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Reine Lehre in ökumenischer Absicht

Eberhard Jüngel zur Rechtfertigungslehre

Vor einem Jahr hat der Rat des Lutherischen Weltbunds eine «Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre» verabschiedet, für die auf römisch-katholischer Seite der Päpstliche Rat für die Förderung der Einheit der Christen die Verantwortung trug. Gegen den Text hatten 160 deutsche evangelische Theologen schon Anfang 1998 protestiert; und aus einer «Antwort der katholischen Kirche» ging dann andererseits hervor, dass auch die Kurie mit sich selbst in dieser Sache nicht einig war. Trotzdem erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann: «Das erreichte gemeinsame Verständnis ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer umfassenden Einheit der Kirchen.»

Einigkeit und Einheit

Einheit der Kirchen – ein grosses und leider auch unklares Wort. Angenommen, zwischen lehramtlichen Instanzen der römisch-katholischen Kirche und der lutherischen Kirchen (Instanzen von ungleicher Autorität) wäre ein gemeinsames Verständnis der Rechtfertigungslehre tatsächlich erreicht, – würde das, und in welchem Sinn würde es, Einheit bedeuten? Wäre es nicht ratsam, zunächst Einigkeit festzustellen und dann erst zu fragen, wie einheitsstiftend solche Einigkeit sei? Nun ist man sich aber nicht einig geworden; und was folgt daraus für die Einheit der Kirchen? Die Antwort ist einfach – und doppelt. Für die kirchlichen Strukturen folgt aus dem Fehlen der Einigkeit in der Rechtfertigungslehre nichts; und dass ein Konsens sie verändert hätte, mag man bezweifeln. Für die christliche Glaubensgemeinschaft hingegen (der Singular ist beabsichtigt) hat das vorläufige Scheitern – oder das offensichtlich nur scheinbare Gelingen – eines Konsenses allerdings Folgen gezeitigt: erstaunliche und erfreuliche.

Nämlich, es kam schon vor der Publikation der «Gemeinsamen Erklärung», erst recht danach und noch besonders im Anschluss an die katholische «Antwort» auf den lutherisch-katholischen Text eine lebhafte öffentliche Diskussion über das anspruchsvolle Thema in Gang. Diese Diskussion trug zwar weithin das unschöne Gepräge eines deutschen Professorengezänks; gerade so aber konnte es sich zeigen, dass auch die Leserschaft der «profanen» Presse zu ästhetischer Nachsicht bereit war, um sich mit der Sache selbst, mit einer theologischen Grundfrage, auseinanderzusetzen. Hätte man sich tatsächlich geeinigt, so wäre die frohe Nachricht durch die kirchlichen Blätter gegangen, und was es mit der «Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens» auf sich habe, wäre vielen verborgen geblieben.

Auch wäre das Buch, dessen Titel wir soeben zitiert haben, vielleicht nicht geschrieben worden, wenn sein Verfasser, Eberhard Jüngel, an der von lutherischen und katholischen Kirchenvertretern «ausgehandelten» Erklärung, wie er sich ausdrückt, nicht Anstoss genommen hätte. Es wäre nun freilich unangemessen, dieser Erklärung die Studie Jüngels gegenüberzustellen. Die «Textsorten» sind zu verschieden, als dass man vergleichen könnte. Dort handelt es sich um einen Versuch, protestantische und katholische Lehrmeinungen in ihrer historischen Wandelbarkeit zu erfassen: in Formulierungen oder in Formulierungsmöglichkeiten eine Neigung zur Konvergenz zu erkennen. Hier dagegen wird die reine, im Kern immer noch von Martin Luther bestimmte Doktrin herausgearbeitet, zur Geltung gebracht gegen protestantische «Abweichler» (selbst Karl Barth nicht ganz ausgenommen) und abgegrenzt gegen eine katholische Tradition, die sich mit den reformatorischen «Exklusivpartikeln» so lange nicht wirklich vereinbaren lässt, wie der Sünder nach ihr nicht völlig «allein aus Gnade», sondern doch auch ein wenig durch seine Werke, und nicht «durch Christus allein», sondern auch durch die vermittelnde Fürsprache Marias gerechtfertigt sein soll.

Gott und der Mensch

«Ohne diesen Artikel ist die Welt nichts als Tod und Finsternis»: die radikale Rede, wie sie durch Luther für die protestantische Theologie emblematisch geworden ist, kennzeichnet bei aller akademischen Prägung auch Jüngels Form der Auseinandersetzung. Mit dem Rechtfertigungsartikel «steht und fällt» für ihn die Kirche, er ist der articulus stantis et cadentis ecclesiae, er ist konstitutiv für das ganze Gefüge, in dem sich der Mensch zu Gott und Gott zum Menschen verhält. Und dies einmal vorausgesetzt, folgt man mit Spannung einer Reflexion, die sich nicht vorgenommen hat, dogmatische Vereinbarkeiten zu ermitteln, sondern Klarheit zu schaffen auf die Gefahr hin, dass «andersgläubige» Partner sie «nur» verstehen und sich nicht zu eigen machen können. Wenn wir «dies vorausgesetzt» sagen, meinen wir lediglich, dass so die Frage noch nicht beantwortet oder noch gar nicht gestellt ist, was eine «fallende Kirche» wäre – ein Wort, das man gerade im ökumenischen Kontext nicht ernst genug nehmen kann.

Die katholische Gegenposition macht Jüngel im wesentlichen an den Dekreten des Konzils von Trient und des mit ihm noch immer übereinstimmenden Zweiten Vatikanums fest; um so glaubhafter, als er auch zeigt, dass die reformatorische Lehre nicht über Luther «hinausgekommen» ist. An der Asymmetrie, die darin besteht, dass die römisch-katholische Kirche zwischen Lehramt und Theologie viel schärfer unterscheidet als der Protestantismus, kann er nichts ändern. Und aus dieser Asymmetrie ergibt sich die paradoxe Tatsache, dass es Nichtkatholiken stets freisteht, Entwicklungen im Katholizismus gut amtskirchlich erst dann in Betracht zu ziehen, wenn dort die höchste Instanz sie genehmigt. – Doch wichtiger ist ein anderes, nur scheinbares Paradox: die Rechtfertigungsdebatte hat, und vor allem dank Jüngels klärendem Votum, die kontroverstheologische Situation wiederhergestellt, die im 16. Jahrhundert entstanden war, zu einer Zeit, als es noch eine Kirche gab. Der Casus könnte – sollte vielleicht – lehren, dass der Streit auch heute noch lebendigere Einheit stiftet als der Kompromiss.

Hanno Helbling

Eberhard Jüngel: Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens. Eine theologische Studie in ökumenischer Absicht. Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1999. 244 S., Fr. 27.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 05.06.1999

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