Dienst am Dom, zwischen
Prälaten und Steinmetzen
Auf Deutschlands ältester
Baustelle ist der Chef eine Frau
Seit Beginn des Jahres wirkt Barbara Schock-Werner als
Dombaumeisterin am Kölner Dom. Ihr obliegen die
umfangreichen und nie endenden Renovations- und
Restaurationsarbeiten an diesem Kunstwerk, das
gleichzeitig Denkmal und Kirche ist. Dazu gebietet sie
über fast 100 Mitarbeitende und einen Etat von rund
10 Millionen Mark.
H. Sf. Köln, im Mai
«Das hier ist eine Aufgabe und viel mehr als nur
ein Beruf!» Barbara Schock-Werner zögert keinen
Augenblick, wenn sie gefragt wird, was sie am Amt der
Dombaumeisterin zu Köln gereizt hat. Seit Anfang des
Jahres hat die Architektin und Kunsthistorikerin die
Leitung auf Deutschlands ältester Baustelle, auf der
seit 750 Jahren am Kölner Dom gearbeitet wird. Sie
ist die erste Frau als Leiterin einer Dombauhütte
und trägt damit die Verantwortung für die
fortwährende wissenschaftliche, künstlerische
und handwerkliche Arbeit an jenem Gesamtkunstwerk am
Rhein, das seit 1996 von der Unesco zum
«Weltkulturerbe» gezählt wird. Als Chefin
von fast 100 Mitarbeitern verfügt sie über
einen Etat von rund 10 Millionen Mark, die zur
Hälfte aus Spenden bestritten werden. Damit muss sie
den Wünschen des kirchlichen Bauherrn ebenso gerecht
werden wie den Forderungen an eine zeitgemässe
Denkmalpflege. Und nicht zuletzt ist der Dom Kölns
wichtigste Touristenattraktion, die täglich 20 000
bis 30 000 Besucher anzieht. In der Tat eine
Herausforderung nur für Schwindelfreie, die sich auf
dem Dach der Kathedrale ebenso sicher bewegen können
wie in den einschlägigen Gremien von Kirche, Stadt
und Land!
Ein Bauwerk, das nie fertig wird
Solcher Dienst am Dom zwischen Steinmetzen und
Prälaten hat eine lange Tradition. Die gotische
Kathedrale, zu der 1248 der Grundstein gelegt wurde, wird
niemals fertig. Zwar schien der Bau, der 1560 wohl aus
Geldmangel unterbrochen wurde und jahrhundertelang nur
Torso blieb, 1880 mit dem Einsetzen des Schlusssteins
vollendet zu sein. Doch zeigten sich schon bald
Verwitterungsschäden, die fortgesetzte
Instandhaltungsarbeiten nötig machten. So musste die
Dombauhütte erhalten bleiben, die im Mittelalter als
Werkstattverband der am Kirchenbau beteiligten Handwerker
gegründet worden war und die Einheitlichkeit von
Entwurf und Ausführung der Architektur und der
Plastik sicherstellen sollte. Denn rasch wurde klar, dass
nur Handwerker und Restauratoren, die «ihren»
Dom aus jahrelanger Arbeit kennen und sich in seine
Formenwelt eingelebt haben, das Bauwerk sach- und
materialgerecht erhalten können.
Der Dom braucht Menschen, die ihre Arbeit an ihm als
symbiotisches Verhältnis begreifen. In einem Graben
an seiner Südseite liegen die modernen
Werkstätten der Steinmetze, Schreiner, Schmiede,
Dachdecker, Schlosser, Maler, Goldschmiede,
Glasrestauratoren und Glasmaler. Nicht einmal auf eigene
Gerüstbauer kann die Dombauhütte verzichten,
denn «fremde Gerüstbauer würden mehr
Schaden anrichten, als wir einsparen könnten, wenn
wir die Aufträge nach aussen vergäben. Unsere
Leute wissen, wie man Gerüste um Türme baut,
ohne sie mit Bohrungen im Mauerwerk zu verankern»,
erklärt Barbara Schock-Werner. Zu den grossen
Arbeitsvorhaben der kommenden Jahre zählen die
Sanierung der beiden Haupttürme und die Bergung der
Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Die 157 Meter hoch
aufragenden Türme haben nicht unter der Verwitterung
gelitten, sondern unter Rostsprengungen: Eisendübel
zur Befestigung von Bauteilen sind im Laufe der Jahre
verrostet und haben so Gesteinsbrocken abgesprengt. Um
die Arbeiten ausführen zu können, mussten zwei
je 750 000 Mark teure Spezialgerüste angefertigt
werden, die um die Türme herumwandern können.
Zwei Jahre, so schätzt Barbara Schock-Werner, wird
es dauern, um nur eine Turmkante zu sichern. Bei 8 Kanten
bedeutet das eine voraussichtliche Gesamtarbeitszeit von
16 Jahren. «Der Dom hat eben andere Zeiten, als wir
sie sonst beim Bau kennen», weiss die
Dombaumeisterin.
Die 2 Meter 80 grossen Engelsfiguren, die zwischen den
Filialtürmen vor dem vierten Obergeschoss des Domes
stehen, haben stark unter Witterungseinflüssen
gelitten. Sie sind im Gegensatz zum übrigen Bau
nicht aus Obernkirchener Sandstein gearbeitet, sondern
aus einem weicheren Kalkstein von Caen. Immer
häufiger fanden sich abgefallene Teile dieser Engel
vor den westlichen Portalen. Die Figuren werden deshalb
abgebaut und am Boden restauriert. Anders als unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg gilt heute bei allen
Restaurierungsarbeiten das denkmalpflegerische Prinzip
grösstmöglicher Orginaltreue. Nur wenn alte
Teile ihre Funktionen nicht mehr erfüllen
können, wird die Dombaumeisterin neue Formen
erlauben. Dies gilt zum Beispiel für die geplante
Neugestaltung des Westeingangs, der dem Besucherandrang
nicht mehr gewachsen ist.
Einsatz moderner Technik
Bei der Bewahrung der historischen Gestalt des Domes
und zur Sicherung seines Materials nutzt die
Dombauhütte alle Möglichkeiten moderner
Technologien. So werden freistehende Skulpturen mit einer
Acryl-Volltränkung witterungsbeständig gemacht.
Verschmutztes Gestein lässt sich mit Laser
erfolgreich reinigen. Die Punktiermethode erlaubt den
Steinmetzen die Herstellung exakter Kopien, die an der
Aussenseite des Domes oft die im Depot gelagerten
Originalskulpturen ersetzen. Ultraschall vergrämt
die Tauben. Und die auch vor den Domwänden nicht
haltmachenden Graffiti-Schmierer haben aufgeben
müssen, seit ihre Verunzierungen sofort von dem mit
einem Schutzanstrich versehenen Mauerwerk abgewaschen
werden können. Gegen den Vandalismus einer
Punker-Rotte, die die südliche Fassade
beschädigte, hilft jetzt allerdings nur ein Gitter.
Bei der Restaurierung mittelalterlicher Glasmalerei
setzt man immer noch ganz auf die mühselige
Reinigungsarbeit mit feinen Pinseln. Das Glas hat im
Laufe der Jahrhunderte auf die Umwelteinflüsse
chemisch reagiert und seine Oberfläche
verändert. Die noch nicht gesäuberten Scheiben
in der Werkstatt wirken kaum noch transparent, eher grau.
Da bleibt nichts anderes übrig, als die Schmutz- und
Gipsschichten in vorsichtiger Handarbeit zu entfernen,
die jede Beschädigung der Malerei zu vermeiden
trachtet. Auch hier gibt es allerdings erste Versuche mit
einer Laser-Reinigung. Die mittelalterlichen Fenster, die
nach ihrer Säuberung in der Werkstatt wieder ihren
angestammten Platz im Dom einnehmen, erhalten jetzt immer
häufiger eine Schutzverglasung, die künftig die
Witterung von ihnen fernhalten soll.
Kirche und Denkmal in einem
Im Inneren droht dem Dom Schaden durch die
Besuchermassen. «Es ist unglaublich, welche Menge an
Dreck die Leute hineinbringen», berichtet Barbara
Schock-Werner und fügt mit der ihr eigenen Ironie
hinzu: «Ich werde mir jetzt Gedanken über einen
sakralen Fussabstreifer machen müssen.» Vor
allem das Bodenmosaik im Chorumgang zeigt mittlerweile
Schäden. Hier könnten
Zugangsbeschränkungen erfolgen, die für den
übrigen Dom jedoch niemand will. Denn Barbara
Schock-Werner ist nicht bloss Kunsthistorikerin, sondern
auch katholisch und lässt keinen Zweifel daran, dass
sie immer auch die andere, die erste Funktion des Doms im
Blick hat: «Wir dürfen nie vergessen, dass der
Dom Denkmal und Kirche ist, und als Kirche muss er immer
für alle offenstehen.»
© Neue Zürcher Zeitung -
28.05.1999