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Am Westrand der Schweiz

Streifzug durch Moiry, Romainmôtier, La Sarraz – und über den Lac Léman

Ein wunderbares Waldgelände! Es liegt vor dem völlig abgelegenen, nur von zweihundert Seelen bewohnten Dorf Moiry. Auf der kleinen Strasse, die sich – gut sechshundert Meter über Meer – durch den Mischwald zieht, fährt alle dreissig Minuten ein Auto. Alle volle Stunde zieht vielleicht ein Velofahrer daher. Sonst passiert nichts. Abseits der Strasse ist es einsam, still und friedvoll. Ein Wald als Refugium. Es stellt sich die Empfindung ein, weit weg, zum Beispiel irgendwo im Westen Irlands, zu sein. Oder im Norden von Schweden. Dabei sind wir in der Schweiz, genauer: am westlichen Rand des Landes, in der «Provinz» des Waadtlands, dort, wo im Nordosten Orbe liegt, im Osten La Sarraz (mit dem Château de la Sarraz) und im Westen, auf über tausend Meter Höhe, das Wasser des Lac de Joux.

An der Peripherie

In der Tat: den Metropolen mit dem zermürbenden Verkehr, mit der steten Reizüberflutung, mit mannigfachen Vergnügungsangeboten steht die Peripherie gegenüber, jenes Terrain, wo noch Ackerbau, Viehzucht und Forstwirtschaft betrieben wird, wo kein Tourismusbüro grossflächig informiert, indem es viele bebilderte Prospekte zum Durchblättern anbietet. Metropolen wie Lausanne, Genf oder Yverdon stehen jenen Landschaften gegenüber, wo man am einsamen Nachmittag kreisende Raubvögel am Himmel und Käfer auf der Erde beobachten kann. Es sind genau die Landschaften, wo sich die Füchse gute Nacht sagen . . . Dass die Füchse am Abend in reicher Zahl kommen, bestätigt uns ein Einwohner des Dorfes Moiry. Und der Mann erzählt, dass durchs Waldgelände, nahe Ferreyres, die Wildschweine ziehen. Am Westrand der Schweiz Ferien machen? Hier Entspannung suchen, hier, wo die nur wenige Kilometer entfernte Verbindungsstrasse zwischen Premier und Le Pont sofort an nordamerikanische Berglandschaften erinnert und handkehrum auch ein Ort namens L'Orient nicht fern ist?

Wir haben es versucht – und es ist gelungen. Die Wälder und die kleinen Wege, angelegt zwischen Weizen-, Mais- und Kartoffelfeldern, laden zu langen, beschaulichen Spaziergängen ein. Und zu schönen Velotouren. Man durchstreift freie Natur, stundenlang. Das Auge kann sich entspannen. Und weil es entlastet ist, kann es endlich einmal Details wahrnehmen. Plötzlich entdecken wir, dass die Wege in den Dörfern hier noch keine Begradigungen erfahren haben. Die Wege durchziehen das Dorf in mehreren Kurven, Abzweigungen führen teilweise ohne Trottoirabsatz direkt bis zu den Mauern der Bauernhäuser. Pferde schauen aus den Bestallungen. Jede Menge Katzen huschen durch Obstgärten. Und in den Beizen, etwa in der von Moiry, hängen kleine Schilder, die den Preis für ein Glas Milch verkünden (Fr. 2.40). Gibt es denn keinen offenen Weisswein?

Wer im Frühsommer – gestärkt durch ein Glas Milch – den Wald von Moiry über sechs Kilometer nach Norden durchstreift, kommt zunächst nach Envy. Und erfüllt von aller Ruhe, freut er sich, jetzt gleich – am Oberlauf des Flüsschens Le Nozon – Romainmôtier sehen zu können. Noch wenige Kurven, dann ist es soweit. Wir sehen den spitzen Turm der romanischen Kirche. Beim Näherkommen staunt man über den klaren, kompakten und doch seltsam ausgewogenen Baukörper. Zahlreiche Jahrhunderte haben hier ihre Spuren hinterlassen; die erste Kirche, die an diesem Ort errichtet wurde, geht auf das 5. Jahrhundert zurück. Sie wurde vom heiligen Romanus und vom heiligen Lupicinus gegründet.

Tausendjährige Kirche

Immer wieder wurde der ehemalige Klosterbau restauriert, so auch am Ende des 20. Jahrhunderts, über sieben Jahre hinweg, was der Gesamtanlage guttat, dem Fremdenverkehr aber eher abträglich war. Dies meint zumindest Gabrielle Surer von der «Société pour le Développement de Romainmôtier-Envy». Im nächsten Jahr ist die von Bern finanzierte, umfassende Restaurierung abgeschlossen (augenblicklich werden noch in der Choranlage seitlich des grossen Fensters aus dem 14. Jahrhundert Wandmalereien freigelegt). Im Jahr 2000 soll es ein grosses Fest geben mit Tanz, Theater, Konzerten, Vorträgen. Dann dürfte – so eine Schätzung von Archäologen und Historikern – die durch cluniazensische Mönche an diesem Ort errichtete dritte Kirche tausend Jahre alt sein.

Eine stärkere Auslastung werden dann auch die zwei Hotels vor Ort erfahren. Eines davon, das Hotel Au Lieutenant Baillival, wird von Gabrielle und Theodore Surer unterhalten. In dem 1684 errichteten Bau, in enger Nachbarschaft zur reformierten Kirche gelegen, wohnte über die Jahrhunderte hinweg die Familie Rochaz. Vor dreissig Jahren verkaufte sie das wuchtige Bauernhaus, einschliesslich Garten und Nebengebäuden. Gabrielle Surer begann umgehend zusammen mit ihrem Mann das Haus für Fremde zu öffnen. Seither kommen viele Deutschschweizer an diese Hoteladresse. Das Frühstück wird an einem grossen Tisch aus Kirschbaum unter alten, bemalten Holzbalken eingenommen – zusammen mit anderen Hotelgästen. Vierzehn Personen können in dem Hotel nächtigen.

Romainmôtier als Ausgangspunkt

Erstaunlicherweise existiert in Romainmôtier kein grosses Tourismusbüro. Wir sind eben in der Provinz! Broschüren zur Kirche sind allerdings in einem kleinen Informationsbüro («La Porterie») zu erhalten. Sonst ist nur im Einzelgespräch mit Bewohnern von Romainmôtier zu erfahren, dass 410 Personen hier leben, dass die Schriftstellerin Katharina von Arx mit viel Engagement die «Maison du Prieur» zu einer Begegnungsstätte von Künstlern gemacht hat, dass das Atelier des Bildhauers Etienne Krähenbühl an einem Seitenlauf des Nozon zu finden ist, dass der Weg entlang des Flüsschens ein märchenhafter ist und letztlich nach Le Pont führt. Wir gehen eine gute halbe Stunde dem Nozon flussaufwärts, an stillgelegten Mühlen vorbei. Und Madame Surer hat recht. Es ist ein Weg mit einer sehr besonderen Stimmung, ein Weg, der zur Besinnung auffordert. Innert kürzester Zeit gelingt es, ein wenig die Orientierung zu verlieren. Nur ein Blick auf die Uhr und ein leichtes Hungergefühl erinnern daran, jetzt langsam wieder umzukehren.

Romainmôtier wird gern gewählt als Ausgangspunkt für ausgiebige Wanderungen und Velotouren (neben dem Hotel Au Lieutenant Baillival existiert das Hotel Saint Romain, welches 16 Personen beherbergen kann). Auch ist von Romainmôtier natürlich der Ausritt zu Pferd möglich, was sehr besondere Erkundungen zulässt. Das Prinzip «Entdeckung» ist überhaupt angesagt. Mit der Zeit findet man vorzügliche Restaurants, etwa jenes im Dorf Agiez, das den Namen «Le Normand» trägt und köstliche Pilzgerichte offeriert. Andere Ziele: einen Ausflug machen nach L'Orient am Lac de Joux, wo sich das Flüsschen Orbe durch Wiesen schlängelt. Wir verlassen – nun mit dem Auto unterwegs – die Vallée de Joux und kommen über den Col du Marchairuz (1447 m) auf einen Aussichtsplatz, der den Blick freigibt auf den Lac Léman in der Ferne. Sogar die Häuser von Thonon-les-Bains auf der französischen Seite sind auszumachen. Das Weideland wurde hier oben übrigens nicht mit Hilfe von Zäunen abgesteckt. Vielmehr begrenzen Hunderte von Steinmauern die Weiden. Irische Landschaften?

Hinab nach Bière, Weiterfahrt via L'Isle nach La Sarraz. Hier wartet ein Pferdemuseum auf Besucher, aber vor allem lädt das Schloss aus dem 11. Jahrhundert zu einer Besichtigung ein. Im Gegensatz zu den einsamen Waldspaziergängen haben wir an diesem Ort wieder viel «Zivilisation» vor Augen. Die Konservatorin Catherine Saugy erläutert sachkundig, auf welchen verschlungenen Wegen ehemals zum Beispiel chinesisches Geschirr an diesen Ort gelangte. Sie zeigt, an welchen Öfen der Adel sich wärmte und in welchen (eher kleinen) Betten die Schlossbewohner ehemals schliefen. Sie gibt auch eine Besonderheit preis, indem sie kleine, ovale Wandbilder umdreht und darauf hinweist, dass rückseitig das Haar der porträtierten Person eingewoben wurde.

Stolze Schlossherrin

Zum Stichwort Metropole und Peripherie bleibt uns besonders der Name der letzten Schlossherrin in Erinnerung. Madame Hélène de Mandrot, 1867 geboren als Tochter einer Bankiersfamilie aus Genf, holte – nach dem Tod ihres Mannes Henri de Mandrot im Jahr 1920 – sozusagen die Metropole an die Peripherie der Schweiz. Sie lud Architekten wie Le Corbusier, Filmemacher wie Sergei Eisenstein, Photographen wie Laszlo Moholy-Nagy, Maler wie Oskar Schlemmer, Schriftsteller wie Felix Moeschlin ins Schloss. Neben den sogenannten «Vacances d'Artistes» organisierte sie auch Kongresse, etwa 1929 den Congrès International du Cinéma indépendant. Zeichnungen und Malereien, die ehemals im Schloss entstanden, sind heute noch vor Ort zu begutachten. Auch öffnet uns Catherine Saugy die Tür zu einem Raum mit Photos von Madame de Mandrot: herrschaftlich und stolz liess sich die Schlossherrin ablichten. Peripherie? Nein, am äussersten Rand der Schweiz, dort, wo sich bis heute die Füchse gute Nacht sagen, pflegte man schon früh den Dialog – zwischen Metropole und Peripherie.

Christian Scholz

Informationen: Château de La Sarraz, 1315 La Sarraz, Tel. (021) 866 64 23, Fax 866 11 80. Orbe et Environs, Fondation du tourisme, Tel./Fax (024) 441 52 66. Informationen vorab zur Kirche von Romainmôtier: «La Porterie», 1323 Romainmôtier, Tel. (024) 453 14 65, Fax (024) 453 14 86; allgemeinere Informationen: Maison du Prieur (Seminare, Bibliothek, Konzerte), 1323 Romainmôtier, Tel. (024) 453 13 50, Fax 453 19 15. CGN Compagnie Générale de Navigation sur le lac Léman, av. de Rhodanie 17, case postale, 1000 Lausanne 6, Tel. (021) 614 04 40, Fax 614 04 45.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 03.06.1999

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