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Visa für das Leben

Diplomaten als Retter – eine Ausstellung in Budapest

«Kollektivpass No. 1. Die Schweizer Gesandtschaft in Ungarn ersucht alle Zivil- und Militärbehörden, die nachgenannten Träger dieses Kollektivpasses frei und ungehindert passieren zu lassen. Gleichzeitig empfiehlt sie diese dem Entgegenkommen aller derjenigen Behörden und Beamten, an die sie sich wenden sollten, und ersucht sie, ihnen Hilfe und Schutz angedeihen zu lassen. – Budapest, den 29. Juli 1944. Der Leiter der Abteilung für fremde Interessen: Carl Lutz.»

Die Kopie des zitierten Dokuments hängt im Budapester Königsschloss, in einem Korridor der dort untergebrachten Landesbibliothek, wo unlängst von Staatspräsident Árpád Göncz eine bis Ende Juni dauernde kleine Ausstellung, betitelt «Visa für das Leben», eröffnet worden ist. Gewidmet ist die zusammen mit dem Simon-Wiesenthal-Zentrum und dem Yad Vashem Memorial organisierte Schau dem Andenken von dreizehn Diplomaten, die während des Zweiten Weltkriegs durch ihre – von den Aussenministerien zumeist missbilligte – Handlungsweise Zehntausenden verfolgter Juden das Leben gerettet haben. Der 1944 in Budapest tätige Schweizer Konsul Carl Lutz und seine Frau Gertrude gehören ebenso zu den Geehrten wie der Beauftragte des IKRK in Ungarn, Friedrich Born. Der von Konsul Lutz erfundene «Kollektivpass» wurde als eine Methode zur Rettung von Bedrohten in der Form verschiedener Schutzbriefe auch von anderen neutralen Botschaften in Budapest übernommen, ebenso die Einrichtung «geschützter» Häuser und Wohnungen. Ein unermüdlich tätiger Retter, dessen Einsatz die Ausstellung auch ausführlich dokumentiert, war in Budapest der später von den Sowjets verschleppte Raoul Wallenberg. Er wie Lutz haben heute in der ungarischen Hauptstadt ihre Denkmäler.

Die Ausstellung nennt auch andere, seltener gehörte Namen, so die während der Kriegsjahre in Budapest tätigen Schweizer Diplomaten Maximilian Jaeger, Harald Feller und Franz Bischof sowie den Anwalt Peter Zürcher. Von letzterem heisst es, er habe dem deutschen General Pfeffer von Wildenbruch mit der Anklage wegen Kriegsverbrechen gedroht und so erreicht, dass 70 000 Juden im Ghetto von Pest überlebt hätten. Ungarn bildet wohl den Schwerpunkt der Ausstellung, sie führt aber auch andere, teilweise verblüffende Fälle vor: den des deutschen Handelsattachés Georg Ferdinand Duckwitz, dank dessen Warnung die Juden Dänemarks nach Schweden gebracht werden konnten, des chinesischen Diplomaten Feng Shan Ho in Wien, des japanischen Konsuls Chiune Sugihara und des holländischen Honorarkonsuls Jan Zwartendijk in der damaligen litauischen Hauptstadt Kaunas oder den des amerikanischen Konsuls Hiram Bingham in Marseille. Sie alle stellten den Verfolgten auf eigene Verantwortung Visa aus und ermöglichten ihnen so die Weiterreise und die Flucht.

Genannt sind auch der Schweizer Botschafter in mehreren Balkanländern, René de Weck, sowie Pio Perucchi und Candido Porta, zwei Beamte des Schweizer Konsulats in Mailand, die 1938 Flüchtlingen aus Österreich die Weiterreise in die Schweiz ermöglichten und deshalb später ihre Stelle einbüssten. Am tiefsten rührt den Besucher wohl die Geschichte des portugiesischen Konsuls in Bordeaux, Aristides de Sousa Mendes. Der Diplomat handelte 1940, beim Zusammenbruch Frankreichs, nach schwerer Gewissenserforschung zuletzt ausdrücklich gegen seine Instruktionen und stellte für Flüchtlinge 30 000 Visa aus. Der entlassene, einsam gewordene einstige Konsul starb 1954 in einem Armenspital.

Die kleine, doch mit Porträts, zeitgenössischen Aufnahmen und Dokumenten gut ausgestattete Ausstellung vergegenwärtigt ein Stück Menschlichkeit inmitten der humanitären Jahrhundert- Katastrophe. Dass über den einzelnen Bildern der hilfreichen Diplomaten kleine Flaggen deren nationale Zugehörigkeit markieren, mag Geschmackssache sein. Doch wenn die Fähnchen schon da sind, kommt man beim Anblick der vielen weissen Kreuze auf rotem Grund nicht drum herum, sich seine Gedanken zu machen darüber, was sich in den letzten drei Jahren zwischen jüdischen Organisationen in Amerika und der Schweiz abgespielt hat.

Andreas Oplatka

 

© Neue Zürcher Zeitung - 18.06.1999

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