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«Somalia darf kein humanitärer Fall bleiben»

Interview mit dem Uno-Koordinator Dominik Langenbacher

Der Schweizer Diplomat Dominik Langenbacher ist 1996 von der Eidgenossenschaft an das Uno- Entwicklungsprogramm «ausgeliehen» worden. Seither ist er Uno-Koordinator und Leiter des Uno-Entwicklungsprogramms für Somalia mit Sitz in Nairobi. In diesem Sommer wird er ins Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten zurückkehren. Unser Afrika-Korrespondent Peter Winkler hat ihn über seine Erfahrungen in Somalia befragt.

Sie haben in den letzten drei Jahren die Entwicklungen in Somalia aus der Nähe miterlebt. Was sind für Sie die wichtigsten Unterschiede zwischen damals und heute?

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Vor drei Jahren wären die Äthiopier noch nicht so einfach in Südsomalia einmarschiert. Das hätte im ganzen Land sehr heftige Reaktionen ausgelöst. Die Somalier hatten damals gerade eine zentralistische Diktatur hinter sich, und die Führer verstanden sich als Vertreter einer somalischen Einheit. Heute ist Somalia faktisch in drei Teile gespalten. Wir haben den Nordwesten (Somaliland) sowie den Nordosten (Puntland) als relativ gut organisierte Grössen und den Süden, der keineswegs geeint und eher eine amorphe Masse ist. Diese drei Teile sind nun am Ausprobieren, wie sie im Verhältnis zueinander, aber auch gegen aussen als «Somalia» auftreten sollen. Im Süden ist dazu wegen der instabilen Lage keine Antwort zu erhalten. Puntland versteht sich ausdrücklich als Teil einer künftigen somalischen Föderation, während Somaliland zwischen Eigenstaatlichkeit und der Klärung seines Verhältnisses zum Rest Somalias schwankt. Das alles erleichtert es Äthiopien, sich im Süden relativ frei zu bewegen.

«Baustein-Modell»

Während Ihrer Amtszeit fiel der Entscheid der Uno, die Fixierung auf eine Zentralregierung als Ansprechpartner aufzugeben und dafür auf lokale oder regionale Verwaltungsorgane zu setzen, wo immer sich solche etablieren können. Was hat dieser für eine zwischenstaatliche Organisation wie die Uno revolutionäre Ansatz erreicht?

Tatsächlich war die Uno bis Mitte 1998 im politischen Bereich auf zwei Ziele fixiert: erstens auf die Versöhnung auf nationaler Ebene und damit den Aufbau einer Zentralverwaltung, zweitens auf Mogadiscio als Hauptstadt – letzteres mit der zum Teil richtigen Annahme, dass viele der somalischen Probleme gelöst sind, wenn erst einmal der vielfach gespaltene, dort siedelnde Stamm der Hawiye zur Ruhe kommt. Operationell wurde bereits früher ein anderer Ansatz ausprobiert, der dann bewies, dass lokale Verwaltungsorgane sich sehr wohl als Ansprechpartner für den Aufbau eines neuen, wohl föderalistischen Somalias, eignen. Wir nennen dies das Baustein-Modell. Die Kunst ist nun, diese Bausteine zu entwickeln, ohne das Ganze aus den Augen zu verlieren. Beim gegenwärtigen Zustand mit den grossen Unterschieden zwischen dem Norden und dem Süden droht sonst die Gefahr, dass der Graben von der Uno noch vertieft wird.

Die Grenzen des Baustein-Modells werden etwa dann sichtbar, wenn es darum geht, Somalia wieder in die Welt einzugliedern. Das Land hat zum Beispiel sämtliche thematischen Gipfelkonferenzen der neunziger Jahre verpasst, bei denen über so wichtige Themen wie Umwelt, Frauen oder Klima diskutiert wurde. Der Internationale Währungsfonds, die Weltbank oder bestimmte Uno-Sonderorganisationen können laut ihrer bestehenden Praxis nicht mit solchen nichtstaatlichen Grössen zusammenarbeiten. Schliesslich ist die Versuchung für die Nachbarn gross, mit den «Bausteinen» zu spielen. Äthiopien kann im Süden Somalias Krieg führen und gleichzeitig im Norden den Korridor zum Meerhafen Berbera benützen. Die somalischen Teilgebiete werden so zum Spielball der regionalen Mächte.

Somalia oder besser seine Teilstücke sind im wesentlichen immer noch Gesellschaften mit Kriegswirtschaften. Was kann Entwicklungshilfe in diesem Umfeld ausrichten?

Die Beschreibung trifft nur auf den Süden zu. In den beiden nördlichen Gebieten haben wir dagegen mehr oder weniger legitimierte Führungsstrukturen. Wir schrieben letztes Jahr im Human Development Report des United Nations Development Programme, dass Somaliland mit dem Grad seiner Organisation inzwischen an ein kleines Least developed country herankommt. Waffen spielen in Somaliland und in Puntland im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben kaum mehr eine Rolle und sind auch aus dem Strassenbild weitgehend verschwunden. Es gelten also für unsere Tätigkeit – Friedens- und Entwicklungsarbeit – fast die gleichen Regeln wie für ein Entwicklungsland am unteren Ende der Skala.

Im Süden ist das ganz anders, da Friedens- und Entwicklungsarbeit mit Kriegsherren nicht möglich ist. Wir konzentrieren uns hier auf humanitäre Arbeit, nicht nur wegen der bewaffneten Konflikte, sondern auch wegen Naturkatastrophen wie Dürre oder Überschwemmungen. Weil wir das, was wir eigentlich tun wollen, mit Kriegsherren nicht tun können, weichen wir auf Interessengruppen aus. Hier öffnet sich allerdings die in Somalia allgegenwärtige Clan-Falle – die Clan- Loyalitäten zerschneiden die ganze Gesellschaft in vertikaler Richtung. Für uns heisst das, dass wir Kräfte suchen müssen, die horizontal wirken, die Clan-Strukturen unterlaufen. Wir haben drei solche Kräfte gefunden: Geschäftsleute, die Frauen und der Islam. Wir arbeiten mit den ersten beiden Kräften, jedoch nicht mit der dritten, da Aspekte des Islams, genauer der Scharia, unvereinbar sind mit Grundsätzen der Uno.

Wiederaufbau

Kann in einem derart gewalttätigen Umfeld überhaupt etwas Sinnvolles getan werden?

Ein Engagement in Somalia drängt sich der «Aussenwelt» aus zwei Gründen auf. Da ist zum einen der humanitäre Einsatz als Konsequenz eines moralischen Imperativs. Und da ist zum andern die politische Notwendigkeit. Die heutige Weltordnung verlangt nach politischen Einheiten, die wesentliche Dinge regeln wie zum Beispiel die Souveränität des Territoriums, des Luftraums oder der Gewässer. Gerade mit dem äthiopischen Einfall erhält der zweite Bereich wieder mehr Gewicht, nachdem Somalia zuvor nur noch als humanitärer Fall galt. In beiden Bereichen setzt sich die Gewissheit durch, dass die Arbeit keinen Sinn hat, wenn sie nicht mit operationeller Entwicklungsarbeit abgefedert oder ergänzt wird. Ich vertrete sehr bestimmt die These, dass humanitäre und politische Arbeit an und in Somalia nur zusammen mit Entwicklungsarbeit für den Wiederaufbau sinnvoll ist.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 17.06.1999

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