Armut nicht mehr länger
ignorieren
Studie lässt Armutsbetroffene in
Uster zur Sprache kommen
Die Befragung von 15 Familien in Uster für
eine Studie der Caritas Zürich verdeutlicht, dass
Armutsbetroffene Experten ihrer eigenen Situation sind.
Sie sollen in Kompetenzzentren, wo die sozialen Angebote
gebündelt werden, ihr Wissen weitergeben
können. Aufgabe dieser Anlaufstellen wäre auch,
die versteckte Armut präventiv anzugehen.
af. Uster als Stadt, die wirtschaftlich und
strukturell zwischen den hochurbanen Zentren und dem
agrarischen Lebensraum liegt, wurde von der Caritas
Zürich als Untersuchungsort für eine
exemplarische Studie über die Armut aus der Sicht
der Betroffenen ausgewählt. Die damit beauftragte
Sozialforscherin Therese Walter vom Institut cultur
prospectiv (Zürich) schreibt von einem
krisengezeichneten mittleren Zentrum, das mit
ungefähr 50 Gemeinden in der Schweiz vergleichbar
sei. Zur Charakteristik gehörten der Abbau von
Arbeitsplätzen in der Industrie die einst
führende Textilindustrie wurde gänzlich
aufgegeben und die Einstufung als
Agglomerationsgemeinde der Stadt Zürich.
Unterschiedlicher Umgang mit Armut
Im September 1996 lag die Arbeitslosenrate in Uster
mit 4,95 Prozent um ein halbes Prozent über dem
kantonalen Durchschnitt. Die Zunahme der Nettoleistungen
von 1994 auf 1995 betrug bei der Sozialhilfe 35, kantonal
11 Prozent, bei der Arbeitslosenhilfe 29, kantonal 20
Prozent. 1990 hatte der Bruttoaufwand der
Fürsorgebehörde für wirtschaftliche Hilfe
an Unterstützungspflichtige gut 1,5 Millionen
Franken ausgemacht, 1996 waren es knapp 5,9 Millionen.
Zunehmend belasten die Sozialhilfeleistungen an
ausgesteuerte Arbeitslose die Stadt. Eine
existenzsichernde Unterstützung beläuft sich
1999 monatlich auf 2500 bis 3000 Franken für einen
Einpersonenhaushalt. Welche Schicksale hinter diesen
Zahlen stecken, zeigt Therese Walter auf Grund von
Gesprächen im Sommer 1997 mit 15 armutsbetroffenen
Familien in Uster, davon 11 Einelternfamilien,
eindrücklich auf. Die sogenannten Klientenquartiere,
wo Überbauungen mit günstigen Wohnungen
vorherrschen, verlieren plötzlich ihre
Anonymität. Wer hätte schon daran gedacht, dass
dort Familien leben, die sich am Monatsende vor allem mit
Milch und Brot ernähren, die nie spontan etwas
unternehmen können und die Angst haben, wenn zwei
Haushaltgeräte gleichzeitig reparaturbedürftig
werden, weil dann von der Behörde Kontrollfragen
kommen?
Laut Studie sind es hauptsächlich drei
Ereignisse, die Knappheiten auslösen:
Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Trennung der Eltern,
Krankheit. Von den einzelnen Betroffenen wird diese
Situation unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Die
einen empfinden Armut als wenig beeinflussbares
Schicksal, die andern weisen das Etikett Armut
zurück, verdrängen und verschweigen den
angewachsenen Schuldenberg. Erst wenn sich die Anzeichen
für einen finanziellen Kollaps verfestigen, gehen
sie eventuell eine soziale Institution um Hilfe an. Eine
mittlere Position nehmen Familien ein, die Armut als
Krise verstehen, welche es mit oder ohne
Unterstützung sozialer Institutionen zu
überwinden gilt. Für Therese Walter kommt die
verschwiegene Armut einem Schwelbrand gleich, der
explodieren kann. Sie sei den Sozialämtern und der
Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Jene sozialen
Experten, die zu Beginn und am Schluss der Studie an
einem Workshop teilgenommen hätten, seien sich
einig, dass gerade in Uster diese Gruppe
Armutsbetroffener besonderer Aufmerksamkeit bedürfe.
Bündelung der Angebote
Es ist das Verdienst der Caritas, mit der Studie all
den Statistiken, Expertenberichten und Hilfskonzepten die
Erfahrungen und die Sichtweise der Armutsbetroffenen
gegenüberzustellen. Für einmal standen sie als
Experten der eigenen Situation im Mittelpunkt. Zutage kam
ein Erfahrungswissen über den Umgang mit der Armut,
von dem nach Überzeugung der Sozialforscherin auch
Beratungs- und Hilfsstellen profitieren können. Sie
plädiert für den Aufbau eines Kompetenzzentrums
zum Handeln in der Armut und gegen Armut. Dort sollten
auch Armutsbetroffene, die die Krise verdrängen,
Fragen stellen können, ohne dass sie Sanktionen
erwarten müssen oder negativ etikettiert werden.
Deshalb sollte diese Anlaufstelle nicht im
Kontrollbereich einer politischen Behörde
angesiedelt sein.
Therese Walter meint, Uster sollte prüfen, wie
dieses Kompetenzzentrum mit den bestehenden Ressourcen,
etwa durch Zusammenlegungen oder eine stärkere
Zusammenarbeit, realisiert werden könnte. Wichtig
wäre, komplexe Situationen armutsbetroffener
Familien als Ganzheit im Team anzugehen, statt wie bisher
verschiedene Beratungsstellen einzuschalten. Eine
wesentliche Funktion des Zentrums wären eine Triage
der tatsächlichen Fälle an die Anlaufstellen
für materielle Hilfe und eine Begleitung jener, die
immateriell oder durch entsprechendes Fachwissen
unterstützt werden könnten. In die Arbeit seien
auch Interessenvertreter, Organisationen und
Kulturträger einzubeziehen, denn es gelte, auf die
lokale Feingliederung der Armut einzugehen.
Zu wünschen ist, dass die Studie in Uster auch
auf politischer Ebene diskutiert wird und das
Kompetenzzentrum nicht zum vornherein mit dem Argument
gebodigt wird, es fehle das Geld. Not tut
Öffentlichkeitsarbeit, die zur Enttabuisierung des
Phänomens Armut beiträgt und ein Klima schafft,
das Offenheit für Krisen zulässt. (Die Studie
Erfahrene Armut in Familien kann
kostenlos bei der Caritas Zürich, Postfach, 8035
Zürich, bezogen werden.)
© Neue Zürcher Zeitung -
04.06.1999