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Welche Feiern für gleichgeschlechtliche Paare?

Bericht des Kirchenrates vor der evangelischen Synode

Der Bericht des Kirchenrates zur Homosexualität hat in der evangelisch-reformierten Synode eine eingehende Debatte ausgelöst. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche liturgische Begleitung die Kirche für gleichgeschlechtliche Paare vorsehen soll. In einer vierjährigen Versuchsphase soll nun Paaren, die ihre Beziehung kirchlich beglaubigen wollen, eine noch nicht näher definierte, von einer Trauung deutlich unterscheidbare Feier ermöglicht werden.

rib. Vor einem Monat veröffentlichte der Kirchenrat der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich seine Stellungnahme zur Frage der Homosexualität (NZZ 12. 5. 99). Damals wies er darauf hin, das Thema vermöge noch heute zu polarisieren – eine Einschätzung, die sich am Dienstag an der Sitzung der Kirchensynode bewahrheitet hat. Die Behandlung des kirchenrätlichen Berichts führte unter den Synodalinnen und Synodalen zu engagierten Diskussionen, welche die zum Teil völlig unvereinbaren Standpunkte deutlich aufzeigte. Mit einem angesichts der auseinandergehenden Meinungen erstaunlich deutlichen Ergebnis von 123:19 Stimmen hiess die Synode schliesslich den Bericht des Kirchenrates gut. Durch ein 1993 eingereichtes Postulat ausgelöst und letztes Jahr in umfassender Konsultation vorbereitet, bezieht er Stellung gegen jede Diskriminierung homosexueller Menschen. Darüber hinaus erklärt er, die Kirche trage an der leidvollen Geschichte der Homosexuellen in Vergangenheit und Gegenwart Schuld und Mitverantwortung. Handlungsbedarf bestehe aber vor allem in bezug auf die Zukunft. Für die Kirche selbst hält der Kirchenrat deshalb fest, Homosexualität sei kein Hinderungsgrund für die Übernahme eines kirchlichen Amtes.

Angst vor Zerreissproben

Herrschte in diesem Punkt weitgehend Einigkeit unter den Synodalen, so traten bei der Frage nach der liturgischen Begleitung gleichgeschlechtlicher Paare deutliche Meinungsunterschiede zutage. Der Vorschlag des Kirchenrats, Paaren, die ihre Beziehung kirchlich beglaubigen möchten, liturgische Feiern anzubieten, stiess auf zum Teil starken Widerstand. In einem von mehr als achtzig Pfarrerinnen und Pfarrern unterzeichneten Aufruf wurde dem Kirchenrat entgegengehalten, das Thema Homosexualität und Kirche könne nicht mit neuen gottesdienstlichen Handlungen gelöst, sondern müsse auf seelsorgerlichem Weg angegangen werden. Im Vordergrund müsse die persönliche Begleitung Betroffener stehen. Es müssten Massnahmen getroffen werden, um die seelsorgerliche Kompetenz der Pfarrerinnen, Pfarrer sowie der Kirchgemeinden zu stärken. Die Kirchgemeinden, hiess es in der Diskussion, seien in dieser Frage sehr uneins. Mit einem zu raschen Vorprellen könnte es zu Zerreissproben kommen. Die Basis sei nicht genügend in den Entscheidungsprozess einbezogen worden, und mit Anordnungen, die über die Köpfe der Gemeindemitglieder hinweg getroffen würden, schaffe man mehr Probleme, als man löse. Ausserdem bestehe die Gefahr, dass die Kirche instrumentalisiert und in eine Vorreiterrolle gedrängt werde, da homosexuelle Partnerschaften rechtlich noch nicht anerkannt seien.

Der ganze Fragenkomplex, so wurde dem Kirchenrat von konservativer Seite vorgeworfen, sei in der Konsultation sehr einseitig dargestellt worden. Das Resultat der Befragung in Pfarrkapiteln und Kirchenpflegen – gut 55 Prozent der eingegangenen Antworten äusserten sich positiv zu Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare – sei deshalb nicht repräsentativ. Wenn eine kleine Partikularkirche, wie die evangelisch-reformierte Kirche in der Schweiz dies sei, ein neues praktisch-theologisches Konzept einführe, gefährde dies zudem den ökumenischen Dialog. Die anglikanische Kirche habe sich kürzlich gegen Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare ausgesprochen, die Orthodoxen drohten wegen dieser Frage die Ökumenische Bewegung zu verlassen. Wie diese Feiern auch gestaltet würden, sie seien letztlich nicht von Trauungen zu unterscheiden. Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob die Synode in einem derart zentralen Punkt des Gottesdienstes neue Bestimmungen einführen dürfe.

Was heisst «Segen»?

Die Gestaltung dieses liturgischen Angebots – die Bezeichnung Segnungsfeier wurde durch den offeneren Begriff Ritual ersetzt – ist im Bericht des Kirchenrates nur summarisch umschrieben, die konkreten Formen sind noch weitgehend offen. Eigene kirchliche Amtshandlungen, so wird festgehalten, sind für gleichgeschlechtliche Paare nicht vorgesehen. Der Charakter der Feiern, die ihnen im Einvernehmen mit der Kirchenpflege ermöglicht werden können, ist höchstens insoweit definiert, als sie sich von kirchlichen Trauungen deutlich unterscheiden müssen und «den Aspekt der Verkündigung und der Fürbitte» umfassen. In einer vierjährigen Versuchsphase sollen nun erste Erfahrungen gesammelt werden. Während dieser Zeit stattfindende Feiern sollen dem Kirchenrat gemeldet werden, damit ein Modell für die Liturgien entwickelt werden kann. Dass noch viele Fragen offen sind, zeigt der Antrag der Synode an den Kirchenrat, den in der Diskussion zentralen Begriff des Segens näher zu umschreiben.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 09.06.1999

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