Rede des Papstes vor dem polnischen
Parlament
Seligsprechung von Opfern der
NS-Verfolgung in Warschau
Im Rahmen seiner zwölftägigen Reise durch
Polen hat Papst Johannes Paul II. am Wochenende Warschau
besucht, wo er zum erstenmal auch im Parlament eine Rede
hielt. Gottesdienste in Ostpolen standen im Zeichen der
Ökumene und zogen in grosser Zahl auch Gläubige
aus den östlichen Nachbarländern Polens an. Der
Wermutstropfen des Besuchs ist der ungelöste
Konflikt um ein Kreuz bei Auschwitz.
ruh. Prag, 13. Juni
In der Mitte seiner zwölftägigen Pilgerreise
durch Polen hat Papst Johannes Paul II. vom Donnerstag
bis zum Sonntag Warschau besucht, von der Hauptstadt aus
aber auch Abstecher zu Gottesdiensten in Ostpolen
unternommen. Einer der bisherigen Höhepunkte seines
Aufenthalts im Heimatland war der erstmalige Auftritt vor
den beiden Kammern des polnischen Parlaments, dem Sejm
und dem Senat. Eine besondere Atmosphäre erhielt die
Rede des Papstes durch die Anwesenheit der früheren
Staatspräsidenten Walesa und Jaruzelski, der eine in
den achtziger Jahren Widerstandskämpfer und
Gründer der Gewerkschaft Solidarität, der
andere kommunistischer Würdenträger und
Architekt des Kriegsrechts, der später aber auch
Hand bot zum gewaltlosen Übergang zur Demokratie.
Beifall von links und rechts
In seiner Rede würdigte der Papst, der selbst
einen erheblichen Beitrag zum Fall des Kommunismus in
Polen geleistet hatte, die politischen Leistungen des
Landes auf dem Weg zu Demokratie und Pluralität.
Seine Worte stiessen auf den begeisterten Beifall sowohl
der regierenden Parteien aus dem konservativen und
liberalen Lager als auch der postkommunistischen
Linksopposition. Besonderes Echo fand die Passage, ein
politisches System, das nicht auf dem Fundament
moralischer Werte stehe, sei der erste Schritt zum
Totalitarismus. Wohl dürfte dies als Anspielung auf
das nur noch als zynische Verzerrung seiner theoretischen
Ideale funktionierende System des ausgehenden Sozialismus
gedacht gewesen sein. Doch erlaubte die Bemerkung
Politikern aller Couleur die Interpretation, gerade ihre
Partei sei jene, die im Gegensatz zu allen anderen die
moralischen Werte in der Politik unterstütze und
nicht nur auf schnöden Machtzuwachs oder materiellen
Gewinn bedacht sei.
Bei den Linken, die während ihrer Regierungszeit
die Ratifizierung des Konkordats zwischen Warschau und
dem Vatikan verhindert hatten, dürfte die
plötzlich entdeckte Sympathie für den
Katholizismus auch mit politischem Kalkül zu tun
haben. Mit Kritik an der Kirche sind in der
Atmosphäre der Begeisterung, die der Papstbesuch in
Polen auslöst, keine Punkte zu holen.
Ökumene mit Wermutstropfen
Einen bedeutenden Teil der letzten Tage nahm die
Auseinandersetzung des Heiligen Vaters mit anderen
Glaubensbekenntnissen und Religionen ein. Am Denkmal des
Warschauer «Umschlagplatzes», von wo aus
während des Zweiten Weltkriegs rund 300 000 Juden in
Konzentrationslager deportiert wurden, betete er für
die Opfer des Holocaust. Jedoch vermied es der Papst,
Stellung zu einem aktuellen Konflikt zwischen Christen
und Juden im Polen um ein Kreuz beim früheren
Konzentrationslager Auschwitz zu nehmen. Johannes Paul
II. war zuvor an einem ökumenischen Treffen vom
polnischen Oberrabbiner Joskowicz aufgefordert worden,
die Entfernung dieses Kreuzes, das von einer Papstmesse
von 1979 in Birkenau stammt, zu veranlassen. In diesem
Streit, der über das letzte Jahr viel böses
Blut zwischen Juden und Christen geschaffen hat,
könnte wohl nur ein Wort des Papstes eine definitive
Schlichtung bringen. Der Vatikansprecher Navarro-Valls
bezeichnete den Konflikt jedoch als lokales Problem.
Prominente Vertreter der jüdischen Gemeinde, auf die
Wahrung des labilen Gleichgewichts der Beziehungen zur
polnischen katholischen Kirche bedacht, distanzierten
sich von Joskowicz' öffentlichem Vorprellen, ohne
jedoch dessen Anliegen an sich in Frage zu stellen.
Bei Messen in Ostpolen, zu denen der Papst von
Warschau aus reiste, kam es zu extensiven Begegnungen mit
Vertretern anderer religiöser Kommunitäten in
Polen wie auch mit Tausenden von Gläubigen, die aus
Litauen, Weissrussland, Russland und der Ukraine
angereist waren. Das Programm des Heiligen Vaters wurde
durch einen Unfall, zu dem es am Samstag in der
Vatikanbotschaft in Warschau gekommen war, nicht
beeinträchtigt. Bei einem Sturz hatte er sich eine
Verletzung am Kopf zugezogen, die mit drei Stichen
genäht werden musste. Sein Besuch in der Hauptstadt
kulminierte am Sonntag in einer Messe auf dem
Pilsudski-Platz im Zentrum, wo er 1979, bei seinem ersten
Besuch im damals noch kommunistischen Heimatland,
für Veränderungen gebetet hatte. Teil der
Zeremonie war die Seligsprechung von 108 Opfern
nationalsozialistischer Verfolgungen, die während
des Zweiten Weltkriegs einen Märtyrertod erlitten
hatten.
© Neue Zürcher Zeitung -
14.06.1999