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Genauigkeit und Seele

Über einige Sendestörungen der Kirchen

Die Gründung eines «Erdensekretariats für Genauigkeit und Seele» schlug Robert Musil in seinem Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» vor. Ironisch reagierte er damit auf die Beobachtung, dass sich diejenigen, die von der Seele reden, im Ungenauen verlieren, während die Genauen in Wissenschaft und Technik keine Seele mehr kennen wollen. Genauigkeit wiederum liess Musil dieses holzschnittartige Schema genau betrachten und korrigieren.

Mit einem durchaus ernsten Unterton liesse sich ein solches Musilsches Sekretariat den Kirchen empfehlen. Denn die Vermutung liegt nahe, dass sich ihre schwindende Bedeutung auf die Ungenauigkeiten zurückführen lässt, die sie sich in ihren alltäglichen Äusserungen leisten. Demnach wären nicht Wissenschaft und Technik daran schuld, dass die christliche Botschaft auf ein immer geringeres Interesse stösst, sondern die Art und Weise, in der sie verbreitet wird.

Tonlagen

Besonders offenkundig werden die Defizite bei den kirchlichen Auftritten in den Medien. Jeder hört innerhalb von Sekunden die spezifische Tonlage der Radio- und Fernsehgeistlichen heraus. Darüber ist viel gewitzelt worden. Doch liegt in der Tonlage mehr ein Symptom, nicht der Grund für die Schwierigkeiten der Geistlichen, etwas zu sagen, was zuletzt sogar überzeugend wirken könnte.

Nur einige Beispiele aus jüngster Zeit: Eine Pastorin hat im «Wort zum Sonntag» des ARD- Fernsehens einige Pillenschachteln aufgebaut und behauptet, die meisten Menschen schluckten Pillen gegen Depressionen. Ob Hiob das wohl auch getan hätte? Damit möchte sie den Hörern den Gedanken nahebringen, dass die dunklen Stunden zum Leben gehören und nicht einfach medikamentös zugedeckt werden sollen. Dabei unterscheidet sie nicht zwischen Lebenskatastrophe und Depression, sondern setzt beides in eins. Sie hat ja nur einen «Einstieg» gesucht, um ihre Religion als Mittel gegen Depression anzupreisen. Ungewollt erweckt sie mit ihren Ausführungen den Eindruck, chemische Antidepressiva seien äusserst wirkungsvolle Mittel.

Ein Radiopfarrer fragt nach dem Vertrauen ins Leben. Antwort: Weihnachten liefere Lebensvertrauen, denn wegen der Menschwerdung Gottes würden im christlich geprägten Mitteleuropa alle Menschen als Ebenbilder Gottes betrachtet und entsprechend geachtet, was sich in der staatlich garantierten Wohlfahrt ausdrücke. – Das ist alles gut gemeint, aber befremdlich, denn für Christen ist herkömmlich nicht Weihnachten das Lebensvertrauen schenkende Hauptfest, sondern Ostern. Erst recht befremdet es, wenn ein Theologe so tut, als seien die Menschenrechte samt staatlich garantierter Grundversorgung auf die Lehre von der Menschwerdung Gottes zurückzuführen. Der Vatikan hat erst vor kurzem die Menschenrechte anerkannt.

Beliebig liessen sich diese Beispiele vermehren. Eine katholische Theologin behauptet, ihr Achtjähriger frage sie jeden Abend: «Mama, gibt es Krieg heute nacht?» Sie reagiert in ihrer Ansprache auf den Kosovokrieg, der gerade begonnen hat. Es sei dahingestellt, ob ein Achtjähriger tatsächlich in diesen Worten jeden Abend diese Frage stellt. Wiederum: Dieser «Einstieg» soll der Theologin ja nur dazu dienen, auf das Leiden hinzuweisen – um dann sagen zu können, jede Geburt sei «ein Zeichen der Hoffnung und der Menschlichkeit» und deute darauf hin, dass «Gott die Menschheit trotz allem noch nicht aufgegeben hat». Die «Mächtigen» wiederum zerträten diese Zeichen, schlachteten Kinder ab. Mit dem religiösen Schema, nach dem Macht zumindest verdächtig, wenn nicht von vornherein böse ist, erklärt diese Pastorin diesen Krieg. Mehr, meint sie wohl, braucht man nicht zu wissen.

Robert Musils Idee vom «Erdensekretariat für Genauigkeit und Seele» steht im Kontext eines Romans, der damit anfängt zu zeigen, dass einstmals klare Begriffe wie beliebige Etiketten verbraucht werden. Daher kann ein Rennpferd auch schon einmal «genial» genannt werden. Sind Etiketten erst einmal in der Welt, so Musil, müssen sie gebraucht werden, gleichviel ob es dafür geeignete Klebeflächen gibt oder nicht. Goethe war ein «grosser Dichter»: Also wird dieser Begriff weiterverwendet und auch dem Mittelmass angehängt.

Nicht alle, aber allzu viele kirchliche Äusserungen wirken wie diese Etikettenkleberei. Man hat bestimmte Begriffe aus alten Zeiten und klebt sie auf neue Sachverhalte. Das geht aber nur, wenn man nicht zu genau hinschaut. So fragen manche Geistliche weder danach, in welchem Zusammenhang die gebrauchten Begriffe innerhalb der eigenen Tradition stehen, noch danach, wie die Sachverhalte, die sie herbeizitieren, genau beschaffen sind. Diesen steinigen Weg scheuen Theologen allzu häufig. Sie erwecken so den Eindruck, als wollten sie sich nicht dem Risiko aussetzen, am Ende dieses Weges ohne eine Antwort dazustehen. Deswegen antworten sie, bevor überhaupt die Fragen sorgfältig gestellt worden sind. Auf diese Weise entsteht ein ödes Einerlei, in dem alles zu allem passt. Die Depression passt zu Hiob, die Menschenrechte gehen auf Weihnachten zurück, und der Kosovokrieg lässt sich offenbar ausreichend verstehen, wenn man ihn mit Kinderaugen betrachtet.

Schrecklich einfach

Diese Tendenz zur schrecklichen Vereinfachung findet sich auch auf höchsten Kirchenetagen. Ein Beispiel dafür liefert Joseph Kardinal Ratzinger. In einem zu Ostern erschienenen Interview beklagt er einmal mehr den zunehmenden Agnostizismus und Atheismus. Damit lässt er die alten Feinde Wissenschaft und Marxismus auferstehen – und merkt nicht, dass es heute einen kämpferischen Atheismus gar nicht mehr gibt. In Polen war die katholische Kirche stark, als sie in den Kommunisten noch Gegner hatte. Heute muss sie sich auch dort in einer Welt orientieren, in der unterschiedliche Anschauungen nebeneinander existieren, ohne dass dies die Zeitgenossen noch sonderlich aufregte.

Auf diesen breit gefächerten modernen Differenzierungsprozess in der Wahrnehmung der Welt und der eigenen Lebensfragen antwortet die kirchliche Verkündigung kaum in angemessener Weise. Ganz im Gegenteil hat Kardinal Ratzinger in dem erwähnten Interview gerade diesen Prozess denunziert. Wo jeder «sich seine eigenen Gedanken machen könne», regiere die Subjektivität und die Kirche zerfalle, sagt er da. Er bemerkt nicht, dass die von ihm beklagte «Subjektivität» überhaupt nicht zu dem von ihm gleichfalls behaupteten «Siegeszug der naturwissenschaftlichen Vernunft» passt. Er sieht sich nur von Feinden umstellt: Naturwissenschaft und Subjektivität. Bereitschaft zum Zuhören, zur Genauigkeit, zur exakten eigenen Positionsbestimmung in einer sich immer schneller wandelnden Welt lässt sich daraus nicht entnehmen.

Die «Schwäche der Kirchen», wie es inzwischen auch in der kirchennahen Publizistik heisst, bereitet mittlerweile sogar Kreisen Sorge, die bisher nicht durch christliche Fürsprache aufgefallen sind – in Deutschland sind es Teile der Grünen und der SPD. Die Befürchtung wird geäussert, christliche Traditionen könnten völlig verschwinden und der Gesellschaft könne damit eine ihrer Grundlagen entgleiten. Kardinal Ratzinger und mit ihm viele andere würden wohl statt dessen die fortschreitende «Säkularisierung» anprangern.

Dabei hat es mit Säkularisierung wenig zu tun, wenn die Kommunikation für die Kirchen schwieriger geworden ist. Die Pfarrerinnen und Pfarrer müssen sich daran gewöhnen, vor einem «informierten Publikum» zu sprechen, das sich mit gut gemeinten, aber zu simplen Gleichsetzungen nicht mehr abspeisen lässt. Dieses Publikum reagiert zunehmend allergisch darauf, dass es immer wieder mit dem Nebel des Ungefähren besprüht wird und daraufhin auch noch Andacht zeigen soll.

Stephan Wehowsky

 

© Neue Zürcher Zeitung - 29.05.1999

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