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Einheit in Verschiedenheit

Ein neues ökumenisches Dokument zur Rechtfertigungslehre

Klärende Gewitter haben ihr Gutes, auch in der Ökumene. Die Auseinandersetzungen um die fragwürdig zustandegekommene und theologisch unausgegorene «Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre» (GE) zwischen den Kirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) und der katholischen Kirche waren heftig (vgl. NZZ vom 13. 7. 98, 25. 7. 98, 11. 8. 98, 29. 8. 98). Nach dem Beschluss des Rats des LWB vom 16. Juni 1998, der von einem «magnus consensus» auf lutherischer Seite kaum zu reden erlaubte, und der skeptischen Antwort Roms vom 25. Juni 1998 schien der Prozess in eine Sackgasse geraten zu sein. Jetzt liegt eine – in eiligen Nachverhandlungen erarbeitete – «Gemeinsame Offizielle Feststellung» (GF) zur Unterzeichnung vor, die in bemerkenswerter Weise über die GE hinausgeht. Integraler Teil dieser Feststellung ist ein Anhang (Annex), der im Licht der «von beiden Seiten vorgebrachten Anfragen» den in der GE «erreichte[n] Konsens weiter erläutert». Auf der Basis dieser weitergehenden Erläuterung wird erklärt, «dass die früheren gegenseitigen Lehrverurteilungen die Lehre der Dialogpartner, wie sie in der Gemeinsamen Erklärung dargelegt wird, nicht treffen». Ob das für alle früheren Lehrverurteilungen in diesem Zusammenhang gilt, also z. B. auch für die der entsprechenden Aussagen Luthers, bleibt offen. Doch der katholischen Kirche dürfte mit der Unterzeichnung der GF nach der Rehabilitierung Galileis der zweite längst überfällige Revisionsprozess ins Haus stehen.

Zu den wichtigsten Aussagen des neuen Dokuments gehört die Selbstverpflichtung beider Seiten, sich «um ein weiterreichendes gemeinsames Verständnis der Rechtfertigungslehre» und eine weitere Klärung der vielen noch offenen Fragen vor allem in der Lehre von der Kirche, vom Amt und von den Sakramenten zu bemühen, um – und das ist entscheidend – so «zu voller Kirchengemeinschaft, zu einer Einheit in Verschiedenheit zu gelangen, in der verbleibende Unterschiede miteinander ‹versöhnt› würden und keine trennende Kraft mehr hätten». So klar wie hier war von katholischer Seite noch nie in einem offiziellen Dokument erklärt worden, dass mit den lutherischen Kirchen schon Kirchengemeinschaft bestehe, dass es darum gehe, diese zur vollen Kirchengemeinschaft zu entwickeln, und dass das Ziel dieser ökumenischen Annäherung keine Eingliederungs- oder Rückkehr-Ökumene sei, sondern die «Einheit in Verschiedenheit» einer Gemeinschaft von Kirchen, für die noch verbleibende Unterschiede der Lehre und der Ordnung «keine trennende Kraft» mehr haben.

Klärungen

Grundlage für diese weitgehenden Aussagen ist nicht allein die GE. Es sind vor allem die im Annex der GF mitgeteilten weitergehenden Klärungen wichtiger Kontroverspunkte, über die im kirchlichen Rezeptionsprozess der GE mit Recht intensiv gestritten wurde. Ausdrücklich und von beiden Seiten wird jetzt gesagt, dass und wie «Lutheraner und Katholiken gemeinsam den Christen als simul iustus et peccator [Gerechten und Sünder zugleich] verstehen» können. Ausdrücklich und von beiden Seiten wird erklärt, Rechtfertigung sei «Sündenvergebung und Gerechtmachung», in der man «wahrhaft und innerlich erneuert» werde «durch das Wirken des Heiligen Geistes», von dessen Wirken in uns man «immer . . . abhängig» bleibe.

Ausdrücklich und von beiden Seiten wird die Sünde als «das selbstsüchtige Begehren des alten Menschen und mangelndes Vertrauen und mangelnde Liebe zu Gott» bezeichnet und damit so charakterisiert, wie die lutherische Seite im Unterschied zur katholischen die Konkupiszenz versteht. Was die katholische Seite als eine «auch nach der Taufe im Menschen verbleibende, aus der Sünde kommende und zur Sünde drängende Neigung» bezeichnet, das nennt die lutherische Seite das «Einfallstor der Sünde». Wenn aber «wegen der Macht der Sünde . . . der ganze Mensch die Neigung in sich [trägt], sich gegen Gott zu stellen», und wenn schon diese Neigung und nicht erst ihre konkrete Realisierung im Lebensvollzug im Widerspruch zu Gottes gutem Plan für die Menschen steht, wie gemeinsam gesagt wird, dann stellen die Differenzen im Sündenverständnis keinen tiefgehenden Dissens mehr dar: Auch als Gerechtfertigter bleibt der ganze Mensch Sünder, der ganz und gar aus Gottes Gnade lebt.

Ausdrücklich und von beiden Seiten wird deshalb jetzt betont, dass Rechtfertigung nicht nur «allein aus Gnade», sondern «allein durch Glauben» und «unabhängig von Werken» geschehe. Damit hat sich die katholische Seite auch an diesem zentralen Punkt von den Sprachfesseln tridentinischer Verurteilungen frei gemacht.

Ausdrücklich und von beiden Seiten wird klargestellt, dass «die guten Werke des Gerechtfertigten» zum Glauben gehören, ohne dass irgend etwas, «was im Menschen dem freien Geschenk des Glaubens vorausgeht und nachfolgt», deshalb zum «Grund der Rechtfertigung» werden könnte: Glaube gibt es nicht ohne Handeln und gute, Gottes Liebe entsprechende menschliche Werke. Aber die Rechtfertigung des Sünders, so wird betont, basiert in keiner Weise auf diesem Handeln, sondern allein auf dem Glauben und damit auf der Gnade Gottes, «die den Glauben schafft, nicht nur, wenn der Glaube neu im Menschen anfängt, sondern solange der Glaube währt» (Thomas von Aquin). Will sagen: Gelingt uns Gutes, haben wir es allein Gott und nicht uns selbst zu verdanken. Nicht nur im Gutsein, auch im Guthandeln sind und bleiben Menschen ganz und gar auf Gott angewiesen.

Ausdrücklich und von beiden Seiten wird jetzt gesagt, dass die bedingungslose Aufnahme in die Gemeinschaft mit Gott auch «die Zusage des ewigen Lebens» einschliesst. Damit wird der Sache nach bekräftigt, was die lutherische Seite als Heilsgewissheit des Glaubens bezeichnet. Das schliesst nicht aus, dass die Gerechtfertigten, wie gemeinsam betont wird, «auch [?] nach ihren Werken gerichtet» werden. Aber das Gericht gilt den Werken, nicht der Person, und es steht unter der Prämisse, dass gerechtfertigte Sünder nicht wegen ihrer guten, sondern trotz ihren bösen Taten allein durch den Glauben und das Vertrauen in Gottes Güte «bedingungslos in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen» werden.

Ausdrücklich wird auch die heftig umstrittene «kriteriologische» Funktion der Rechtfertigungslehre klargestellt: «Keine Lehre darf diesem Kriterium widersprechen.» Ihre «Wahrheit und ihre einzigartige Bedeutung», wie es jetzt gemeinsam heisst, habe diese Lehre aber nicht als isoliertes Lehrstück, sondern «im Gesamtzusammenhang des grundlegenden trinitarischen Glaubensbekenntnisses der Kirche». Von anderen Kriterien ist nicht mehr die Rede.

Eine neue Kirche?

Ausdrücklich werden schliesslich auch die erheblichen Irritationen korrigiert, die durch die Antwortnote der katholischen Kirche vom 25. Juni 1998 im Blick auf «die Autorität lutherischer Synoden» und die Autorität des LWB ausgelöst wurden: «Unbeschadet unterschiedlicher Auffassungen von der Autorität in der Kirche respektiert jeder Partner die geordneten Verfahren für das Zustandekommen von Lehrentscheidungen des anderen Partners.» Zwar wird im ganzen Dokument auffällig sorgsam vermieden, den LWB als Kirche anzusprechen. Es wird auch nicht gesagt, dass die Gemeinsame Offizielle Feststellung von den lutherischen Kirchen und der katholischen Kirche unterzeichnet werde. Aber deutlich wird dem LWB als Signatarpartner der katholischen Kirche ein Status eingeräumt, der ihn de facto als Kirche erscheinen lässt.

Das ist nicht nur im ökumenischen Verhältnis zur katholischen Kirche eine Novität. Es hat auch im Blick auf das Verhältnis des LWB zu seinen Mitgliedskirchen erhebliche Implikationen, die einer sorgfältigen und kritischen Prüfung bedürfen. Nach geltender Ordnung haben auf lutherischer Seite nicht der LWB, sondern nur die Mitgliedskirchen Lehrautorität. Schon aus diesem Grund wäre der LWB gut beraten, auch dieses neue Dokument den lutherischen Kirchen zur Annahme vorzulegen, ehe man es – wie geplant – möglichst bald in Augsburg feierlich unterzeichnet. Der Beginn des neuen Millenniums ist weder theologisch noch kirchlich ein guter Grund, hier vorschnell und an den zuständigen Kirchen vorbei zu agieren. Es handelt sich bei der Gemeinsamen Offiziellen Feststellung beileibe nicht nur um eine redaktionelle Präzisierung einiger Punkte der GE, die mit deren schon erfolgter Rezeption in den lutherischen Kirchen bereits legitimiert wäre. Nicht nur liessen dieser Rezeptionsprozess und seine Auswertung manches zu wünschen übrig. Er betraf auch nicht dieses neue Dokument, das beträchtlich weiter gehend und theologisch klarer ist als die GE – nicht zuletzt weil man bestimmte Fragen gar nicht mehr aufgreift (etwa die nach wie vor inakzeptable Parallelisierung von Gesetz und Evangelium mit dem Alten und dem Neuen Testament) und weil man sich darauf beschränkt, das positiv zu sagen, was man gemeinsam vertritt, und es nicht durch eine Aufzählung der weiterhin differierenden Ansichten wieder in Frage stellt.

Doch das bessere Resultat rechtfertigt nicht, die «geordneten Verfahren für das Zustandekommen von Lehrentscheidungen» auf lutherischer Seite ausser Kraft zu setzen. Den mühsamen, aber gebotenen Weg durch die lutherischen Synoden vermeiden zu wollen, würde nicht nur der Bedeutung des neuen Dokumentes nicht gerecht, sondern auch die Rolle des LWB in diesem ganzen Prozess noch fragwürdiger machen. Seine Anmassung kirchlicher Eigenständigkeit, die Neigung zu lehramtlicher Behördentheologie, die unevangelischen Geheimverhandlungen, seine unübersehbare Tendenz, sich neben Rom und Genf als lutherische Weltkirche zu etablieren, all das sind Herausforderungen, denen sich die Mitgliedskirchen dringend stellen müssen. Wird damit doch nicht nur ihre eigene Lehrautorität untergraben, sondern es werden auch brisante neue ökumenische Probleme vor Ort geschaffen. Die Welt braucht keine weiteren Roms und Genfs, und zentral geführte Globalkirchen sind die schlechteste Antwort auf die spezifischen kirchlichen und ökumenischen Herausforderungen einzelner Länder und Regionen. Die Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) als Gemeinschaft lutherischer, unierter und reformierter Kirchen werden die Folgen der sich hier abzeichnenden Entwicklungen wohl als erste zu spüren bekommen. Man kann nur hoffen, dass ökumenische Fortschritte auf der einen nicht zu Rückschritten auf der andern Seite werden. Denn eine Schwächung des ökumenischen Modells der EKD durch die lutherischen Kirchen wäre eine Schwächung der ganzen Ökumene in Europa.

Ingolf U. Dalferth

 

© Neue Zürcher Zeitung - 08.06.1999

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