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Den Weg zu Gott bahnen

Qumran – eine Ausstellung in St. Gallen

«Qumran» ist der arabische Name eines Schutthügels in der Wüste Juda am Toten Meer, unter dem vor mehr als 40 Jahren Reste einer antiken Gemeinschaftssiedlung freigelegt wurden. Heute steht fest, dass hier die Schriftrollen, die zuvor in Höhlen, die der Siedlung gegenüberliegen, gefunden wurden, studiert und wohl zum grössten Teil hergestellt worden sind. Qumran war nicht nur ein Ort frommer Textstudien, sondern auch so etwas wie ein publishing house. Nicht sicher, aber doch sehr wahrscheinlich ist, dass diese Gemeinschaft identisch ist mit derjenigen wohlorganisierten Gruppe im Judentum hellenistisch-römischer Zeit, welche wir aus antiken Berichten unter dem Namen «Essener» kennen. Neben den Pharisäern und Sadduzäern haben wir es bei den Qumran-Essenern mit einer Richtung der jüdischen Eliten im Land Israel zu tun. Doch kennen wir die beiden anderen nur aus Fremdberichten, während uns der Text- und der Siedlungsfund vom Toten Meer erstmals über das Selbstverständnis einer dieser Gruppen Kunde gibt.

In die Wüste gehen

In der um 100 v. Chr. – also zur Zeit der Entstehung der Qumran-Siedlung – geschriebenen «Gemeinderegel» findet sich eine Gründungsgeschichte, nämlich die Anweisung, «in die Wüste zu gehen» und dort – entsprechend der berühmten, auch für Johannes den Täufer und die Jesusbewegung so wichtigen Stelle beim Propheten Jesaja – «den Weg für Gott zu bahnen», freilich: durch das Studium der Thora und der Propheten.

Wirft dies schon einiges Licht auf das Charakteristische dieser Gruppe, auch auf ihre endzeitliche Gestimmtheit, so wissen wir aus vielen anderen Texten, dass ihre Lebenskonzeptionen und Zukunftshoffnungen zugleich eine Kritik an der religiösen und politischen Realität der Jerusalemer Eliten, insbesondere am hasmonäisch usurpierten Hohepriesteramt, ausdrückten. Doch obwohl die religiösen Konzeptionen der Essener in vielen Aspekten von denen der Jerusalemer Eliten, namentlich der Pharisäer, abwichen, blieb ihr Anspruch auf ganz Israel und zumal auf den Tempel immer erhalten.

Die priesterliche Prägung der Gemeinschaft ist unverkennbar. Da zudem der Aufenthalt in Qumran, wo gleichzeitig kaum mehr als 50 Personen lebten, mit zeitweiliger Trennung von den Ehefrauen und Familien zusammenfiel, hat man sie auch als erste monastische Lebensform gedeutet. Und diese Analogie zum europäischen Klosterwesen scheint weiteren Anhalt daran zu finden, dass die Qumran-Siedlung ähnlich einem Kloster aus Wirtschaftstrakt, Wohn- und Schlafräumen, gemeinsamem Ess- und Versammlungsraum und nicht zuletzt aus zwei weiteren Räumen bestand: einem, in dem Schriftrollen hergestellt bzw. kopiert wurden, und einem anderen, der die Bibliothek und Platz für das Studium der Texte enthielt.

Keine grossen Schriftrollen

Es ist darum kein Zufall, dass die von der Israel Antiquity Authority aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens des Staates Israel organisierte erste Qumran-Ausstellung in Europa nach Köln, Glasgow und dem Vatikan nun auch in St. Gallen zu sehen ist, der Stadt, die eine der ältesten Klosterbibliotheken der Welt birgt. Zugleich wollte man wohl mit dieser Europatournee der Anfang der neunziger Jahre heftig artikulierten Kritik an der angeblich schleppenden und womöglich von finsteren Interessen geleiteten Edition der Qumran- Texte aufklärend entgegenwirken. In dem Machwerk «Verschlusssache Jesus» war sogar mit einem Hauch von Umberto Ecos Klosterkrimi «Der Name der Rose» – wie ein Forscher treffend bemerkt hat – insinuiert worden, dass der Vatikan die Wahrheit über Jesus, die in diesen Texten schlummere, unterdrücken wolle. Wahr ist jedoch allein, dass bis dahin die nach der sensationellen Entdeckung einsetzende seriöse Forschung einen Dornröschenschlaf der Experten schlief.

Dies freilich zu Unrecht. Denn ohne Zweifel – und das lässt auch die Ausstellung in St. Gallen ahnen – vermittelt uns der Schriftfund vom Toten Meer einen faszinierenden Einblick in innerjüdische Diskurse in der Zeit des Zweiten Tempels. Die Ausstellung zeigt (neben Tellern, Krügen, Münzen und anderen Materialien) zwar nur einen winzigen Ausschnitt der umfangreichen Bibliothek und leider keine der grossen Schriftrollen, doch sind die Exponate einigermassen repräsentativ für die Textsorten der Schriftfunde. So werden von den genuinen Qumran-Schriften Fragmente der «Damaskusschrift», der «Gemeinderegel» und der «Kriegsrolle», der «Kalenderschrift», der «Schabbatopfergesänge» und eines Kommentars zum Propheten Hosea gezeigt; von den Bibelhandschriften ein Fragment des Buches Leviticus (3. Mose) und der Psalmen, das kanonische und apokryphe Hymnen enthält, und von vorher bekannten apokryphen beziehungsweise pseudepigraphen Werken ein Fragment des apokalyptischen Henoch-Buches. Hinzu kommt ein Beispiel, das die Produktion von Gebetsriemen (Tefillin) belegt.

Besonders interessant sind zwei andere Fragmente. Das eine ist ausgerechnet eine Gratulation für den Hasmonäerkönig Jonathan, der mit gräzisiertem Namen Alexander Jannai hiess (103–76 v. Chr.). Angesichts der höchst kritischen Einstellung zu dieser Dynastie in Qumran überrascht ein Gebet für das Wohlergehen eines ihrer Vertreter. Allein, er wird im Qumran-Kommentar zum Propheten Nahum der «Zorneslöwe» sein, der die Seleukiden zurückschlägt und Pharisäer hinrichten lässt: Vollstrecker göttlichen Gerichts.

Das andere Fragment ist Teil der Abschrift eines Schreibens, das womöglich noch der «Lehrer der Gerechtigkeit» selbst, der Gründer von Qumran, an den «Frevelpriester» in Jerusalem (vielleicht der Hohepriester Jonathan) gesandt hat und in dem er die wichtigsten, für ihn allein der göttlichen Thora entsprechenden kalendarischen und religionsgesetzlichen Vorschriften summiert, zu denen der Adressat zurückkehren solle. Offenbar war dieser Brief der Versuch einer Versöhnung, allerdings einer zu den Bedingungen des Absenders, weswegen er fehlschlagen musste. Er ist freilich typisch für den durch Auslegungs- und Offenbarungsgewissheit geprägten Ausschliesslichkeitsanspruch der Qumran-Essener, der alle, die ihn nicht teilten, der Masse der «Verlorenen» zuschlug, darin nicht unähnlich manchen Tendenzen in der späteren Jesus-Bewegung. Auch hinsichtlich messianisch-apokalyptischer Konzeptionen und asketischer Lebensformen im Urchristentum und nicht zuletzt im Gemeindeverständnis und in Disziplinarverordnungen gibt es Berührungen. – Allein, dies alles lässt nicht den Schluss zu, dass es irgendwelche Querverbindungen persönlicher Art gab, auch wenn Spekulationen darüber höchst beliebt sind. Ist doch auch die erste Jesus-Bewegung eine charismatische Gruppe der jüdischen Unterschicht – freilich kaum so gelehrt und vermögend wie die Essener. Bewiesen wird mit den Qumran-Texten aber, dass das komplex- pluralistische Judentum hellenistisch-römischer Zeit trotz allen Parteiungen und Konflikten einen durchaus reichen Schatz an gemeinsamen Überzeugungen, Institutionen und Praktiken teilte. Und es ist dieser «common Judaism», dem sich die Essener wie, wenn auch in anderer Weise, die Christen verdanken. Wenn die Werbung im Prospekt der Ausstellung die Schriftrollen vom Toten Meer «die ältesten erhaltenen Handschriften des jüdischen und des christlichen Glaubens» nennt, gibt sie leider auch den haltlosen Spekulationen nach. Doch angesichts der Seriosität und museumsdidaktischen Professionalität, die im übrigen in der Ausstellung selbst und dem prächtigen Katalog dazu waltet, sei dies geschenkt.

Ekkehard W. Stegemann

Die Ausstellung ist bis zum 8. August im Regierungsgebäude im Stiftsbezirk St. Gallen zu sehen. Sie steht unter dem Patronat von Bundespräsidentin Ruth Dreifuss und von Israels Staatspräsident Ezer Weizman. – Katalog Fr. 32.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 31.05.1999

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