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Janusköpfige deutsche Bischöfe

Übernahme des päpstlichen Textes in der Abtreibungsfrage

Die katholischen deutschen Bischöfe haben sich an ihrer Klausurtagung zu Klagen des Vatikans über die deutsche Abtreibungspraxis zur Übernahme eines päpstlichen Textes entschieden. Dieser bezieht sich auf den für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch erforderlichen Beratungsnachweis. Gleichzeitig appellieren die Bischöfe an den Staat, die katholischen Beratungsstellen wegen der neuen Praxis künftig nicht zu benachteiligen.

Ko. Bonn, 23. Juni

Die deutschen katholischen Bischöfe üben sich, wie kaum anders zu erwarten war, in Gehorsam gegenüber Papst Johannes Paul II. An der Klausurtagung des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz in Würzburg entschieden sie sich «einmütig» bei nur einer Enthaltung dafür, den vom Heiligen Vater in Rom gewünschten Zusatz in den Text ihres neuen «Beratungs- und Hilfsplans» aufzunehmen, wonach die vom Gesetz geforderte Bescheinigung über eine Schwangerschaftsberatung «nicht zur Durchführung straffreier Abtreibungen verwendet werden darf». Zugleich setzt die Bischofskonferenz jedoch darauf, dass auch das neue Dokument von den staatlichen Stellen als gesetzlich vorgeschriebener Nachweis der Konsultation vor einem für Frau und Arzt straffreien Schwangerschaftsabbruch anerkannt wird.

Neuer Beratungsschein

Wie der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Karl Lehmann, vor Journalisten in Bonn erläuterte, hat der Papst in seinem Schreiben vom 3. Juni das intensive Bemühen der katholischen Kirche in Deutschland zum Schutz des ungeborenen Lebens anerkannt. Der neue Beratungsplan, der ab Oktober an die Stelle der bisherigen Beratungsbescheinigung treten soll, mache das Ziel der kirchlichen Beratungsstellen noch klarer verständlich als bisher. Der Zusatz, den der Vatikan verlangte, unterscheide sich nur geringfügig von der Formulierung, die die Bischöfe selber wählten, verdeutliche aber nochmals die bisher schon zum Ausdruck gebrachte Intention. Dem Ersuchen des Papstes, betonte Lehmann, folgten die Bischöfe auch dadurch, dass sie an der Schwangerenberatung auch in Zukunft beteiligt bleiben.

Ob dies in der alltäglichen Praxis gelingt, ist zunächst unklar. Lehmann räumte ein, dass bisher schon 80 Prozent der Schwangeren, die sich an eine katholische Beratungsstelle wandten, auf eine zur Abtreibung berechtigende Bescheinigung verzichtet hätten. Sie waren vielmehr ausschliesslich an sozialer Unterstützung durch die Kirche interessiert. Nur 20 Prozent befanden sich überhaupt in einer Konfliktsituation. Sie könnten sich freilich in Zukunft verstärkt an andere Beratungsstellen wenden, wie dies beispielsweise, ohne dass es dafür beweiskräftige Zahlen gibt, in der Diözese Fulda geschah, deren konservativer Erzbischof Dyba schon 1993 die Abgabe von Scheinen durch kirchliche Stellen unterbunden hatte.

Der Dissens mit Rom bleibt

Die Erklärung der Bischöfe entbehrt nicht der Widersprüche. Sie halten sich zwar an die Vorgaben des Vatikans. Sie interpretieren diese aber zum Teil anders und verlassen sich darauf, dass Rom nicht erneut Bedenken geltend macht. So sah Bischof Lehmann im jetzt beschlossenen Vorgehen keineswegs einen Gegensatz zur Feststellung des Papstes, entscheidend für die Wertung sei die Frage, ob der am Ende stehende Text weiterhin die Verwendung des Scheins als Zugang zur Abtreibung gestatte. Die Bischöfe gehen im Gegenteil davon aus, dass sich nach der Neuformulierung des für den Arztbesuch wichtigen Papiers an der Praxis nichts ändert. Lehmann bekräftigte diese Auffassung mit der Feststellung, letztlich habe jede Frau die Freiheit, mit dem Zettel zu machen, was sie für richtig halte.

Ausdrücklich bitten die Bischöfe die staatlichen Stellen um Verständnis und warnen vor Missverständnissen. Bei einer ihrer Meinung nach nicht gesetzeskonformen Benachteiligung der katholischen Beratungsstellen würden sie überlegen, ob sie nicht den Rechtsweg beschreiten müssten. Die Situation wird auch dadurch erschwert, dass die Länder zuständig sind und sich schon jetzt ein unterschiedlicher Umgang mit der Beratung von Schwangeren entwickelt hat. Die Ungewissheit über den Bestand der Entscheidung der Bischöfe im jetzt zunächst wohl beendeten Konflikt mit Rom ergibt sich nicht zuletzt daraus, dass es seit der Intervention des Papstes vor anderthalb Jahren nie zum direkten Dialog, sondern immer nur zu Gesprächen über kirchliche Mittelsmänner wie den katholischen Nuntius gekommen war.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 24.06.1999

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