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Synodalwahlen der beiden Landeskirchen am 13. Juni

Die Mitglieder der Evangelisch-Reformierten und der Römisch-Katholischen Landeskirche haben am 13. Juni ihre Synoden neu zu bestellen. Es gehört zur demokratischen Verfassung der Landeskirchen, dass sie über ein Parlament verfügen. Die Wahl der 180 reformierten und der 101 katholischen Synodalen geschieht jedoch ohne grosses Aufsehen.

 

pi. In der Flut von eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Volksabstimmungen vom 13. Juni gehen die Synodalwahlen der Evangelisch-Reformierten und der Römisch-Katholischen Landeskirchen regelrecht unter. Man muss fairerweise hinzufügen, dass die Neubestellung der beiden Kirchenparlamente nie grosse Wellen wirft, da es selten zu Kampfwahlen kommt und die Kandidierenden kaum je umstritten sind. Die Evangelisch-Reformierte Synode setzt sich aus 180 Mitgliedern zusammen; der Römisch-Katholischen Kirchensynode werden in der Amtsdauer 1999–2003 neu 101 Frauen und Männer (anstatt 105) angehören.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Die Kirchensynoden sind das gesetzgebende Organ der Landeskirchen und arbeiten nach den üblichen parlamentarischen Regeln. Ihre Geschäftsordnungen sind in Anlehnung an die des Kantonsrates gestaltet worden. Die Amtsdauer beträgt vier Jahre; erfahrungsgemäss werden bei jeder Wahl rund ein Drittel der Synodalen ersetzt. Die Mitglieder der evangelischen Synode werden nicht von den Kirchgemeinden, sondern von den vom Regierungsrat festgelegten Wahlkreisen abgeordnet. Die Kirchensynode behandelt die ihr vom Kirchenrat (der Exekutive) vorgelegten Geschäfte nach eingehender Vorarbeit des Büros oder der zuständigen Synodalkommissionen, zu denen nebst der vorberatenden die Geschäftsprüfungs- und die Rechnungsprüfungskommission gehören. Diese legen der Synode ihre Anträge und Berichte vor. Die Mitglieder der Synode haben die Möglichkeit, durch Vorstösse die Bestimmungen des Kirchengesetzes und der Kirchenordnung zu revidieren oder den Kirchenrat zu Stellungnahmen zu veranlassen.

Die katholische Synode befasst sich mit kantonalen, also überpfarreilichen Aufgaben wie der überregionalen Spezialseelsorge, der kirchlichen Verwaltung, dem Finanzausgleich unter den Kirchgemeinden und anderem. In der Synode wird nicht über Glaubensfragen abgestimmt; sie befasst sich mit Verwaltungs- und Finanzfragen, gibt der Zentralkommission (der Exekutive) den Rahmen für die Verwendung von Steuergeldern. Jede Kirchgemeinde wählt auf die Dauer von mindestens vier Jahren ein Synodalmitglied. Grösseren Kirchgemeinden steht für je 6000 Kirchenmitglieder eine Vertreterin, ein Vertreter zu. Wo nur ein Synodalmitglied gewählt wird, geschieht dies nach dem Majorzsystem, in Wahlkreisen mit mehr als einem Mitglied im Proporzverfahren. Die Mehrheit der Synodalen muss dem weltlichen Stand angehören.

Die evangelische Synode kennt vier Fraktionen: den Synodalverein, die religiös-soziale, die liberale und die evangelisch-kirchliche Fraktion, denen sich die Synodalen erst nach der Wahl anschliessen. Anders als in der Politik werden die Synodalmitglieder nicht nach ihrer Parteifärbung gewählt; sie organisieren sich erst nach der Wahl in diesen Gruppierungen, um ihren Interessen Struktur und Gewicht zu verleihen. Abstimmungen erfolgen allerdings fraktionsübergreifend; die Fraktionszugehörigkeit ist unverbindlich. Im Gegensatz dazu kennt die katholische Synode keine «politischen», sondern vier geographische Fraktionen, welche deckungsgleich mit den vier Dekanaten des Kantons Zürich sind (Albis, Oberland, Winterthur und Zürich).

Eine Idee der Reformation

Die reformierte Kirchensynode geht auf die Reformation zurück. Zwingli rief eine gemischte Synode ins Leben, die bald in eine reine Pfarrerversammlung mutierte. Diese befasste sich vorwiegend mit der Amts- und Lebensführung der Geistlichen; Entscheide zu Kirchenfragen fällte der Rat der 200, später der Grosse Rat. Die alte Synode war in keinerlei Hinsicht ein demokratisches Organ und hatte keine legislativen Befugnisse. Eine erste Entflechtung von Kirche und Staat kam mit dem liberalen Kirchengesetz von 1831, das die kirchlichen Befugnisse weitgehend der Synode übertrug und das Ende der obrigkeitlichen Staatskirche einleitete. 1895 wurde dann die gemischte Synode von Pfarrern und Laien als eigentliche kirchliche Volksvertretung geschaffen; 1963 durften auch Frauen Einsitz in die reformierten Synode nehmen.

Die katholische Synode des Kantons Zürich konstituierte sich 1983 als Kirchenparlament, zwanzig Jahre nachdem die römisch-katholische Körperschaft durch das Kirchengesetz die öffentlichrechtliche Anerkennung erhalten hatte. Ausgangspunkt für die neue Struktur der Körperschaft war die Initiative zur Trennung von Staat und Kirche aus dem Jahr 1977 gewesen, welche deutlich verworfen wurde. Es wurde aber der Wunsch nach der Schaffung einer kantonalen Legislative, einer Synode, erhoben. Nach Ansicht von Synodenpräsident Markus Arnold muss eine in der Schweiz beheimatete Kirche die demokratischen Traditionen berücksichtigen. Ein Kirchenvolk, das sich aktiv um viele Belange des Kirchenlebens engagiere, werde ernster, selbst- und verantwortungsbewusster wahrgenommen. Daher sei ein Kirchenparlament für eine katholische Körperschaft nicht ein Fremdkörper, sondern ein Segen.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 01.06.1999

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