Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Vorbildliche Aufarbeitung

Der dritte Band der «Storia del concilio Vaticano II»

Es klang ein wenig hohl, als der Moderator einer Veranstaltung, an der in Rom das Erscheinen des dritten Bands des von Giuseppe Alberigo herausgegebenen Standardwerks über das Zweite Vatikanische Konzil gefeiert wurde, die Abwesenheit der meisten Eingeladenen mit Grippe und Verkehrschaos begründete. Die Aufmerksamkeit für das Thema hat nachgelassen; und dass bei dieser Gelegenheit die Einladung zu einer Strassburger Tagung mit dem Titel «Vatican II au but?» verteilt wurde, liess in dem schütteren Publikum auch keine Hochstimmung aufkommen. Die Erinnerung daran, dass in der römisch-katholischen Kirche einst Fragen gestellt und nicht bloss Antworten erteilt wurden, droht der Veteranen-Sentimentalität anheimzufallen.

Aber die historische Aufarbeitung des Zweiten Vatikanums schreitet voran und wird eines Tages nicht nur kirchengeschichtliche, sondern trotz allem auch kirchenpolitische Relevanz gewinnen. Die Quellenlage macht heute eine «vorläufig definitive» Darstellung möglich. Zwischen 1960 und 1988 sind in 28 Bänden sämtliche in der Konzilsaula vorgetragenen Voten veröffentlicht worden. Seit 1970 sind rund vierzig Bände mit weiteren Diskussionsbeiträgen der Bischöfe erschienen. Die Protokolle des Präsidialrats und des Koordinationsausschusses und die Akten des Sekretariats liegen vor. Tagebücher und Briefwechsel vieler Beteiligten sind publiziert worden. Die Verhandlungen der zwischen 1962 und 1965 abgehaltenen vier Sessionen lassen sich Wort für Wort verfolgen, und die Entstehung der Konzilsdekrete, in den zuständigen Kommissionen wie in den Debatten des Plenums, ist bis in alle Einzelheiten dokumentiert.

Zwischenperioden

Es fällt jedoch auf, dass im zweiten Band der «Storia del concilio Vaticano II» ein Beitrag von gut 170 Seiten die Zeitspanne zwischen der ersten und der zweiten Session, im dritten Band ein Abschnitt von annähernd 150 Seiten die Monate zwischen der zweiten und der dritten Sitzungsperiode behandelt: jeweils mehr als ein Viertel des Gesamtumfangs. Und so informativ alle übrigen Berichte, so erhellend besonders die beiden Zusammenfassungen von Alberigo sind, den bedeutendsten Zuwachs hat unsere Kenntnis der Vorgänge diesen beiden Arbeiten von Jan Grootaers im zweiten, von Evangelista Vilanova im dritten Band zu verdanken.

Die beiden Zwischenperioden stehen unter verschiedenen Bedingungen. In die erste fiel der Tod Johannes' XXIII. und die Wahl Pauls VI. Durch diese Ereignisse wurde die Notwendigkeit einer Neuorientierung oder geradezu, wie gesagt worden ist, einer zweiten Konzilsvorbereitung zusätzlich evident gemacht – zweifelhaft war sie nach dem Abschluss der ersten Session ohnehin nicht gewesen. Denn jene ersten zwei Monate hatten noch kaum viel mehr als den Zusammenbruch der kurialen Planung und die Entstehung einer konziliaren Eigendynamik gebracht, die eine noch oder wieder unfertige Struktur mit grossenteils hochkontroversen Inhalten füllen musste – neue Schläuche mit neuem Wein, gut biblisch gesprochen; wobei aber mit einem starken Angebot an alten Schläuchen weiterhin zu rechnen war. Der Einsicht und der Loyalität Papst Pauls VI. ist es zu verdanken, dass die Arbeit an den wichtigsten Texten in der folgenden Sitzungsperiode heranreifen konnte; der Untertitel «Il concilio adulto», den der jetzt erschienene Band trägt, bezieht sich auf diese glückliche Wendung.

Abrundung

Anders und weniger klar gerichtet erscheinen die Vorgänge in der zweiten «intersessione». Da wurde nun schon – und verfrüht, wie sich zeigte – eine Abrundung der Konzilsarbeit angestrebt; gewiss nicht gegen den Wunsch der Ordnungshüter, wie man sowohl eine konservative Fraktion in der Versammlung selbst als auch die Technokraten der Kurie nennen kann, die unabhängig von inhaltlichen Optionen zu ihrer Routine zurückkehren wollten. Es war aber Kardinal Döpfners vom Papst gebilligter Plan, der aus guten Gründen eine Beschränkung auf wenige grundlegende Konstitutionen des Konzils vorsah. Denn es zeichnete sich in diesem Augenblick ab, was dann auch eingetreten ist: dass neben den grossen Texten über die Kirche («Lumen gentium»), über die Offenbarung und über den Katholizismus in der heutigen Welt («Gaudium et spes») eine Reihe von wenig aussagekräftigen, durch Kompromisse verwässerten oder unausgereiften Dekreten entstand, die sich eher für die weitere Bearbeitung in einem je dafür geeigneten Rahmen als für ihre Verabschiedung durch ein Ökumenisches Konzil empfahlen.

Da war es nun auch wieder die konziliare Eigendynamik, die sich gegen einen solchen Eingriff durchsetzte – sich deshalb durchsetzen konnte, weil Paul VI. ihn doch nicht verfügen wollte; er hat einzelne Korrekturen an der Konzilsarbeit vorgenommen, aber die Führung weder an sich gezogen noch einem «starken Mann» überlassen; das Fazit von Vilanovas Analyse lautet, dass es eine wirklich programmatische Führung des Konzils nicht gegeben hat. Die Frage, ob das ein Unglück war – und geblieben ist –, lässt er offen, und offen muss sie wohl bleiben. Wie geführte Konzilien aussehen, lehrt die Kirchengeschichte, und das Erste Vatikanum ist ein gutes Beispiel dafür. Die tragischen Widersprüche, von denen das Zweite Vatikanum jedenfalls nicht frei war, werden in den beiden letzten Bänden dieses Werks ohne Zweifel noch deutlicher hervortreten.

Hanno Helbling

Storia del concilio Vaticano II, vol. 3: Il concilio adulto, settembre 1963 – settembre 1964. Peeters/il Mulino, Bologna 1999. 590 S., Lit. 80 000.–.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 09.06.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben