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Sponsoring im Vatikan

Zur privatwirtschaftlichen Vermarktung papaler Projekte

Von Hartmut Benz

Der Umgang der katholischen Kirche mit Geld interessiert, irritiert, provoziert und nährt die Phantasie – seit eh und je. Längst bedienen sich der Heilige Stuhl und der Vatikanstaat bei der Finanzierung ihrer Tätigkeiten nicht nur des Sammelns von Spenden, sondern moderner Methoden wie des Sponsoring und der professionellen Nutzung philanthropischer Aktivitäten. So sollen für die heute beginnende Papstvisite in Polen 25 Privatfirmen bereitstehen, die über 1 Million DM in bar und ein Vielfaches dieser Summe in Dienstleistungen sponsern wollen. Der folgende Text gibt einen Überblick über einen Teil dieses finanziellen Beziehungsnetzes des Vatikans (Red.).

Gibt man der Statistik das Wort, so ist die katholische Kirche so multinational wie nur wenige Organisationen. Im März 1998 bekannte sich in rund 200 Ländern über eine Milliarde Menschen, knapp 17,3 Prozent der Erdbevölkerung, zum Katholizismus. Die Zentralverwaltung der Weltkirche, der Heilige Stuhl, stellt mit ihren 2560 Beschäftigten (1997) das Idealbild einer schmalen Bürokratie dar. Unter den Aspekten von Sachkompetenz, Effizienz und Motivation stellt die römische Kurie die meisten Verwaltungsorganisationen der Erde in den Schatten. Beheimatet ist sie im «Staat der Vatikanstadt», dem (mit 44 Hektar) kleinsten Staat der Welt. Das geographische Minimum dient dem Papst und der ihm zur Seite stehenden Kurialverwaltung als «Funktionsstaat», als unabhängiger Ort für die Ausübung seines geistlichen Primat.

Von der Sixtinischen Kapelle . . .

Die streng voneinander getrennten «weltlichen» und «geistlichen» Behördenzweige können bei der Erstellung ihrer Haushaltspläne auf keine Steuereinnahmen zurückgreifen. Die Staatseinkünfte, aus Briefmarken- und Münzverkäufen sowie Museumseintritten, haben die Bilanzen des Vatikanstaates stets mit schwarzen Zahlen abschliessen lassen. Der Heilige Stuhl kann erst seit 1993 wieder einen Überschuss verbuchen. Neben Renditen aus Anlagekapital und Immobilienwerten kamen dem Heiligen Stuhl wie dem Vatikanstaat in steigendem Masse auch die Arbeit von für die Belange von Papst, Kurie und Vatikanstaat tätigen internationalen Stiftungen sowie Privatinitiativen zugute.

Dabei spielen die zielgerichtet ein bestimmtes Projekt unterstützenden Sponsoren eine immer grössere Rolle. Der erste kapitalkräftige Sponsor war die Nippon Television Network Corp. (Tokio), die 1981 zusagte, die Kosten für die – schliesslich bis 1994 laufende – Restaurierung der Sixtinischen Kapelle (12 Millionen Dollar) zu tragen, und der Museumsverwaltung zudem 3 Millionen Dollar zahlte, um bis 1997 die Exklusivrechte an der Vermarktung der Renovierungsarbeiten zu besitzen. Die Vatikanischen Museen gehören zur Verwaltung des Vatikanstaates. Ihre selbsterwirtschafteten Einkünfte müssen vollständig wieder in den Museumshaushalt fliessen. Zu den Eintrittsgeldern der (1998 mehr als drei Millionen) Besucher kommen seit einigen Jahren die Verkaufserlöse aus dem mit über 1000 Artikeln ausgestatteten Museumsshop. Dieser ist übrigens das erste (und bisher einzige) Beispiel für vatikanisches Merchandising. Dennoch befände sich die Museumsverwaltung ohne die Unterstützung durch spendenfreudige Kunstliebhaber und Sponsoren im Kampf um die Erhaltung der einmaligen Kunstschätze auf verlorenem Posten.

. . . über Marmorbildwerke . . .

Eine 1983 in den USA gezeigte Ausstellung mit Exponaten aus den Vatikanischen Museen war der Auslöser zur Gründung erster Gruppen von «Patrons of the Arts in the Vatican Museum» in einzelnen US-Staaten. 1998 gab es bereits in vierzehn Städten der USA rund 600 in «Patrons Chapters» organisierte Mitglieder, die mit einem Beitrag von wenigstens 500 Dollar im Jahr und grösseren Spenden dringende Anschaffungen sowie Restaurierungs- und Forschungsarbeiten für die Vatikanischen Museen bezahlen. 1997 wurde ein «Patrons»-Ast in London gegründet; 1998 kamen zwei weitere in Kanada und Deutschland hinzu. Die vierzehn US-Gruppen werden durch ein National Advisory Board koordiniert. Die weltweite Abstimmung erfolgt durch die International Patrons in New York, die Koordination aller Arbeiten mit der Museumsdirektion im «Patrons»-Büro von P. Allen Duston im Vatikan. In den USA traten die «Patrons» neben die 1970 gegründeten «Friends of American Art in Religion» in New York, die mit grosszügigen Zuwendungen, wie 1984 der Einrichtung einer Restaurationswerkstatt für Marmorbildwerke, die Museen des Vatikans in Einzelfällen ebenfalls fördern. Die 100 Mitglieder (1997) dieses Kreises haben sich ebenfalls zu einem Mindestbeitrag von 500 Dollar jährlich verpflichtet.

. . . bis zur Cappella Nicolina

Heute haben «Patrons» und «Friends» nahezu das Monopol auf «fundraising» für die Museen des Vatikans. In den letzten Jahren wurden die Restaurierung von Fresken (1998/99 in der Sixtinischen Kapelle) sowie ganzen Räumen (1995 bis 1997 die Cappella Nicolina), die Neugestaltung einzelner Museumssektionen (1990–1992 die ägyptische und die etruskische Abteilung), der Ankauf neuer Exponate (1988 für 1 Million Dollar die Sammlung «Giacinto Guglielmi»), die Erhaltung von Gemälden, Mosaiken, Statuen, Teppichen, Münzen, Inschriften und Hölzern sowie der Kauf technischer Geräte (Farbkopierer, Photolabors, PC-Equipment) und die Finanzierung von Tagungen und Publikationen von ihnen bestritten. Die Summen, die zur Realisierung solcher Projekte notwendig sind, werden nicht nur von einzelnen Gönnern, sondern oft von Stiftungen aufgebracht, zu denen die «Patrons» gute Kontakte pflegen: die Homeland Foundation, die Wetherfield Foundation, die Frankino Charitable Foundation, der Marion Hill Trust, die Willametta K. Day Foundation, die Connelly Foundation, die Ahmanson Foundation. Seit 1992 bauen die «Patrons» zudem eine Vatican Museums Foundation auf, an deren Kapitalausstattung sich alle US-«Chapters» beteiligen und die bei ausserordentlich kostspieligen Vorhaben tätig werden soll. 1999 ist erstmals eine Gewinnausschüttung geplant.

Auch Einzelpersonen fördern in den USA die Arbeit der Vatikanischen Museen. Ende 1996 gründete John J. Connelly, Präsident von President Casinos, mit Treasures Inc. eine Gesellschaft, die in den USA, Spanien und Österreich Repliken von im Vatikan aufbewahrten Kunstobjekten anbietet. Vom Verkaufsgewinn fliessen 5 Prozent an die Museumsleitung, weitere 5 Prozent Ertragsanteil werden für den Bau eines 132 Zimmer grossen Gästehauses für den Vatikanstaat in Rom verwendet, der Rest bleibt in Connellys Händen.

Italienische und deutsche Gönner

In Italien führen der Öl- und Gaskonzern ENI und der Elektrizitätstrust Enel die Liste der Sponsoren an. So kam Enel 1992/93 für die Illumination in der Pinakothek und den Stanzen des Raffael der Vatikanischen Museen auf. Seit 1998 beteiligt sich Enel an der auf 2 Millionen Dollar bezifferten Beleuchtung und Belüftung der Nekropole unter Sankt Peter. ENI sponsert die 1997 begonnene Restaurierung der Petersdom-Fassade, für die Kosten in Höhe von 5 Millionen Dollar erwartet werden. 1998/99 säuberten sieben Spezialisten des schwäbischen Reinigungsmaschinenherstellers Alfred Kärcher die 284 Säulen der Kolonnaden des Petersplatzes, eine Natursteinoberfläche von fast 25 000 m2. Die Kosten der Operation, ein sechsstelliger D-Mark-Betrag, versteht Kärcher als «Beitrag zum Heiligen Jahr». Die Restaurierung der Cappella Sancta Sanctorum beim Lateran konnte 1995 mit Unterstützung eines bekannten italienischen Parmaschinken- Konzerns realisiert werden.

Nachdem sich bereits 1986 die Polaroid Corp. bei der photographischen Inventarisierung der Museumsbestände behilflich gezeigt hatte, ist es 1997, für die Katalogisierung der Exponate auf Microfiches, zu einer Kooperation mit der US- Firma Questor Systems Corp. gekommen. Bei Aufbau und Ausstattung des Internet-Programms stand dem Heiligen Stuhl 1996/97 der Spezialist Digital Equipment Computer Users Soc. mit der Überlassung diverser technischer Geräte und Know-how zur Seite. Die Mitte Februar 1999 eingerichtete Internet-Seite des «Organisationsbüros für das Heilige Jahr 2000» finanzierte Telecom Italia. Logistische Unterstützung erfährt auch der vatikanische Fernsehsender CTV durch das italienische Staatsfernsehen RAI. Beim Kauf moderner technischer Bürogeräte sind die vatikanischen Verwaltungen ebenfalls auf die Hilfe von Sponsoren angewiesen. So kamen die US-amerikanischen «Kolumbus-Ritter», mit knapp 1,6 Millionen Mitgliedern die grösste katholische Laienorganisation der Welt, für den Kauf zweier mobiler TV-Übertragungsfahrzeuge für CTV (0,6 Millionen Dollar) auf und gaben Zuschüsse zur Computerisierung des Büros des Päpstlichen Familienrats und der Heiligsprechungskongregation.

«Freunde» rund um die Welt

Eine Reihe kurialer und vatikanischer Verwaltungen unterhält Kontakte zu speziell zur Unterstützung ihrer Arbeit ins Leben gerufenen Freundes- und Förderkreisen. So steuerten die 1988 gegründeten «Freunde des Vatikanischen Geheimarchivs» (Bamberg) bisher 475 000 D-Mark zur Unterstützung dieser weltbekannten Forschungsstätte im Vatikan bei. Das Geld wurde für Konservierung und Restaurierung von Archivgut, Stipendien und Druckkostenzuschüsse bzw. den Kauf technischer Geräte gebraucht. Die «American Friends of the Vatican Library» in Detroit engagieren sich seit 1981 in ähnlicher Weise für die Vatikanbibliothek. Eine 1989 begonnene Zusammenarbeit zwischen dem Präfekten der Bibliothek und zwei US-Geschäftsleuten in der Gesellschaft «Cortile del Belvedere» scheiterte 1997 im Streit um Verwertungsrechte und Lizenzen. Die 1990 in Schwaben gegründeten «Freunde von Radio Vatikan» sind der Arbeit der deutschsprachigen Sektion des päpstlichen Senders besonders verpflichtet.

Ein «Pizza-Tiger« als Mäzen

Auch grosse Wirtschaftskonzerne nutzen die Möglichkeit aussergewöhnlicher Publicity, die eine Zusammenarbeit mit dem Vatikan bietet. So liessen die Automobil-Konzerne Daimler-Benz (Stuttgart) und Citroën (Paris) 1992 die im vatikanischen Automobilmuseum geparkten historischen Limousinen ihrer Marke auf eigene Kosten instand setzen. Mercedes schenkte wenige Jahre darauf Papst Johannes Paul II. eine neue Staatskarosse. Die deutschen Unternehmen Osram und Siemens bezahlten 1994 die neue Beleuchtung der frisch restaurierten Sixtinischen Kapelle. Für die Installation einer Klimaanlage kam die französische Delchi Carrier auf.

Thomas S. Monaghan, Präsident von Dominos Pizza Inc. in Ann Arbor, versprach vor einigen Jahren gar, den Heiligen Stuhl an seinem Erbe teilhaben zu lassen. Aus der erwarteten Erbmasse des (so die Autobiographie) «Pizza-Tigers» soll eine Stiftung errichtet werden, deren Erträge an den Vatikan fliessen. Ein ähnlicher Plan wurde vor zehn Jahren vom niederländischen Freizeitkettenmilliardär Piet Derksen lanciert, der ein «Lumen 2000» betiteltes TV-Missionsprojekt für rund 750 000 Dollar realisieren wollte. Derksens Erben haben die Idee jedoch inzwischen vereitelt.

In zunehmendem Masse werden auch die apostolischen Reisen des Papstes durch Sponsoren vor Ort bezahlt. Für den Transfer des Papstes und seines meist sehr kleinen Stabes wurden schon immer die Akkreditierungsgebühren der mitreisenden Journalisten sowie Zusendungen von Alitalia benutzt; alle im besuchten Land selbst entstehenden Kosten kann der Vatikanstaat aber unmöglich selbst bestreiten. Besonders in streng laizistisch ausgerichteten Ländern ist die Ortskirche daher auf private Geldgeber angewiesen. Höhepunkt der Vermarktung war hier bisher der Papstbesuch in Mexiko, für den im Januar 1999 25 offizielle Sponsoren, darunter in besonderer Weise der Pepsi-Cola-Konzern, zum Teil unangemessen schrill als Geldgeber fungierten.

Der Papst als Popstar

Kurz vor Eröffnung des «Heiligen Jahres 2000» gleichen Rom und der Vatikanstaat einer riesigen Baustelle. Für den Vatikan und die römische Kurie bedeutet das religiöse Grossereignis auch eine Vielzahl ausserordentlicher Ausgaben. Die in Liechtenstein ansässige Fidel-Götz-Stiftung will zu den Unkosten, die bei der Organisation entstehen, Gelder beisteuern. Mehrere traditionelle Sponsoren haben Hilfe versprochen. Die «Kolumbus-Ritter» werden für die Ausstrahlung dreier ausserhalb Roms stattfindender religiöser Ereignisse sorgen. Die Übertragung von dreizehn päpstlichen Zeremonien aus dem Vatikan will im Jahr 2000 ein noch anonymer Spender bezahlen. Ein anderes kostenintensives Medium im Vatikan, Radio Vaticana, wehrt sich bis heute dagegen, ausgewählte Werbeblöcke zu senden. Im März brachte der Sender die seit längerem angekündigte CD «Abbà Pater», die musikalisch unterlegte Ausschnitte von Radioübertragungen papaler Zeremonien bietet, in einer Auflage von 1 000 000 Exemplaren auf den Markt, samt dazugehörigem Videoclip. Den Vertrieb organisiert Sony Classical, Co-Produzent ist die römische Editrice S. Paolo.

Eine Gratwanderung

Es sind besonders die Kontakte vatikanischer Beamter zum US-Klerus und die Beziehungen, die von den als Berater des Heiligen Stuhls tätigen Finanzfachleuten geknüpft werden, die die Finanzierung vatikanischer Projekte durch Geldgeber aus der Privatwirtschaft haben ansteigen lassen. Völlig ausgeklammert blieb in diesem Überblick die Arbeit von weltweit dezidiert für den Papst und weltkirchliche Aufgaben arbeitenden Stiftungen, wie «Papal Foundation» und «Centesimus Annus – Pro Pontefice».

Der Grat zwischen angemessener Werbearbeit und profanierender Marktschreierei in der privatwirtschaftlichen Vermarktung papaler Projekte oder vatikanischer Vorhaben ist schmal. Hier sind sowohl die kirchlichen als auch die unternehmerischen Partner aufgerufen, Sensibilität bei der Realisierung dieser besonderen Form der Symbiose von Kirche und Welt zu zeigen.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 05.06.1999

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