Mitgestaltung der EU mit
protestantischen Werten
Europapolitische Grundposition des
Kirchenbunds
Die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen
Evangelischen Kirchenbunds (SEK) hat einstimmig einen
Bericht angenommen, in dem die aktive Beteiligung der
Schweiz an der europäischen Integration klar
befürwortet wird. Eine ausdrückliche Empfehlung
für einen EU-Beitritt soll darin nicht gesehen
werden. Wichtig ist dem Kirchenbund eine
kritisch-konstruktive Haltung zu einer
Friedensgemeinschaft im grösseren Rahmen globaler
Solidarität.
C. W. Egerkingen, 21. Juni
Die Delegierten der reformierten Kirchen behandelten
das Thema «Europa» nur wenige Stunden bevor die
bilateralen Abkommen unterzeichnet wurden. Vor seiner
Abreise nach Luxemburg hielt Staatssekretär Jakob
Kellenberger in Egerkingen einen Einleitungsvortrag, in
dem er neben den allgemeinen und wirtschaftlichen
Verhältnissen auch Aspekte berührte, die
sozialethisch von besonderem Interesse sind. So hielt er
fest, die EU sei nicht primär als grosser Markt,
sondern mit dem Ziel geschaffen worden, der
jahrhundertelangen europäischen Kriegsgeschichte ein
Ende zu bereiten. Es sei weder erwünscht noch
wahrscheinlich, dass sich die innere und äussere
Entwicklung, welche die Union heute auch auf dem Balkan
zu einem Bezugspunkt mache, einmal umkehre. Die Werte, an
denen sich das Einigungsprojekt orientiert, führt
der Amsterdamer Vertrag unter den Aufnahmebedingungen
ausdrücklich an. Es wäre schön, meinte
Kellenberger auf eine Frage nach der Rolle der Kirche in
der Debatte, wenn die Integration etwas weniger unter
kommerziellem Aspekt behandelt würde.
Partizipation mit politischen Zielen
Welche Anliegen der Rat (Vorstand) des Kirchenbunds in
der Europadiskussion vertrete, war eine der Fragen, die
auf Grund einer Motion in einem Bericht zu beantworten
waren. In der ausführlichen Stellungnahme
begründet die Exekutive ihr Engagement mit der
Tradition der oft initiativen Beteiligung an
europäischen kirchlichen Konferenzen und
Institutionen sowie mit der Relevanz des christlichen
Glaubens auch für das öffentliche Leben. Mit
der Erwähnung der an sich schon gerechtfertigten
Menschenwürde, der Unterscheidung von
göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit sowie
einer nicht interventionistisch, sondern partizipatorisch
verstandenen Subsidiarität werden
«protestantische» Akzente gesetzt.
In der europäischen Integration sieht der SEK
weder ein primär ökonomisches Vorhaben noch
eine Wiederbelebung des «christlichen
Abendlands», sondern ein Projekt von Einheit,
Friede, Demokratie und Gerechtigkeit, das allerdings auch
in globaler Verantwortung voranzutreiben sei. Die Schweiz
ihrerseits, heisst es, könne der Weltgemeinschaft
dienen, wenn sie mit anderen Ländern zusammen dieses
Projekt «qualitativ vertieft». Eine aktive
Beteiligung des Landes Ausdruck der Anerkennung
für das bereits Geleistete würde nicht
zuletzt die Mitgestaltung von Regelungen erlauben, die,
zum Beispiel in der Sozial-, der Migrations- oder der
Umweltpolitik, für die Kirchen von besonderer
Bedeutung sind. Es werden denn auch sozialethische
Anforderungen an die EU gestellt und (auch mit Blick auf
die Osterweiterung) schweizerische Beiträge
angedeutet mit Stichworten wie Arbeitsfrieden, soziale
Sicherheit, direkte Demokratie und Pluralismus von
Kulturen.
Mehrere Optionen?
Der Bericht geht sodann auf die Optionen ein
(Alleingang, Bilateralismus, EWR, EU-Beitritt) und kommt
zu einem ähnlichen Schluss, wie ihn Kellenberger mit
den Worten gezogen hatte, ein «Dabeisein, ohne
dabeizusein» stehe auf dem Menu nicht zur Wahl. Nur
durch einen Vollbeitritt könne die Schweiz die
europäische Integration solidarisch mitgestalten,
liest man in der Zusammenfassung, die indessen von der
Exekutive als unverbindlich bezeichnet wurde. Trotz der
klaren Grundausrichtung des Berichts heisst es, die
Kirchen könnten Plattformen des Dialogs bieten.
In der Diskussion, in der das Dokument viel Lob
erhielt, zeigte sich, dass die Stellungnahme einzelnen
noch etwas zuwenig deutlich war, anderen aber fast zu
weit in Richtung einer Parole ging. Ob die Kirche ohne
EU-Beitritt nicht Kirche sein könne, fragte ein
Abgeordneter; die Befürchtungen der Gegner seien
durchaus eine seelsorgliche Aufgabe, meinte ein anderer.
Einer der Motionäre, Paul Jäggi (Aargau),
bedauerte, dass das Prinzip der Gemeindeautonomie,
keineswegs im Sinn der Reformatoren, zum Isolationismus
geworden sei. Immerhin, gaben andere zu bedenken, gebe es
gerade auf Gemeindeebene zahlreiche Partnerschaften,
speziell auch mit Mittel- und Osteuropa, wobei das
Hilfswerk der evangelischen Kirchen (Heks) eine nicht zu
unterschätzende Rolle spiele. Der Rat wolle nicht
eine der verschiedenen Optionen empfehlen, betonte der
Präsident, Thomas Wipf. Die Versammlung liess es
dabei bewenden und nahm den Bericht einhellig in
zustimmendem Sinn zur Kenntnis. Er soll nun als Grundlage
der Diskussion in den Kantonalkirchen dienen und seinen
Niederschlag im Programm des Kirchenbundsvorstands
finden. Noch offen ist die Form (und Finanzierung) einer
ständigen Präsenz des Kirchenbunds in
Brüssel oder Strassburg.
© Neue Zürcher Zeitung -
22.06.1999