«Rauschgoldjahre»
Tilmann Moser über eine
Gewissensbildung unter Hitler
Das grosse Beschweigen der NS-Vergangenheit ist in
Deutschland vorüber und hat einer Diskussion Raum
gegeben, die das scham- und schuldbeladene Erbe auch in
den Tiefenschichten der Familien wie der Gesellschaft
aufspürt und offenlegt. Auf Grund seiner Erfahrungen
in der psychotherapeutischen Praxis weist Tilmann Moser
schon seit einiger Zeit auf die Bedeutung des Themas hin
(z. B. «Dämonische Figuren. Die Wiederkehr des
Dritten Reiches in der Psychotherapie», 1996). In
seinem neuen Buch erzählt er die Geschichte der fast
sechzigjährigen Barbara, die aus dem Abstand eines
halben Jahrhunderts ihrer Kindheit im Dritten Reich ins
Auge schaut.
Barbaras Mutter, eine «idealtypische
Nationalsozialistin», erfährt durch Hitler
gesellschaftlichen Aufstieg. In der «angemassten
Herrschaftswohnung» vertriebener Juden erlebt die
Familie «Rauschgoldjahre». Die kleine Barbara
fühlt sich in den Kleidern, die noch den Namen Ruth
eingenäht tragen, wie eine Prinzessin, bis sie durch
einen halb unbewussten Verrat dem Glanz ein jähes
Ende setzt. Von da an ist sie, ohne die
Zusammenhänge zu begreifen, das
«Hexenkind», das schwarze Schaf der Familie. In
Unwissen gehalten, von schweigender Verachtung umstellt,
fühlt sie sich «lebensunwert» ganz im
Sinne der Naziideologie. Aussenseiterin bleibt sie auch
nach 1945. Während man zu Hause die Mutter
heroisiert und das Familiendrehbuch zu eigenen Gunsten
umdichtet, übt Barbara
«Wiedergutmachungssexualität» mit einem
jungen Juden.
Das Buch bietet nicht zuletzt ein scharfsichtiges
Stück Nachkriegspsychologie. «Das Schweigen
nährt Gespenster», muss Barbara erfahren. So
entwickelt sie eine «Gier nach Wahrheit». Im
Laufe ihrer zehrenden Seelenarbeit gewinnt sie einige
Klarheit über das System ihrer Familie und ihre
«geheimen Rollenzuschreibungen». Sie selbst war
nicht nur Opfer, sondern auch in die Richterrolle
gedrängt und deshalb für die anderen bedrohlich
und schwer zu lieben. Sie fühlt sich jetzt wie eine
«künstliche Niere», die das Nazigift im
Organismus der Familie und auch der ganzen Gesellschaft
zu entsorgen hat. Und natürlich bei sich selbst.
Als kleines Mädchen hat sie ihren Selbstwert aus
der Tatsache bezogen, dass sie als viertes Kind
der Mutter zum Mutterkreuz verholfen und Hitler
persönlich zum Paten hatte. Als die Mutter nach dem
Krieg das Mutterkreuz wegwarf, fühlte sich die
Tochter was für eine ausweglose Verknotung
der Gefühle verraten und degradiert, obwohl
sie Hitler hasste. Es könnte, so hat Barbara
erkannt, der Sinn ihres lebenslangen Kampfes mit dem
Familienerbe sein, dass sie heute «mehr Wahrheit
ertragen kann» als die anderen und die unbewusste
Weitergabe des Übels unterbricht. Vielleicht hat sie
sich auch deshalb keine eigenen Kinder erlaubt.
Tilmann Moser erzählt seinen Fall in der Ich-
Form, mit der von jedem Psychojargon freien literarischen
Qualität, die alle seine Bücher auszeichnet,
sprachlich differenziert auf zwei Zeitebenen. Die
Kinderperspektive zeigt Barbara im Dunkel dumpf ahnenden
Nichtwissens. Im Widerstreit der Wertsysteme fühlt
sie sich wie in Teile zerfallen und weiss nicht, wer sie
ist. Die Sechzigjährige versucht klärend und
deutend die Teile zusammenzusetzen, mit Offenheit und
grosser Formulierungskraft, und leistet damit einen
unschätzbaren Beitrag zur Seelenarbeit einer ganzen
Generation. Sie zeigt auch, wie gründlich die
Forderung nach einem «Schlussstrich» unter die
Nazizeit an der Realität vorbeiläuft. Die
Vergangenheit ist keineswegs vergangen.
Eva Leipprand
Tilmann Moser: Mutterkreuz und Hexenkind. Eine
Gewissensbildung im Dritten Reich. Suhrkamp-Verlag,
Frankfurt am Main 1999. 141 S., Fr. 31.50.
© Neue Zürcher Zeitung -
22.06.1999