Schweizer Theologie
Theologie in der Schweiz
Eine reichhaltige Sammlung
Von Hans-Anton Drewes
1990 erschien als «theologischer Beitrag zum
700-Jahr-Jubiläum der Schweizerischen
Eidgenossenschaft» ein fast 700 Seiten starker Band,
der unter dem Titel «Gegen die
Gottesvergessenheit» in 43 Essays bedeutende
christliche «Schweizer Theologen im 19. und 20.
Jahrhundert» porträtierte. 1998 folgte
anlässlich des 150- Jahr-Jubiläums der modernen
Schweiz eine zweite Sammlung, «Theologische Profile
Portraits théologiques», die B.
Bürki und S. Leimgruber als Herausgeber sachkundig
gesammelt haben. In einem zweiten Rundgang werden hier in
teils französisch, teils deutsch verfassten
Beiträgen auf gegen 500 Seiten drei Theologinnen und
dreissig Theologen vorgestellt, die auf Grund ihrer
schweizerischen Herkunft oder durch ihr Wirken in der
Schweiz zur «Schweizer Theologie» im 19. und
20. Jahrhundert gehören.
TABAK, ZIGARREN
Freilich: Gibt es so etwas wie eine «Schweizer
Theologie»? Und was wäre ihre charakteristische
Eigenart? Als Karl Barth 1965 in einem Aufsatz das Thema
«Reformierte Theologie in der Schweiz»
erörterte, verwahrte er sich gegen die
«unartige» Bemerkung eines deutschen Kollegen,
die Tätigkeit der schweizerischen Theologen
erschöpfe sich darin, «deutschen Tabak zu
Zigarren für den heimischen Gebrauch zu
verarbeiten». So war es gewiss nie weder zu
der Zeit der triumviri J. A. Turrettini, J. F. Ostervald
und S. Werenfels, die von Genf, Neuenburg und Basel aus
den reformatorischen Kirchen insgesamt wichtige Impulse
gaben, noch heute, da die katholischen Theologen Hans
Küng und Hans Urs von Balthasar und der Protestant
Karl Barth weit über den deutschsprachigen Raum
hinaus Beachtung und Aufmerksamkeit finden und in
der Sprache jenes «unartigen» Bildes
für die theologischen Rauchwaren vieler Kirchen der
ganzen Welt den Tabak liefern.
Schweizer Tabak!? Im Geleitwort der
Repräsentanten der Schweizer evangelischen und
katholischen Kirche, Pfarrer Heinrich Rusterholz und
Bischof Kurt Koch, wird die Frage nach dem spezifisch
Schweizerischen der Theologie in der Schweiz unbefangen
gestellt und spezifisch schweizerisch?
zurückhaltend mit dem Hinweis beantwortet, dass die
Theologie hier, d. h. in einem «seit einer
längeren Geschichte» «multikulturellen
Lande», schon lange bevor Europa eine politische
Realität zu werden begann,
«europakompatibel» gewesen sei und
«gleichsam als Drehscheibe innerhalb einer
gemeinsamen europäischen Theologie gewirkt
habe».
Der neue Band zeigt überzeugend, dass sich
Einfluss in diesem Sinne nicht nur mit den Namen
verbindet, die jedermann zuerst einfallen. Wenn es u. a.
dies charakteristisch «schweizerische»
Kennzeichen theologischer Arbeit gibt, dann ist das eher
den kontinuierlichen Bemühungen vieler als den
markanten Aufbrüchen der Ausnahmeerscheinungen zu
verdanken. Gleich das erste (der anders als im ersten
Band durchgehend nach den Geburtsdaten geordneten)
Porträt gibt ein schönes Beispiel. Es zeigt
umfassend und zugleich prägnant den Konstanzer
Generalvikar I. H. von Wessenberg (17741860), der
am Anfang des 19. Jahrhunderts mit seinen Bemühungen
um die Priesterausbildung und -fortbildung und um die
liturgischen Reformen nicht nur im sogenannten Schweizer
Quart des Bistums Konstanz eine nachhaltige Wirkung im
Sinne der katholischen Aufklärung entfaltete, wie
sie sich im ganzen deutschen Sprachraum bildete.
Auf den Katholiken Wessenberg folgt der Reformierte
Louis Gaussen (17901863), der sich berufen fand,
gegen die sämtlichen Häresien seiner Zeit
«das Dogma der Dogmen» aufzurichten und
einzuschärfen: die wörtliche Inspiration der
Heiligen Schrift. Nach ihm fordert ein
«gemässigt-liberaler Theologe»
Aufmerksamkeit: der Luzerner Anton Tanner
(18071893), dessen 600 Seiten starkes Hauptwerk
«Über das katholische Traditions- und das
protestantische Schriftprinzip» wiederum dem
Nachweis der prinzipiellen Unmöglichkeit gewidmet
war, Theologie und Kirche auf die Schrift allein zu
gründen, während Frédéric Godet
aus Neuenburg (18121900), echt evangelisch, gerade
der Schrift und ihrer Auslegung die entscheidendste
Bedeutung beimass, ohne doch den Preussenprinzen, den er
eine Zeitlang in Berlin als Hauslehrer zu unterrichten
hatte, zu einem «Buchstabenanbeter» machen zu
wollen.
Bis dahin spiegeln sich in den Porträts
gemeineuropäische Motive und Entwicklungen
vielleicht durch die so eben nur in der Schweiz immer
zugleich gegenwärtigen Gegenmotive und
Gegenströmungen, je nachdem gemildert oder
verstärkt. Mit dem 1837 in St. Petersburg geborenen
Franz Overbeck, der von 1870 bis 1905 in Basel lebte und
dort bis 1897 Neues Testament und Kirchengeschichte
lehrte, trifft etwas wirklich anderes, Neues auf den
Plan: Der tägliche Umgang mit Nietzsche, der von
1870 bis 1875 sein Hausgenosse war, sicher auch die sehr
besondere Schweizer? Basler?
atmosphärische Mischung aus Nüchternheit und
Radikalität liessen Overbecks Einsicht reifen, dass
die Theologie gegenüber den Kultur- und
Geschichtswissenschaften entweder gar keinen eigenen
Gegenstand hat oder einen wirklich
singulären, dem nur eine ihrerseits singuläre
Erkenntnis und Wissenschaft zu entsprechen
vermöchte.
Doch darüber verfügte er selber nach seinem
eigenen Urteil ebensowenig wie die übrige
Universitätstheologie. Die war sich jedoch der
überaus prekären Situation nicht bewusst oder
gestand sie sich nicht ein, wie Overbeck, der selber
darüber zu einem Theologen wider Willen geworden
war, immer von neuem mit Spott und Zorn notierte. Adolf
Harnack, dessen anscheinend von keinen Selbst- und
Gegenstandszweifeln angefochtenes Schaffen Overbeck in
seinen Aufzeichnungen mit kaustischem Witz verfolgte,
weigerte sich zwar 1923, nach der Veröffentlichung
von Nachlasstexten Overbecks, wie er spöttelnd
sagte, in die neue evangelische Losung und Anrufung
einzustimmen: «Heiliger Franz, bitt für
uns.» Für Karl Barth und einige seiner Freunde
wurde Overbeck aber zum Leitstern auf dem Weg in eine
neue, unverwechsel- und unvertauschbare theologische
Theologie.
Spuren der Wirkung, die Overbeck auf diesem Weg
über die «Dialektische Theologie» indirekt
in unserem Jahrhundert entfaltet hat, finden sich
öfter in diesem Band natürlich in dem
Essay über Karl Barths Mitarbeiterin Charlotte von
Kirschbaum (18991975), seine «Hilfe», wie
Barth sie emphatisch genannt hat, aber auch z. B. in den
Darstellungen der Arbeit von Rudolf Bohren (geb. 1920)
oder Gottfried W. Locher (1911 bis 1996), die auf dem
Feld der Praktischen Theologie bzw. der Kirchengeschichte
in selbständiger Forschung dem neuen
Verständnis von Theologie Rechnung zu tragen
versuchten.
KATHOLISCHE ERNEUERUNG
Einer der besonders bemerkenswerten Artikel berichtet
von einem zuwenig wahrgenommenen Aufbruch in der
katholischen Kirche, der keineswegs zufällig in eine
verwandte Richtung ging: Der allzufrüh verstorbene
Eugenio Corecco (19311995), zuletzt Bischof von
Lugano, hat das Kirchenrecht ausdrücklich als einen
theologischen Gegenstand zu definieren versucht, der mit
einer theologischen Methode zu erfassen und zu formen
ist. Soweit sich dieser allerdings radikale Neuansatz in
der katholischen Kirche durchsetzt, wird er mit dem Namen
des Tessiners Corecco verbunden bleiben. Vor ihm kommt
neben der Benediktinerin Silja Walter (geb. 1919),
die unter dem schönen, sprechenden Titel
«Verdichtete Theologie» erscheint eine
ganze Reihe anderer eindrücklicher
römisch-katholischer Theologen zur Sprache: z. B.
Karl Josef Beck (18581943), der für die
Sozialpolitik Bemerkenswertes geleistet hat z. T.
gemeinsam mit Caspar Decurtins, dem neulich ein
reformierter Theologe, Johannes Flury, eine beachtliche
Studie gewidmet hat («Decurtins Kampf um die
Kirche», Chur 1997).
Oder der Dominikaner Gallus M. Manser
(18661950), ein knorriger Vertreter des
eigengearteten Deutschschweizer Thomismus, der mit seiner
Deutung des ganzen thomistischen Systems aus der
Kernlehre von Akt und Potenz, von Wirklichkeit und
Möglichkeit, weite Beachtung fand, mit dem Anspruch
dieses strengen Thomismus auf philosophische
Alleingeltung freilich auch entschiedene Gegner, denen
Manser jedoch keine Polemik schuldig blieb. Oder der
Jesuit Paul Gaechter (18931983), der als Exeget des
Neuen Testaments gewiss von bewahrender Gesinnung war und
der dennoch mit seiner Analyse der «literarischen
Kunst» im Matthäusevangelium und anderen Texten
einen weit vorwärtsweisenden Beitrag zu einem neuen
Verstehen der Bibel geleistet hat. Oder der Dominikaner
Ceslas Bernard Spicq (19011992), dem schon 1918 in
Frankreich eine internationale Karriere als
Fussballspieler vorausgesagt wurde und der dann von
Freiburg aus vielmehr als einer der besten Kenner der
Sprache des Neuen Testaments Weltruf gewann. Daneben die
merkwürdig anziehende Gestalt Maurice Zundels
(18971975), der mit präzisem Schwung die
Trinität auslegte «Dieu est unique, mais
pas solitaire» und von da aus so eindringlich
über das Schweigen, die Armut über den
Menschen zu sprechen wusste. Aber auch der gründlich
gelehrte, in seinen Fragestellungen dabei gerade nicht
konventionelle Patristiker Othmar Perler
(19001994), dessen Arbeiten zur Theologie des 2.
Jahrhunderts ebenso wie die Untersuchungen zu Augustins
geistiger Biographie in Erinnerung bleiben werden.
Ein Schüler Perlers, der
pünktlich-gewissenhafte Leonhard Weber
(19121969), half die katholische Moral- und
Pastoraltheologie erneuern und konnte in wahrhaft
kühner Nüchternheit fordern, sich mit dem
umfassenden Problem auseinanderzusetzen, «dass der
Mensch von heute sich als jenes Wesen zu verstehen
beginnt, dem es von Natur aus zukommt, seine
Natur zu verändern». Diesem Problemkreis
zweifellos das Thema, das der Theologie heute aufgegeben
ist suchte auch der Dominikaner Stephan Hubert
Pfürtner (geb. 1922) als Moraltheologe gerecht zu
werden, der jedoch nach nur sechsjähriger
Lehrtätigkeit in Freiburg seine Professur als Opfer
eines ungelösten Kirchenkonflikts verlor und sich
dann ausserhalb des Ordens in Deutschland ein neues
Arbeitsfeld zu erschliessen hatte.
Neben der jeweils längeren Reihe von reformierten
und römisch-katholischen Namen steht der erste
griechisch-orthodoxe Metropolit der Schweiz und Rektor
des Orthodoxen Zentrums und des Instituts für
orthodoxe Theologie in Chambésy, Damaskinos
Papandreou (geb. 1936), stehen dann vor allem drei
christkatholische Theologen von je eigenem Gewicht: der
Dogmatiker Bischof Urs Küry (19011976) und
Ernst Gaugler (18911963) und sein Schüler Kurt
Stalder (19121996), die beiden Neutestamentler, die
in ihrer exegetischen Arbeit und in ihrer theologischen
Existenz Wissenschaft, Spiritualität und Mystik in
einer Weise verbanden, die auch in den anderen Kirchen
und Fakultäten Frucht getragen hat.
Auf viele und vieles wäre noch hinzuweisen. Der
Sammelband ist so vielfältig wie sein Gegenstand,
dessen überströmender Reichtum die Herausgeber
genötigt hat, am Schluss vor den
nützlichen Kurzbiographien der durchweg nicht nur
kompetent, sondern auch gewinnend schreibenden
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine
«dernière ronde» einzuschalten, in der
noch einmal sieben Theologen und eine Theologin in
kürzeren Streiflichtern vorgestellt werden: ein
offener Schluss ein Zeichen dafür, dass auch
mit diesem instruktiven und spannenden Band das Thema nur
vorläufig erschöpft und dass auf das
nächste helvetische Jubiläum eine erneute
Sichtung und Sammlung ins Auge zu fassen ist. Hoffentlich
aber nicht erst 2041 denn die auch in diesem
zweiten Band noch nicht geschlossene Lücke bei
Walther Lüthi (19011982), dessen Rang Rainer
Oechslen aber immerhin in einer selbständigen
biographisch-theologischen Skizze (Resonanz: «Walter
Lüthi als Vorbild der Predigtkunst»,
Zürich 1997) umrissen hat, sollte nicht mehr so
lange offenbleiben.
Theologische Profile Portraits
théologiques. Schweizer Theologen und Theologinnen
im 19. und 20. Jahrhundert Théologiens et
théologiennes suisses des 19e et 20e
siècles. Herausgegeben von Bruno Bürki und
Stephan Leimgruber. Universitätsverlag Freiburg
(Schweiz) / Paulusverlag Freiburg (Schweiz) 1998. 480 S.,
Fr. 58..
© Neue Zürcher Zeitung -
19.06.1999