Vorbildliche Aufarbeitung
Der dritte Band der «Storia del
concilio Vaticano II»
Es klang ein wenig hohl, als der Moderator einer
Veranstaltung, an der in Rom das Erscheinen des dritten
Bands des von Giuseppe Alberigo herausgegebenen
Standardwerks über das Zweite Vatikanische Konzil
gefeiert wurde, die Abwesenheit der meisten Eingeladenen
mit Grippe und Verkehrschaos begründete. Die
Aufmerksamkeit für das Thema hat nachgelassen; und
dass bei dieser Gelegenheit die Einladung zu einer
Strassburger Tagung mit dem Titel «Vatican II au
but?» verteilt wurde, liess in dem schütteren
Publikum auch keine Hochstimmung aufkommen. Die
Erinnerung daran, dass in der römisch-katholischen
Kirche einst Fragen gestellt und nicht bloss Antworten
erteilt wurden, droht der Veteranen-Sentimentalität
anheimzufallen.
Aber die historische Aufarbeitung des Zweiten
Vatikanums schreitet voran und wird eines Tages nicht nur
kirchengeschichtliche, sondern trotz allem auch
kirchenpolitische Relevanz gewinnen. Die Quellenlage
macht heute eine «vorläufig definitive»
Darstellung möglich. Zwischen 1960 und 1988 sind in
28 Bänden sämtliche in der Konzilsaula
vorgetragenen Voten veröffentlicht worden. Seit 1970
sind rund vierzig Bände mit weiteren
Diskussionsbeiträgen der Bischöfe erschienen.
Die Protokolle des Präsidialrats und des
Koordinationsausschusses und die Akten des Sekretariats
liegen vor. Tagebücher und Briefwechsel vieler
Beteiligten sind publiziert worden. Die Verhandlungen der
zwischen 1962 und 1965 abgehaltenen vier Sessionen lassen
sich Wort für Wort verfolgen, und die Entstehung der
Konzilsdekrete, in den zuständigen Kommissionen wie
in den Debatten des Plenums, ist bis in alle Einzelheiten
dokumentiert.
Zwischenperioden
Es fällt jedoch auf, dass im zweiten Band der
«Storia del concilio Vaticano II» ein Beitrag
von gut 170 Seiten die Zeitspanne zwischen der ersten und
der zweiten Session, im dritten Band ein Abschnitt von
annähernd 150 Seiten die Monate zwischen der zweiten
und der dritten Sitzungsperiode behandelt: jeweils mehr
als ein Viertel des Gesamtumfangs. Und so informativ alle
übrigen Berichte, so erhellend besonders die beiden
Zusammenfassungen von Alberigo sind, den bedeutendsten
Zuwachs hat unsere Kenntnis der Vorgänge diesen
beiden Arbeiten von Jan Grootaers im zweiten, von
Evangelista Vilanova im dritten Band zu verdanken.
Die beiden Zwischenperioden stehen unter verschiedenen
Bedingungen. In die erste fiel der Tod Johannes' XXIII.
und die Wahl Pauls VI. Durch diese Ereignisse wurde die
Notwendigkeit einer Neuorientierung oder geradezu, wie
gesagt worden ist, einer zweiten Konzilsvorbereitung
zusätzlich evident gemacht zweifelhaft war
sie nach dem Abschluss der ersten Session ohnehin nicht
gewesen. Denn jene ersten zwei Monate hatten noch kaum
viel mehr als den Zusammenbruch der kurialen Planung und
die Entstehung einer konziliaren Eigendynamik gebracht,
die eine noch oder wieder unfertige Struktur mit
grossenteils hochkontroversen Inhalten füllen musste
neue Schläuche mit neuem Wein, gut biblisch
gesprochen; wobei aber mit einem starken Angebot an alten
Schläuchen weiterhin zu rechnen war. Der Einsicht
und der Loyalität Papst Pauls VI. ist es zu
verdanken, dass die Arbeit an den wichtigsten Texten in
der folgenden Sitzungsperiode heranreifen konnte; der
Untertitel «Il concilio adulto», den der jetzt
erschienene Band trägt, bezieht sich auf diese
glückliche Wendung.
Abrundung
Anders und weniger klar gerichtet erscheinen die
Vorgänge in der zweiten «intersessione».
Da wurde nun schon und verfrüht, wie sich
zeigte eine Abrundung der Konzilsarbeit
angestrebt; gewiss nicht gegen den Wunsch der
Ordnungshüter, wie man sowohl eine konservative
Fraktion in der Versammlung selbst als auch die
Technokraten der Kurie nennen kann, die unabhängig
von inhaltlichen Optionen zu ihrer Routine
zurückkehren wollten. Es war aber Kardinal
Döpfners vom Papst gebilligter Plan, der aus guten
Gründen eine Beschränkung auf wenige
grundlegende Konstitutionen des Konzils vorsah. Denn es
zeichnete sich in diesem Augenblick ab, was dann auch
eingetreten ist: dass neben den grossen Texten über
die Kirche («Lumen gentium»), über die
Offenbarung und über den Katholizismus in der
heutigen Welt («Gaudium et spes») eine Reihe
von wenig aussagekräftigen, durch Kompromisse
verwässerten oder unausgereiften Dekreten entstand,
die sich eher für die weitere Bearbeitung in einem
je dafür geeigneten Rahmen als für ihre
Verabschiedung durch ein Ökumenisches Konzil
empfahlen.
Da war es nun auch wieder die konziliare Eigendynamik,
die sich gegen einen solchen Eingriff durchsetzte
sich deshalb durchsetzen konnte, weil Paul VI. ihn doch
nicht verfügen wollte; er hat einzelne Korrekturen
an der Konzilsarbeit vorgenommen, aber die Führung
weder an sich gezogen noch einem «starken Mann»
überlassen; das Fazit von Vilanovas Analyse lautet,
dass es eine wirklich programmatische Führung des
Konzils nicht gegeben hat. Die Frage, ob das ein
Unglück war und geblieben ist ,
lässt er offen, und offen muss sie wohl bleiben. Wie
geführte Konzilien aussehen, lehrt die
Kirchengeschichte, und das Erste Vatikanum ist ein gutes
Beispiel dafür. Die tragischen Widersprüche,
von denen das Zweite Vatikanum jedenfalls nicht frei war,
werden in den beiden letzten Bänden dieses Werks
ohne Zweifel noch deutlicher hervortreten.
Hanno Helbling
Storia del concilio Vaticano II, vol. 3: Il
concilio adulto, settembre 1963 settembre 1964.
Peeters/il Mulino, Bologna 1999. 590 S., Lit. 80
000..
© Neue Zürcher Zeitung -
09.06.1999