Ein populärer englischer
Kirchenfürst
Zum Tod Kardinal Basil Humes
R. B. London, 18. Juni
Kardinal Basil Hume, Erzbischof von Westminster und
seit 23 Jahren Primas der römisch- katholischen
Kirche von England und Wales, ist am Donnerstag, wie
bereits kurz gemeldet, im Alter von 76 Jahren in London
gestorben. Er war eine charismatische Figur, weitherum
beliebt, ja populär, auch unter
Andersgläubigen, und engagierte sich stark für
die ökumenische Bewegung.
«My Cardinal»
Die Königin, Oberhaupt der anglikanischen Kirche,
nannte ihn «meinen Kardinal» und liess sich
1995 von ihm dazu bewegen, als erster Monarch seit der
Reformation im Jahr 1534 an einem
römisch-katholischen Gottesdienst teilzunehmen. Der
Oberrabbiner, Sacks, war eng mit ihm befreundet, und auch
der Erzbischof von Canterbury, Primas der anglikanischen
Kirche, Carey, zählte ihn zu seinen Freunden.
Hume war Sohn einer französischen Katholikin und
eines schottischen Protestanten, der an der
Universität von Durham Professor für
Herzkrankheiten gewesen war. Der Sohn wurde
Benediktinermönch und blieb es dem Wesen nach auch
als Kirchenfürst bis zu seinem Tod. Insgesamt 46
Jahre verbrachte er im Kloster von Ampleforth in
Yorkshire, wo er in die Klosterschule gegangen war und
wohin er nach Studien in Oxford und an der
Universität Freiburg i. Ü. zurückkehrte,
als Lehrer wirkte und 1963 Abt wurde. Direkt von dort aus
wurde er 1976 nach Westminster geschickt und zum Primas
ernannt.
Politisch sozialer Ausgleich
Sein politisches Geschick zeigte sich
eindrücklich Anfang der neunziger Jahre, nachdem die
Generalsynode der Kirche von England sich für die
Frauenordination ausgesprochen hatte. Viele Gegner dieses
Beschlusses traten zur katholischen Konfession über,
auch zahlreiche Pfarrer, die dann darum ersuchten, nun
auch, obwohl verheiratet, die katholische Priesterweihe
zu erlangen. Es gelang Hume, von Rom die Zustimmung dazu
zu erhalten, sich gleichzeitig das ungeschmälerte
Vertrauen des Papstes zu bewahren und zum Erzbischof von
Canterbury trotz dessen anfänglicher
Verärgerung wieder freundschaftliche Beziehungen
herzustellen. 300 übergetretene Pfarrer erhielten
die katholische Priesterweihe. Roms Vertrauen in ihn
erlaubte es ihm, sich gelegentlich etwas von den streng
dogmatischen Äusserungen des Papstes zu
distanzieren, unter anderem in Fragen der Moral und der
Sexualität. Er fügte sich zwar dem Diktat Roms,
dass homosexuelle Akte als verwerflich zu gelten
hätten, relativierte aber dies mit der
Erklärung, dies bedeute nicht, dass Homosexuelle
sich wegen ihrer Veranlagung schuldig fühlen
müssten; sie seien in Gottes Augen genauso wertvolle
Menschen wie andere.
Manchenorts half er zur Linderung von
Bedürftigkeit oder zur Beseitigung von
Ungerechtigkeiten. Er nahm sich zum Beispiel früh
der «Birmingham Six» und der «Guildford
Four» an, die in den siebziger Jahren beschuldigt
wurden, Bombenanschläge für die IRA
durchgeführt zu haben, und zu lebenslänglichem
Zuchthaus verurteilt wurden. Von ihrer Unschuld
überzeugt, erwirkte Hume mit andern in
langjähriger Arbeit die Wiederaufnahme des
Verfahrens, was Ende der achtziger Jahre für alle
zehn den Freispruch brachte.
© Neue Zürcher Zeitung -
19.06.1999