Wozu das ganze Schaffen?
«Palestrina» von Hans
Pfitzner an der Wiener Staatsoper
An keinem anderen Haus wird «Palestrina»,
das umstrittene Zentralwerk von Hans Pfitzner, in so
kontinuierlicher Weise gepflegt wie an der Wiener
Staatsoper. Fast in jedem Jahrzehnt seit der
Erstaufführung von 1919 wurde das
spätromantische Künstlerdrama dort neu auf die
Bühne gebracht, und mit beinah indigniertem Unterton
stellen die Hausnachrichten fest, dass
«Palestrina» nun schon seit vierzehn Jahren
nicht mehr im Spielplan erschienen sei. Höchste Zeit
also für eine Neuinszenierung zumal mit
Herbert Wernicke ein prominenter Bühnenkünstler
sein Interesse angemeldet und in einem Interview mit dem
Nachrichtenmagazin «profil» die entsprechende
Erwartungshaltung geschürt hatte.
Indes: für Aufregung ist keineswegs gesorgt, die
Produktion bleibt schön im Rahmen, fördert auch
keine neuen Einsichten zutage. Wie stets geht Wernicke,
auch hier sein eigener Ausstatter, von einer bestimmenden
Raumidee aus; in diesem Fall ist es ein hoher,
getäferter Musiksaal mit einer Orgel im Hintergrund,
mit der Sitzordnung für ein Orchester in der Mitte
sowie Flügel, Pult und Orgelspieltisch an der Rampe.
Die räumliche Disposition verfehlt ihre Wirkung
nicht etwa wenn sich zum Erscheinen der
Engelschöre der Orgelprospekt öffnet oder wenn
im Konzilsakt Kardinal Madruscht (Franz Hawlata) seine
Palastwache von eben jener Höhe aus ins streitende
Volk feuern lässt. Aber das Bild bleibt statisch, so
statisch wie die Dramaturgie und die Musik in der weniger
von Handlung als von Reflexion bestimmten Oper Pfitzners.
Da hilft auch nichts, dass die Stühle fliegen, wenn
Kardinal Borromeo (Franz Grundheber) in Wut gerät
über die offen deklarierte Unfähigkeit
Palestrinas, die zur Verteidigung der althergebrachten
Kirchenmusik in Auftrag gegebene Messe zu komponieren.
Natürlich darf man froh sein, wenn ein Regisseur
einmal nicht dem platten Realismus verfällt, der bei
«Palestrina» fatal naheliegt der zweite
Akt, der eine Versammlung des Tridentinischen Konzils
zeigt, lässt ohnehin keine andere Wahl, als die
geistlichen Würdenträger in ihren Ornaten auf
die Bühne zu bringen. Indessen reicht dieser Ansatz
um so weniger, als sich in der musikalischen Legende
Pfitzners viel von der komplexen und neurotischen
Persönlichkeit des Komponisten spiegelt, als sich
auf der Bühne mithin manche biographische,
künstlerische und psychologische Überlegung zum
Werk anstellen liesse.
Der Komponist Giovanni Pierluigi da Palestrina wird ja
als ein Mann gezeigt, der mitten in einer midlife crisis
steckt, der durch den Tod seiner Frau der Liebe seines
Lebens und mit ihr der Fähigkeit, etwas
hervorzubringen, verlustig gegangen ist Pfitzner
hat hier exakt die Situation vorweggenommen, die ihn
selbst ein Jahrzehnt nach Abschluss der Komposition
ereilen sollte. Noch bewegender ist, wie die Oper das
Spannungsfeld zwischen einer streng hierarchischen
Organisationsstruktur und dem freien, durch kein
Machtgefüge zu bezwingenden Genius auslegt. Dass
sich ein «Musikus» ausserstande erklärt,
das von ihm geforderte «Menschenwerklein» zu
schaffen, hat im Denken der kirchlichen
Würdenträger, namentlich jenem des
scharfzüngigen Kardinallegaten Novagerio (Heinz
Zednik), keinen Platz; prompt wird Palestrina denn auch
ins Gefängnis geworfen. Um so grösser dann der
Triumph, als ihm das Werk dennoch gelingt, als sich der
Komponist durch den Papst persönlich nobilitiert und
den kirchenfürstlichen Auftraggeber weinend zu
seinen Füssen sieht.
Von hier aus ist es tatsächlich kein weiter
Schritt zu den dreissiger Jahren, in denen sich der alte
Pfitzner den Nationalsozialisten andient nicht aus
ideologischen Gründen, sondern in einem geradezu
süchtigen Verlangen, als Aussenseiter von einer
mächtigen Hierarchie akzeptiert, wenn nicht
bewundert zu werden. Nichts von solchen
Überlegungen spiegelt sich auf der Bühne; da
hat es sich der viel beschäftigte Regisseur wohl
doch etwas einfach gemacht. Dasselbe gilt für den
Dirigenten Peter Schneider, der zwar die vom Komponisten
annotierte Partitur des Uraufführungsdirigenten
Bruno Walter studiert hat, aber dennoch nur zu einem
pauschalen, klanglich undifferenzierten, bisweilen arg
groben Ergebnis kommt da haben Rafael Kubelik in
der noch immer gültigen Schallplatteneinspielung aus
den frühen siebziger Jahren und dann Christian
Thielemann in der Londoner Produktion des
«Palestrina» von 1997 ganz andere Horizonte
eröffnet. Das Ensemble der Wiener Staatsoper mit
Thomas Moser als Palestrina und Juliane Banse als seinem
Sohn Ighino an der Spitze leistet allerdings fast
durchwegs Hervorragendes.
Peter Hagmann
© Neue Zürcher Zeitung -
28.05.1999