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Die Liebe in fremder Gestalt

Kriminalgeschichte des Christentums

LL. Im Rahmen von Karlheinz Deschners kontroversem Riesenprojekt einer Kriminal-, einer Verbrechensgeschichte des Christentums ist der sechste Band erschienen, der das 11. und 12. Jahrhundert von Kaiser Heinrich II. bis zum Ende des Dritten Kreuzzuges umfasst. Wahrhaftig, es ist eine allerchristlichste Zeit. Erwartungsgemäss werden die Kaiser und Päpste, die den «Grossen», den «Frommen» oder gar den «Heiligen» im Beinamen führen, von Deschner mit Sarkasmus auf den Kern ihrer frommen Einfalt und edlen Grösse reduziert.

Glanzstücke sind die Porträts von Papst Gregor VII. und Kaiser Friedrich Barbarossa, dessen «mildes Antlitz» mit den unschuldig weiss bleckenden Zähnen im Angesicht des Schlachtfestes von Crema man nicht vergisst. Und der gerne als Mystiker, als Genius der Kreuzzüge berufene Bernhard von Clairvaux darf zeigen, was heiliger Fanatismus ist.

Überhaupt haben es die Kreuzzüge Deschner angetan, verständlicherweise. Denn einer christlichen Zivilisation, deren fundamentalistischer Anti-Fundamentalismus dem Islam gerne eine militante Neigung zu «Heiligen Kriegen» nachsagt, muss man immer noch von ihren heilig-mörderischen Kriegen, die sich Kreuzzüge nannten und nennen, singen und sangen. Der en passant mitgelieferte Kontext zeitgenössischer Moraltheologen macht die Sache noch delikater: Gewalt, wie auch immer legitimierbar, ist fürwahr die «Liebe in fremder Gestalt». Das christliche Liebesgebot gewinnt aus dieser zynischen Perspektive einen ziemlich ungewohnten Sinn.

Bitterböse Sarkasmen wie diese sind klarerweise weder «objektiv» noch «ausgewogen» noch «wissenschaftlich» formuliert. Aber will man es Deschner verdenken, dass er so redet, wenn ein christlicher Papst im Kampf gegen die Sarazenen das Himmelreich für den Tod im «Heiligen Krieg» auslobt und uns avant la lettre über angebliche islamische Spezialitäten belehrt? Einem Kirchenhistoriker, der sich als Moralist versteht, jedenfalls nicht.

 

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Sechster Band: 11. und 12. Jahrhundert. Von Kaiser Heinrich II., dem «Heiligen» (1002), bis zum Ende des Dritten Kreuzzugs (1192). Rowohlt-Verlag, Reinbek 1999. 656 S., Fr. 49.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 27.05.1999

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