Bibel-Musical
Erstaufführung von Weills
«Weg der Verheissung» in Chemnitz
Der Türöffner für Amerika hätte
es werden sollen. Es wurde zum Desaster. Unsummen hatte
die Produktion verschlungen. Vierhundert Mitwirkende
erforderte das Bibelepos, das den Weg der Juden durch die
Geschichte von den Erzvätern bis zu den Propheten
nachzeichnen sollte. Für das gigantische
Bühnenbild wurde eigens der Boden des New Yorker
Manhattan Opera House aufgesprengt. Bei jeder Vorstellung
mussten gerade auf den teuersten Plätzen
fünfzig Feuerwehrleute placiert werden. Wenige
Monate nach der glanzvollen Uraufführung am 4.
Januar 1937 wurde «The Eternal Road» abgesetzt.
Kurt Weill konnte Teile seiner Musik noch in seinem
Kriegsbeitrag zum Holocaust-Drama «We will never
die» verwenden. Das Vielstunden-Epos, das Max
Reinhardt in Norman Bel Geddes Ausstattung als
Riesenfestspiel-Spektakel inszeniert und für das
Franz Werfel ursprünglich unter dem Titel «Der
Weg der Verheissung» das ausufernde Libretto
verfasst hatte, verschwand in der Versenkung.
Zur Eröffnung des Weill-Gedenkjahres 2000
an den hundertsten Geburtstag und fünfzigsten
Todestag wird da weltweit erinnert werden hat die
Oper Chemnitz das Werk erstmals wieder szenisch
herausgebracht und erstmals überhaupt in Deutsch.
Die Aufführung ist entstanden als internationale
Koproduktion mit der Brooklyn Academy of Music New York,
der New Israeli Opera Tel Aviv und der Krakauer Oper, wo
die Produktion dann im kommenden Jahr reihum gastieren
wird. Weills Musik ist oratorisch angelegt. Erzählt
wird die Geschichte als Versuch einer vor dem nahenden
Pogrom-Terror in eine Synagoge geflohenen jüdischen
Gemeinde, sich zu erinnern. Die Partitur zeigt den
Komponisten auf dem Sprung zum Broadway, aber noch mit
starken Reminiszenzen an «Mahagonny» und den
«Silbersee». Auch Mahlers Vierte, Mendelssohns
Oratorien und jüdischer Tempelgesang im
psalmodierenden Sprechgesang des zum Gedenken mahnenden
Rabbi klingen an.
Dramaturgisch hat das Werk doch merkliche Längen
und Schwächen als ob Weill vergessen wollte,
was er mit Brecht erarbeitet hatte. Zumal die beiden
ersten Teile, «Erzväter» und
«Moses», wirken fern und blass. Schönberg
mit seinem «Moses und Aron» arbeitete
thematisch ungleich präziser. Mehr bei sich
spürt man Weill in den Teilen drei und vier
über «Die Könige» (mit den dankbaren
Figuren David und Salomon) und in den
«Propheten», endend in der menetekelhaften
Tempelzerstörung. Einen «Widersprecher»
genannten Zweifler belässt Weill ohne Musik, wie
Schönberg den Moses. Dieser Diabolos darf sein so
klug sich wähnendes jüdisches Volk sticheln,
verfluchen: dass es sich einen Gott erwählte, der
ihm immer nur verheisst, verspricht und es so
ahasverisch immer neu entwurzelt.
Gerade von dieser Figur her hätte man dieses
Stück szenisch aufbereiten müssen. Und ein
Regisseur wie George Tabori wäre dafür wohl der
ideale Realisator. In Chemnitz entschied man sich unter
der Regie von Opernchef Michael Heinicke und mit
tatkräftiger Mithilfe der New Yorker Weill
Foundation für den nicht verheissungsvollen
Weg eines frommen Bibel-Musicals à la Kirch mit
einer auch vor krassem Kitsch nicht
zurückschreckenden Ausstattung (David Sharir). John
Mauceri am Pult, dessen beharrlichem Pochen die
Aufführung mit zu verdanken ist, scheut ebenfalls
vor klaren Konturen, weicht das Klangbild zur
Filmbegleitmusik auf. In früheren konzertanten
Aufführungen wie in Wien, Bochum, Dessau
hat man das Stück oder Teile davon schon
profilierter gehört. So bleibt die organisatorische
Grosstat dieser Wiederaufführung leider doch nur
eine halbe. Und Weills verheissenes Opus summum erlebte
man hier nicht.
Georg-Friedrich Kühn
© Neue Zürcher Zeitung -
18.06.1999