Entfernung der Kreuze von Auschwitz
Festnahme des katholischen
Fundamentalisten Switon
Sondereinheiten des polnischen Innenministeriums haben
am Donnerstag den radikalen Katholiken Switon
festgenommen, der zur Verteidigung eines Waldes von
Kreuzen seit Monaten vor dem früheren
Konzentrationslager Auschwitz campiert. Mit der Aktion
verhinderte die Regierung, dass Switons Protest
während des Papstbesuchs im Juni zu einem
Medienereignis wird, das Polens Image schaden
könnte.
ruh. Prag, 28. Mai
Der seit fast einem Jahr andauernde Protest des
katholischen Fundamentalisten Kazimierz Switon auf dem
sogenannten Kiesplatz vor dem früheren
Konzentrationslager der Nazis in Auschwitz ist von
Sondertruppen des polnischen Innenministeriums am
Donnerstag abend in einer dramatischen Aktion beendet
worden. Der Eingriff fand statt, nachdem Switon
bekanntgegeben hatte, er habe den Zugang zu seinem
Wohnwagen, in welchem er seit Monaten campiert, vermint;
ebenso zu einem jüngst von ihm errichteten
Holzhäuschen, das er «Kapelle» nennt, das
aber ohne das nach kanonischem Recht notwendige
Einverständnis der zuständigen Diözese
entstanden war. Wenn die Regierung die Kapelle und die
Holzkreuze auf dem «Kiesplatz» entfernen wolle,
müsse sie dabei über seine Leiche gehen, warnte
Switon. Angerückte Polizisten von Anti-Terror-
Einheiten führten darauf kontrollierte Detonationen
von vorgefundenen Plasticsprengkörpern durch und
nahmen Switon zur Einvernahme wegen unerlaubten Besitzes
von Sprengstoff und öffentlicher Gefährdung
fest. Dann wurde das Gelände nach weiteren
Sprengkörpern abgesucht.
Öffentliches Ärgernis
Nach einer Verständigung zwischen Regierung und
Episkopat wurde am Freitag früh auch mit der
Demontage der rund 300 Kreuze auf dem
«Kiesplatz» begonnen. Am Ort verbleiben soll
nur das rund acht Meter hohe sogenannte Papstkreuz, an
dem sich vor zehn Monaten die Kontroverse entzündet
hatte. Unter dem Kreuz hatte Papst Johannes Paul II. 1979
auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers
Birkenau gebetet; darauf war es auf den
«Kiesplatz» verlegt worden. Jüdische
Vereinigungen forderten jedoch seine Entfernung mit der
Begründung, an den Gedenkstätten früherer
Todeslager der Nazis sollten keine religiösen
Symbole stehen. Katholische Fundamentalisten riefen
jedoch unter Switons Federführung zur Verteidigung
des Paptskreuzes auf; es sollten weitere Kreuze auf dem
«Kiesplatz» aufgestellt werden. Die katholische
Kirche in Polen distanzierte sich zwar von Switons
Aktion, nahm jedoch zumindest zu Beginn keine eindeutig
verurteilende Haltung ein. Switons Fanatismus und
antisemitische Ausfälle wurden für offizielle
Stellen aus Kirche und Politik aber zunehmend zum
Ärgernis und zu einer internationalen Belastung,
weshalb sich der Aktivist bald isoliert sah.
Der Papstbesuch als Druckmittel
Mit einem Gesetz über Schutzzonen um neun Orte
des Massenmordes aus dem Zweiten Weltkrieg, das am 25.
Mai in Kraft trat, hatten Regierung und Parlament die
Grundlage für eine Beendigung des peinlichen
Konflikts geschaffen. Vor Wochenfrist hatte deshalb
Switon einen Katalog von Forderungen vorgelegt, nach
deren Erfüllung er freiwillig den Kiesplatz
räumen würde. Er verlangte unter anderem eine
gesetzliche Garantie, dass das Papstkreuz an seinem Ort
bleibt, und erklärte, die anderen Kreuze
dürften nur von denjenigen Personen entfernt werden,
die sie wenn auch auf seinen Aufruf hin
aufgestellt hätten. Sein Angebot stellte Switon als
«Geschenk für den Heiligen Vater» dar,
damit dieser ohne Sorgen seine Pilgerreise antreten
könne. Der Vatikan signalisierte indes, dass er in
keinem Fall eine Stellungnahme zum Konflikt abgeben
werde.
Mit der Polizeiaktion machte auch die Regierung klar,
dass sie sich mit dem Papstbesuch nicht erpressen
lässt. Jedoch erhoffte sich offensichtlich nicht nur
Switon, diesen für seine Zwecke zu nutzen. Im
Vorfeld der Pilgerreise streben nämlich auch andere
Interessengruppen danach, der Regierung noch schnell
Zugeständnisse abzuringen. So kam es zum
Wochenbeginn zunächst zu heftigen Demonstrationen
von Bergarbeitern vor dem Regierungsgebäude. Am
Donnerstag nahmen ferner unzufriedene Bauern ihre
Strassenblockaden vom Januar wieder auf. Während
Proteste zur Zeit des Papstbesuchs wohl auf die
Demonstranten selbst zurückfallen würden, sind
Medienkommentatoren der Meinung, dass Bauern und
Bergarbeiter die Situation jetzt dazu nutzen
möchten, der Regierung ihre Stärke ins
Gedächtnis zu rufen und sie unter Druck zu setzen.
© Neue Zürcher Zeitung -
29.05.1999