischen Seite für die Eskalation bleibt nicht unerwähnt. In diesem Rahmen bewegt sich das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel sowie die bulgarische und rumänische orthodoxe Kirche. Ein Sprecher der Synode in Sofia übte deutliche Kritik an der serbischen Politik gegenüber den Albanern und stellte Belgrads Verantwortung für eine friedliche Lösung des Kosovo-Konflikts heraus. Der Patriarch der orthodoxen Kirche von Rumänien, Teoctist, rief gemeinsam mit dem Papst bei dessen Besuch in Bukarest beide Seiten zum Frieden auf.

Grossrussischer Nationalismus

Allein im Hinblick auf die Kirchen Russlands und Griechenlands könnte man den Eindruck einer orthodoxen Front gegen den Westen gewinnen. Der Moskauer Patriarch Alexi, der während des Bosnien-Krieges noch einseitige Parteinahmen zu vermeiden wusste, ist mittlerweile, frustriert über das Ende der Nachkriegsordnung und dem damit verbundenen Verlust der Grossmachtstellung seines Landes, zu einem grossrussischen Nationalisten geworden, der sich durch den Westen in jeglicher Hinsicht bedroht fühlt. Bereits in der Frage der Nato-Osterweiterung meinte er, diese öffentlich ablehnen zu müssen. Während er nie den Mut fand, die brutale Kriegführung der russischen Armee in Tschetschenien zu verurteilen, scheint er dies nun mit den schärfsten Worten gegenüber der Nato nachholen zu wollen, wobei er nie auch nur ein Wort über die Vorgeschichte des Konflikts verliert; dem Westen, so behauptet er, gehe es einzig darum, seine Interessen durchzusetzen. Während seines Aufenthalts in Belgrad, wo er Milosevic der Unterstützung des russischen Volkes im Kampf gegen die «Nato-Aggression» versicherte, meinte Alexi, dass eine Handvoll mächtiger und reicher Länder, die sich selbst als Mass für Gut und Böse betrachteten, auf dem Willen eines Volkes herumtrampelten, das anders zu leben wünsche. Während er die Luftangriffe als Sünde vor Gott und als Verbrechen aus der Sicht des Internationalen Rechts anprangerte, blieben die Massaker an der albanischen Bevölkerung unerwähnt.

Schrille Töne des Athener Erzbischofs

Noch schriller klingen die Äusserungen des Athener Erzbischofs Christodoulos. Seine bei jeder Gelegenheit geäusserte Verurteilung der Nato-Angriffe erfolgt keineswegs aus einer pazifistischen Grundhaltung heraus, hatte er doch vor drei Jahren – damals war er Metropolit von Volos – die Regierung Simitis scharf kritisiert, weil sie nicht bereit war, wegen des Streits um die Zugehörigkeit einer Felseninsel vor der türkischen Küste einen Krieg mit dem Nachbarland zu riskieren. Christodoulos, ein griechischer Ultranationalist mit dem Westen und dem Islam als klaren Feindbildern, hat seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr grosse politische Ambitionen erkennen lassen. In seinem Denken bilden Kirche, Nation und Staat eine untrennbare Einheit; sich selbst dürfte er als den eigentlichen Führer der Nation sehen, der viel authentischer als die in seinen Augen den Interessen des Westens dienende Regierung den Willen des Volkes verkörpere.

Wortreich klagt Christodoulos über die Leiden des «heldenhaften und ruhmreichen serbischen Volkes». Von den Massakern und Vertreibungen der Albaner ist bei ihm nie die Rede. Die Hunderttausenden von Flüchtlingen sind aus seiner Sicht vor den Nato-Bomben geflohen. Natürlich wittert er hinter allem eine finstere Verschwörung: Den Mächtigen der Welt, deren Instrument die Nato sei, ginge es nicht um die Albaner, sondern sie wollten auf dem Balkan ihre neue Weltordnung errichten und darüber hinaus den Konflikt noch weiter ausdehnen; Griechenland müsse auf der Hut sein. Fast lächerlich wirkte seine Empfehlung an den Atheisten Milosevic, der die orthodoxe Kirche Serbiens in vielfältiger Weise behindert, er solle den drei gefangengenommenen – und inzwischen wieder freigelassenen – amerikanischen Soldaten gegenüber die moralische Überlegenheit der Orthodoxie beweisen.

Ein Mann der Kirche

Ganz anders verhält sich indessen ein anderer Grieche, der Erzbischof von Tirana, Anastasios. Der frühere Professor für Missionswissenschaft an der Athener Universität steht seit 1992 der albanischen orthodoxen Kirche vor. Anders als bei Christodoulos ist sein Denken nicht von einem nationalistischen, sondern von einem christlichen Weltbild geprägt, weshalb er sich nicht als einen verhinderten Politiker, sondern ausschliesslich als einen Mann der Kirche versteht. Unterstützt von internationalen kirchlichen Hilfswerken leistet die albanische orthodoxe Kirche grosse Hilfe für die aus Kosovo ins Land geströmten Flüchtlinge.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 25.05.1999

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