Päpstlicher Aufruf zu
Solidarität und Toleranz
Johannes Paul II. auf Pilgerreise
durch Polen
Papst Johannes Paul II. hat am Samstag seinen
bisher ausgedehntesten Besuch in Polen begonnen, der ihn
in zwölf Tagen durch zwanzig Städte führen
wird. Zum Auftakt seiner Reise in Danzig wurde das
Oberhaupt der katholischen Kirche von mehr als einer
halben Million Personen begrüsst.
ruh. Prag, 6. Juni
In der nordpolnischen «Dreistadt»
Gdansk-Sopot-Gdynia hat Papst Johannes Paul II. am
Samstag die bisher längste Reise seines
zwanzigjährigen Pontifikats durch sein Heimatland
begonnen. Insgesamt wird ihn der zwölftägige
Besuch in zwanzig Städte bringen; ein physisch und
psychisch äusserst anspruchsvolles Programm für
den 79jährigen Papst. Im Ostseekurort Sopot, wo rund
700 000 Personen bei strahlendem Wetter zur Messe
zusammenkamen, wurde Johannes Paul II. von der
Bevölkerung ein herzlicher Empfang bereitet;
unausgesprochen schwingt bei diesem Besuch noch mehr als
früher die Befürchtung mit, es könnte die
letzte Reise des Papstes nach Polen sein.
Symbole des Umbruchs
Der Beginn des Aufenthalts in Danzig dürfte kaum
zufällig gewählt gewesen sein. Johannes Paul
II. traf einen Tag nach dem zehnten Jahrestag der ersten
halbfreien Parlamentswahlen Polens vom 4. Juni 1989 in
derjenigen Stadt ein, wo vor 19 Jahren, ein Jahr nach
seiner denkwürdigen Wahl zum Papst, die
legendäre Gewerkschaft Solidarität entstanden
war. Bis heute sind der polnische Papst und die
Solidarität Symbole des Kampfes gegen den
kommunistischen Totalitarismus in Polen und ganz
Osteuropa.
Während Politiker und öffentliche Personen,
unter ihnen der Solidaritäts-Gründer und
spätere polnische Präsident Walesa, in
Mediengesprächen auf die Schlüsselrolle des
Papstes für Polens Weg in die Freiheit hinwiesen,
erwies der Papst seinerseits der ersten freien
Gewerkschaft des einst sozialistischen Blocks seine
Reverenz. Während der Messe in Sopot nahm er den
berühmten Wahlspruch «Es gibt keine Freiheit
ohne die Solidarität» auf und spann den Faden,
dem Motto seiner Reise «Gott ist
Barmherzigkeit» entsprechend, weiter: Ohne
Solidarität könne es keine Liebe geben. Damit
rückte der Pontifex die bisherigen Verlierer der
wirtschaftlichen Umgestaltung ins Zentrum der
Aufmerksamkeit und mahnte die Gewinner, über ihrem
Wohlstandszuwachs nicht den Blick auf geistige und
moralische Werte zu verlieren.
Toleranz als Leitmotiv
Ausgesprochen politische Äusserungen wird der
Besuch des Papstes kaum bringen. Weit mehr als diesmal
war direkte politische Einflussnahme des katholischen
Oberhaupts vor zwei Jahren erwartet worden, als Johannes
Paul II. Polen im Vorfeld der Parlamentswahlen bereiste,
die dann die Rückkehr der Solidarität an die
Macht auf Kosten der Postkommunisten brachten.
Befürchtungen über eine politisch allzu
engagierte Gangart konnte der Papst damals mit einem klug
auf Zurückhaltung und Verständigung angelegten
Kurs entkräften.
Heute ist das politische Umfeld anders: Am Ruder
befindet sich als stärkere Regierungspartei seit
anderthalb Jahren die Solidarität. Wenn auch auf
diese deshalb notgedrungen ein Teil der
Gesellschaftskritik des Papstes zurückfallen wird,
so ist doch evident, dass die Beziehungen zwischen
polnischer Staatsführung und Vatikan im Zeichen der
Übereinstimmung stehen. So hatte die
Regierungsmehrheit im Parlament schon bald nach der
Aufnahme der Arbeit das Konkordat zur Regelung der
gemeinsamen Beziehungen verabschiedet, das zwar schon
seit 1993 unterzeichnet war, dessen Ratifizierung die
frühere Linksmehrheit jedoch verhindert hatte.
Ausdruck des warmen Klimas zwischen Warschau und dem
Vatikan ist die Tatsache, dass der Papst erstmals vor den
beiden Kammern des polnischen Parlaments sprechen wird.
Allgemein steht die gegenwärtige Pilgerreise
unter dem Motiv des Brückenbaus. Die Messen in
Ostpolen werden auch Litauern, Russen, Weissrussen und
Ukrainern die Möglichkeit zur Teilnahme am
Papstbesuch geben. Zu einem direkten Kontakt mit anderen
Bekenntnissen kommt es ferner in Südostpolen, wo
eine ukrainische Minderheit lebt. Ein Akzent liegt
deshalb auf ökumenischen Gottesdiensten, an welchen
Minoritäten evangelischer, griechisch-katholischer,
orthodoxer und muslimischer Gläubigen teilnehmen
werden.
© Neue Zürcher Zeitung -
07.06.1999