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Kunst und Gegenreformation

«Rubens e il suo secolo» in Ferrara

Was wäre aus der flämischen Malerei geworden, wäre nicht bloss die Grafschaft Holland, sondern die gesamten Niederlande protestantisch geblieben? Die provokante Frage, die Matías Díaz Padrón in seinem Katalog-Beitrag stellt, lässt sich nur hypothetisch beantworten. Der Verantwortliche für die flämische Malerei des Prado und zugleich Organisator der Ausstellung «Rubens und sein Jahrhundert» nimmt wohl zu Recht an, dass unter holländischer Dominanz eine bürgerliche Malerei Fuss gefasst hätte, während unter französischer Hegemonie die gesamte Kultur vom Hofe abhängig geworden wäre. Dei südlichen Niederlande sind einen eigenen Weg gegangen. Die von Spanien eingesetzten Statthalter, allen voran Erzherzog Albert von Habsburg und seine Gattin Clara Isabella Eugenia, verfochten zwar spanische Interessen, insbesondere die Rekatholisierung, aber vom Süden her kamen keine Impulse, die die flämische Malerei hätten nachhaltig beeinflussen können. Sie blieb deswegen weitgehend eigenständig, wenngleich in hohem Masse instrumentalisiert.

Betrachtet man die in der Ausstellung vereinten Werke unter dem Gesichtspunkt der Gegenreformation, so lassen sich zahlreiche der präsentierten Bildgattungen als dezidiert katholische Äusserungen lesen. Doch dabei geht der Wille nach einer künstlerisch überzeugende Form nie verloren. Zwischen dem ästhetischen Anspruch und der Aussage findet sich ein relativ ausgewogenes Gleichgewicht. Viel ist dabei der Person Rubens zu verdanken, zu dem die Statthalter fast ein freundschaftliches Verhältnis pflegten. Sein «Christus am Kreuz» mit den nach oben gereckten Armen wird gleichsam zu einer Inkunabel des Themas und als solche von Van Dyck aufgegriffen. Ein wenig mehr Untersicht, ein wenig mehr Körperkrümmung, ein bewegterer Himmel verstärken bei jenem aber deutlich die malerischen Aspekte und lassen das künstlerische Interesse hervortreten.

Rubens, der Italien aus mehrjähriger Anschauung kannte, geht mit allen italienischen Schulen bravourös um und verwendet sie dort, wo sie sich mit dem Thema am besten verbinden lassen. Der Caravaggismus mit seinen pointierten Hell-Dunkel-Effekten kommt in der Nachtszene mit der «Anbetung der Hirten» zum Einsatz. Correggios süsslich-liebliches Kolorit steht demgegenüber den Madonnen zur Verfügung, während Tizians Manier sich für die Darstellung der «Susanna im Bade» und speziell zur Erfassung des üppigen Frauenleibes eignet. Das Problem des Bildes und seiner Verehrung ist im katholischen Kontext besonders virulent, namentlich in Abwehr des protestantischen Idolatrie-Vorwurfes. Einige Stilleben, bei denen ein gemaltes Bild mit religiösem Inhalt von üppigen Blumenranken eingefasst ist, von der Hand des Blumen-Bruegel, van den Barens oder van Veerendaels, konfrontieren den Betrachter auf diskrete Weise mit dem Thema von Bild und Abbild, von Wirklichkeit und Schein. Und die Kircheninnenansichten eines Pieter Neefs, auf denen häufig Messen gelesen werden, belehren über die richtige Bildverehrung im sakralen Kontext. Dass das Stilleben, vertreten durch Beispiele von Gysbrechts oder Fijts, ohnehin immer an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnt, braucht nicht eigens betont zu werden.

Doch die südlichen Niederlande sind kein Kind von Schwermut und Traurigkeit, wie der «Satir mit Früchtekorb» von Rubens charmant deutlich macht. Die profanen Themen fehlen nicht, und neben Rubens belebt insbesondere Jacob Jordaens seine Gemälde mit fröhlich wogenden Körpern von ungezügelter Lust. Während dessen Werke alle aus Museumsbesitz kamen, stammt etwa das ähnlich geartete «Götterfest» von Vincent Adriaenssen aus Privatbesitz. Vielleicht liegt im Umstand, dass diese Provenienz von mehr als der Hälfte aller Werke geteilt wird, der grösste Reiz der Ausstellung, die sich thematisch im Rahmen des Konventionellen bewegt.

Axel Christoph Gampp

 

Die Ausstellung «Rubens e il suo secolo» ist zu sehen in Ferrara, Palazzo dei Diamanti, bis 27. Juni. Der Katalog, hg. von Matías Díaz Padrón und Aída Padron Merida, kostet Lit. 58 000.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 27.05.1999

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