Ein Markstein im Niedergang des
Kommunismus
1979 und 1999 zwei Polenbesuche
des Papstes im Vergleich
Von unserem Römer Korrespondenten Rudolf
Stamm
Der zwölftägige Besuch des Papstes in
seiner Heimat nimmt sich wie ein in die Länge
gezogener Abschied aus. Es ist die längste Reise des
reisefreudigen Papstes, und da sie ihn durch viele kleine
Städte und Klöster führte, wurde
gelegentlich gewitzelt, er suche einen Ort, wo er sich
von den Strapazen des Jubeljahrs 2000 erholen könne.
Dieses wird ihm nicht viel Zeit zur Beschäftigung
mit Polen lassen, dessen Schicksal in seiner Gedankenwelt
immer einen besonderen Platz einnahm seit der
unvergessenen ersten Reise vor zwanzig Jahren.
Warschau, im Juni
Wir standen am Pfingstsamstag 1979 um eine des
Polnischen kundige Kollegin versammelt in einem Zimmer
des Hotels Victoria und blickten auf den Warschauer
Siegesplatz, der sich über mehrere hundert Meter bis
zum riesigen Gebäude des Nationaltheaters
ausbreitet. Die mächtige, zum eucharistischen
Gottesdienst versammelte Menge erinnerte kaum an eines
der in dieser Zone von der Partei befohlenen
Massenmeetings. Sie war grösser, und man konnte aus
den Gesichtern ablesen, dass sich die meisten freiwillig
hier befanden. Da das Ereignis ungewöhnlich und vom
Regierungsprotokoll nicht vorgesehen war, blieben einige
Diplomatenplätze leer der schweizerische
Geschäftsträger nahm an der Einweihung eines
staatlichen Kinderheims teil. Die beiden Ereignisse
sollten auf unterschiedliche Weise in die Geschichte
eingehen. Eine Papstpredigt auf dem Ehrenplatz der
Nation, unmittelbar vor dem Grab des Unbekannten
Soldaten, war ein Novum, noch dazu, wo der Papst in einem
offiziell dem dialektischen Materialismus verpflichteten
Staat die These abhandelte, Polens Geschichte sei ohne
Christus undenkbar. Dass die Polen Kommunismus mit Zwang
und Katholizismus mit Freiheit gleichsetzten, war ein
Gemeinplatz, doch eine derart offene religiöse
Demonstration schien zu Zeiten von Breschnew und Suslow
unmöglich.
Eine verrutschte Kamera und ihre Folgen
An einem der folgenden Tage schwenkte während
einer Messe unter freiem Himmel der Fernsehoperateur
absichtlich oder nicht die zuvor auf die
Reihen von einigen Honoratioren fixierte Kamera aus und
fing die Massen ein. Eine unglaubliche Fehlleistung: Ein
Raunen ging durch die um den Bildschirm versammelte
Gruppe; es setzte sich offenbar unmittelbar im ganzen
Land fort. Selbst für viele Katholiken war es ein
Schlüsselerlebnis, zu sehen, dass nicht nur
Angehörige, Freunde, Nachbarn den gleichen
Überzeugungen anhingen wie man selbst, sondern
Hunderttausende und mehr im ganzen Land. Von einem
Auftritt des Papstes zum andern nahm die Zahl der
Teilnehmer zu. Verglichen mit der Begeisterung, mit der
ihn dann seine Wahlheimat Krakau empfing, wirkte im
Rückblick das Engagement der Warschauer nun beinahe
reserviert. Eine Woche lang schwoll die Temperatur der
polnischen Volksseele in stetem Crescendo an, was den
damaligen Chefredaktor der Zeitung «Polityka»,
Rakowski, zur Feststellung veranlasste, von diesem Tag an
sei nichts mehr, wie es war. Rakowski wurde später
der engste politische Vertraute von General Jaruzelski
und Ende der achtziger Jahre Liquidator der
Kommunistischen Partei Polens, womit er massgeblich zur
Erfüllung seiner Prophezeiung beigetragen hat.
Weshalb die Wirkung?
Die Polenreise des Papstes von 1979 war ein Markstein
im Niedergang des Kommunismus, ohne dass hier eine
Rangfolge der betreffenden Ereignisse aufgestellt werden
soll. Sie hat die Bewusstwerdung gefördert, die
wahren Kräfteverhältnisse aufgedeckt. Eine
vatikanische Ostpolitik gab es schon immer, und in
zähen Verhandlungen vermochte Rom den
osteuropäischen Parteichefs da und dort eine
Konzession abzuringen. Auch eine von katholischen Laien
geführte Opposition in Polen gab es schon lange;
Wladyslaw Bartoszewski und andere hatten auf den
fliegenden Universitäten schon vor der Wahl Karol
Wojtylas die tatsächliche Geschichte des Zweiten
Weltkriegs unterrichtet. Das Unverhoffte bestand darin,
dass nun ein Mann von internationaler Autorität all
dies auf einem öffentlichen Platz sagte. Die
Gärung in der Gesellschaft führte 14 Monate
später in Danzig zur Gründung der
unabhängigen Gewerkschaft Solidarität, welcher
der Papst von Anfang an mehr Verständnis
entgegenbrachte als der polnische Episkopat. Zum
Zeitpunkt der zweiten Reise im Juni 1983 herrschte in
Polen Kriegsrecht. Der Papst verlangte von der Regierung
die Einhaltung der 1980 getroffenen Danziger Abkommen,
General Jaruzelski schloss Lech Walesa ein für
allemal als Verhandlungspartner aus. Indem der Papst am
folgenden Tag Walesa empfing, zeigte er den Polen, dass
er an ihrer Seite stehe. Der Weg zur Normalisierung war
lang, aber wiederum hatte Johannes Paul II. durch sein
unmissverständliches Verhalten seinen Landsleuten
weitergeholfen.
Die Ursache der überragenden Breiten- und
später auch Tiefenwirkung lag nach dem lange
abgewogenen Urteil polnischer Intellektueller und
auswärtiger Beobachter zuallererst in der Sprache;
sie hebt sich von der Verschleierungssprache
kommunistischer Funktionäre durch Wahrhaftigkeit ab.
Damit war der Bevölkerung die Möglichkeit der
Identifikation mit dem Gesagten gegeben, um so mehr, als
sie sofort erkannte, dass hier einer in Kenntnis ihrer
eigenen Probleme und Nöte redete. Die Erkenntnis
sprach sich bald auch in den Nachbarländern Litauen,
Ukraine und Tschechoslowakei herum. Nun sass an
verantwortlicher Stelle im Westen endlich jemand, der den
realsozialistischen Alltag nicht aus der Theorie, sondern
aus eigener Anschauung kannte, der den leidigen Umgang
mit kommunistischen Funktionären gewohnt war und
ihre Schliche durchschaute. Das Wichtigste an der
Botschaft Karol Wojtylas war die Authentizität. Zehn
Jahre später hat sich etwas Analoges in Prag
abgespielt; Vaclav Havel repräsentierte
glaubwürdig das Leiden der Tschechen und Slowaken
unter dem kommunistischen System.
Anwalt der vergessenen Völker und Nationen
Nach der Wahrhaftigkeit wäre die Themenwahl zu
nennen. Die Übereinstimmung von Nation und Kultur
ist für Polen von zentraler Bedeutung, und der
Hinweis auf die christlichen Grundlagen der polnischen
Geschichte war der Schlüssel zu vielen anderen
Themen. In Gnesen, dem geistlichen Mittelpunkt der Slawen
im Mittelalter, sprach er über die westliche
Bestimmung Polens und über die geistliche Einheit
des christlichen Europa und trat als Anwalt der oft
vergessenen Völker und Nationen auf gemeint
waren vor allem jene hinter der europäischen
Trennlinie. Vor den Vernichtungslagern in
Auschwitz-Brzezinska erliess er einen Aufruf zur Achtung
der Andersdenkenden, auch der Nichtgläubigen. Von
den Millionen Opfern dieser Lager hob er die Juden, die
Sowjetrussen und die Polen speziell hervor. Mehrmals im
Laufe der Reise forderte er die staatlichen Behörden
zum sozialen Ausgleich, zur Achtung der
Menschenwürde und der Freiheit auf. In Krakau
schliesslich unterstrich er, die Kirche habe keine
imperialistischen Absichten, sondern verstehe sich als
Dienerin. Mit Ausnahme der Themen, auf die der Westen
wartete (Empfängnisverhütung, Priesterehe,
Ordination der Frauen), war die Tour d'horizon über
die soziopolitischen Probleme Polens und des weiteren
Ostmitteleuropa zwar nicht vollständig, doch sie
umfasste die wichtigsten weltweit anerkannten
Forderungen. Die Machthaber standen vor einem starken
Gegenkonzept. Dabei scheute sich Johannes Paul II. nicht
vor Anspielungen auf das der Kirche nicht wohlgesinnte
Regime, aber er tat es mit Mutterwitz und wurde nie
höhnisch. Er zollte Parteichef Gierek Anerkennung
dafür, was die Behörden im Sinne des
gemeinsamen Wohls der Polen taten, und er hatte auch
keine Bedenken, die Nachkriegsgrenzen Polens als gerecht
zu bezeichnen, was der Regierung entgegenkam.
Schliesslich die Persönlichkeit Wojtylas. Um
alles in der richtigen Tonlage sagen zu können,
brauchte es nicht nur Mut, sondern auch
Fingerspitzengefühl, Kenntnis des politischen
Gegners (um einen solchen handelte es sich) und ein
Stück bodenständiger Schlauheit. Davon besass
Johannes Paul II. jedenfalls genug, um mit seinen
dortigen Gegenspielern fertig zu werden. Deshalb wird
dieser Papst in Polen und im weiteren
osteuropäischen Umkreis immer anders beurteilt
werden als im Westen, dessen laut vorgetragenen Nöte
ihm nie sehr tiefgründig erschienen. Die Sexualmoral
der Polen liegt vermutlich nicht näher bei jener vom
Papst geforderten als die der Niederländer oder der
Schweizer, aber die Polen machen wenig Aufhebens davon.
Schwerer wiegt aus moderner Warte sein fehlendes
Sensorium für bevölkerungspolitische Fragen und
für die Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft.
Hier ist er in der Tradition des 19. Jahrhunderts
steckengeblieben.
20 Jahre später fragwürdige
Superlative
Der siebente Polenbesuch des Papstes genau zwanzig
Jahre später ist bar der emotionalen Höhepunkte
von einst. Die Verhältnisse in Polen sind
demokratisch-stabil, das Land unabhängig; der
Kirchenbesuch ist zurückgegangen, weil die Kirche
nicht mehr die alleinige Wahrerin der polnischen Kultur
ist. Der Papst vermag die Massen noch zu fesseln, aber
einige seiner Auftritte sind zu Masseninszenierungen
verkommen, bei denen man nicht weiss, ob das Fernsehen
oder die Liturgie wichtiger ist. Der Altar auf dem
Pilsudski- Platz von Warschau (1979 hiess er Siegesplatz)
sprengt alle Ausmasse, die auf dem Nationaltheater
angebrachten Embleme für Christus und den Heiligen
Geist sind von fragwürdigem Geschmack. Die
Spontaneität von einst wird ersetzt durch die
Statistik. An der Messe, an der 108 Märtyrer des
Zweiten Weltkriegs seliggesprochen wurden, nahmen doppelt
soviel Menschen teil wie an jener von 1979; die Teilnahme
gehört nun aber zum guten Ton und ist nicht mehr mit
Gefahren verbunden. Das viertägige
Alkohol-Ausschankverbot nehmen die meisten Warschauer
klaglos hin, über die zahlreichen Absperrungen weit
ab vom Geschehen ärgern sie sich.
Dieser Papst hat früh die Wirkung des Fernsehens
entdeckt und immer wieder genutzt, nun hat das Fernsehen
den körperlich Geschwächten für seine
Zwecke vereinnahmt. Auch die Zeitungen scheinen alle
Grenzen des Zumutbaren aus den Augen verloren zu haben.
In den Wochenendausgaben wurden dem Ereignis zwischen
vier und sechs Seiten gewidmet, und auf den Titelseiten
hatte der Papstbesuch durchwegs Vorrang vor dem Geschehen
in Kosovo. Die Einweihung der grössten Kirche nach
St. Peter im Provinzstädtchen Lichen, allen mit Sinn
für die Erhaltung schöner Landschaften
ausgestatteten Gläubigen ein Ärgernis, und die
Grundsteinlegung einer Kirche in Wilanow, die 1791
beschlossen worden war, runden das Bild einer nach
Perfektion strebenden, aber hohlen Megalomanie ab. Der
Staat (oder die führenden Politiker) hat seinen
Anteil an dieser ausufernden Ausbeutung eines
Phänomens. Zu Zeiten der Kommunisten bestand
notgedrungen eine Distanz zwischen Staat und Kirche
sie zu bewahren wäre nach dem Urteil von
guten Katholiken auch heute noch von Vorteil.
Stilsicherheit im Detail
Aber auch 1999 gab es noch einzelne Begebenheiten, die
nicht von Grösse, Masse und Drumherum lebten,
sondern von der Sache selbst. Die kurze Begegnung am
Warschauer Umschlagplatz, wo die von den Nazis zur
Vernichtung bestimmten Juden in Bahnwagen verladen
wurden; oder jene am neuen, aus einem Wagen voller Kreuze
und losen Eisenbahnschwellen gebildeten Denkmal für
die nach Sibirien Verbannten. Der Händedruck
zwischen dem Papst und Marek Edelman, einem der letzten
Überlebenden des Ghetto-Aufstandes, zeugte noch
einmal von der Stilsicherheit Johannes Pauls II. Mit der
kurzen Würdigung von Heimatarmee und Verbannten
stärkte er den polnischen Patriotismus in seinem
Fundament, ohne nationalistischen Auswüchsen
Vorschub zu leisten. Die Gesten waren wichtiger als die
Frage, ob die Zahl der Teilnehmer an den Veranstaltungen
die Zehnmillionengrenze überschritt. Denn, so sagte
unser ältester Gewährsmann unter den
Papstfreunden, unter den heutigen Umständen sind die
Grossanlässe nach einigen Wochen vergessen. Eine
Geste der Humanität hat möglicherweise
längere Wirkung.
© Neue Zürcher Zeitung -
18.06.1999