Auschwitz, Golgotha und die
Christologie
Ist der universale Anspruch des
Christentums noch zu retten?
In den sechziger Jahren hat Adorno notiert, kein von
Hohem getöntes Wort auch kein theologisches
habe unverwandelt nach Auschwitz ein Recht. Als
spätes Echo auf dieses Diktum lässt sich eine
Sammlung theologischer Aufsätze lesen, die vom
Nestor der politischen Theologie, Johann Baptist Metz,
mitherausgegeben wurde und das Problem einer
«Christologie nach Auschwitz» umkreist. In der
Tat ist das Bekenntnis zu Christus nach der Shoah
gewichtigen Anfragen ausgesetzt: Hat der christologische
Glaube nicht seine politische Unschuld verloren, als er
antijudaistische Stereotype produzierte? Kann angesichts
der Opfer die Bedeutung von Kreuz und Auferstehung
für alle Menschen aller Zeiten noch behauptet
werden?
Die einleitenden Thesen des Münsteraner Theologen
Tiemo R. Peters, dem der Band als Festschrift zum 60.
Geburtstag gewidmet ist, plädieren für die
entschiedene Abkehr von einer
«Erfüllungschristologie», in der das
heutige Judentum nur noch als lebendiger Anachronismus
vorkommt. Die oft heruntergespielte Tatsache, dass das
Christentum konstitutiv auf das Judentum
«rückbezogen» ist, und die lange
verdrängte Einsicht, dass Israel auch post Christum
natum im ungekündigten Bund steht, sei vorbehaltlos
anzuerkennen. Gleichwohl sei es problematisch, wenn die
Aufdeckung der jahrhundertelangen Enterbung des Judentums
bei Christen dazu führte, die Enterbung jetzt gegen
sich selbst zu kehren und zentrale Glaubensaussagen
fallenzulassen. Daher spricht sich Peters gegen einen
christologischen «Besitzverzicht» aus. Nicht
der Abschied, sondern die kritische Revision der
Christologie ist sein Projekt. Wie diese Revision
näher aussehen soll, ist allerdings durchaus
umstritten.
Dies zeigen die polyphonen Stellungnahmen zu Peters'
Thesen, unter denen sich neben jüngeren Autoren aus
dem Umkreis der politischen Theologie auch so bekannte
Stimmen wie Moltmann, Metz und F. W. Marquardt finden.
Jürgen Moltmann etwa nutzt die Gelegenheit, seine
bereits 1972 vorgetragene Deutung zu untermauern,
Auschwitz sei «hineingenommen in den Schmerz des
Vaters, die Hingabe des Sohnes und die Kraft des Heiligen
Geistes». Erst mit der Auferweckung der Ermordeten
und Vergasten werde Gott seinen Schmerz in ewige Freude
verwandeln. Solche Aussagen, die das Grauen der Shoah in
das Ereignis von Golgotha integrieren, gehen Metz
entschieden zu weit. Er wehrt sich gegen eine
nachträgliche Vereinnahmung der Katastrophe und
fordert statt dessen eine leidempfindliche
Karsamstagschristologie, die dem fassungslosen Schweigen
mehr Raum gibt. Alle Autoren stimmen allerdings darin
überein, dass Theologie nur dann dem Vorwurf eines
leid- und geschichtsvergessenen Heilstriumphalismus
entgehe, wenn sie nicht mit einer Geringschätzung
der jüdischen Glaubens- und Leidensgeschichte
einhergeht. Auch Jesus ist ja nicht einfach vom Himmel
gefallen, sondern von der Beschneidung an bleibend in der
jüdischen Glaubenstradition verwurzelt.
Das Besondere am christlichen Bekenntnis ist
allerdings, dass diesem konkreten Leben eine
aussergewöhnliche, um nicht zu sagen universale
Bedeutung zugesprochen wird. Diese herauszustellen, ohne
die jüdischen Wurzeln zu verleugnen, versucht der
Münsteraner Dogmatiker Thomas Pröpper, dessen
Beitrag «Wegmarken zu einer Christologie nach
Auschwitz» zu den anregendsten des Bandes
zählen dürfte. Auch Pröpper ist sich der
geschichtlichen Hypothek bewusst, warnt aber davor, schon
den Versuch, das Besondere des christlichen Glaubens zu
bestimmen, unter Antijudaismusverdacht zu stellen. Er
selbst hält dafür, dass im Leben und Geschick
Jesu die bedingungslose Menschenzuwendung Gottes
endgültig Gestalt angenommen habe. Gegenüber
einem Triumphalismus, für den mit Christus alle
Verheissungen bereits erfüllt sind, betont
Pröpper, dass die Vollendung der Geschichte noch
ausstehe. Er trägt so den jüdischen
Einsprüchen Rechnung, die unter Verweis auf die
andauernde Unerlöstheit der Welt die Messias-
Prädikation ablehnen.
Indes bleibt die Hoffnung auf Vollendung für
Christen doch auch gebunden an die definitive Offenbarung
Gottes in Jesus. Wie aber kann dann die unwiderrufliche
Erwählung Israels mit dessen Nein zum Evangelium
zusammengedacht werden, ohne für die Juden einen
Sonderweg zum Heil an Christus vorbei anzunehmen? Im
Anschluss an Paulus' verschlungene Reflexionen im
Römerbrief skizziert Pröpper den Gedanken, dass
die «endzeitliche Rettung» Israels durch die
Begegnung mit dem «Parusie-Christus» geschehe.
Der universale Anspruch des christlichen Bekenntnisses
wird so gleichsam eschatologisch bewahrheitet. Damit aber
kann die Eigenständigkeit des Weges Israels in
dieser Geschichtszeit vor einem ekklesiologischen
Exklusivismus geschützt und auf Judenmission
verzichtet werden. Dass eine solche Sicht nach
Auschwitz von jüdischer Seite mit
Verständnis rechnen kann, bezeugt Pinchas Lapide,
der einmal bemerkt hat: «Wenn der Messias kommt und
sich dann als Jesus von Nazareth entpuppen sollte, dann
würde ich sagen, dass ich keinen Juden auf dieser
Welt kenne, der etwas dagegen hätte.»
Jan-Heiner Tück
Jürgen Manemann, Johann Baptist Metz
(Hrsg.): Christologie nach Auschwitz. Lit-Verlag,
Münster 1998. 168 S., Fr. 29.80.
© Neue Zürcher Zeitung -
19.06.1999