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Ein Machtwort und die Folgen

Mit unerbittlicher Konsequenz hat Papst Johannes Paul II. die Auseinandersetzung mit den deutschen Bischöfen um die Schwangerschaftsberatung in Deutschland in seinem Sinne zu einem Ende gebracht. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Karl Lehmann, erklärte am Mittwoch nach einer zweitägigen Klausur der 27 deutschen Diözesanbischöfe, diese beugten sich zugunsten der Einheit der katholischen Kirche dem Diktum des Vatikans. Der Papst hatte gefordert, dass die kirchlichen Beratungsstellen in Deutschland an schwangere Frauen keine Beratungsscheine mehr ausstellen dürfen, die zur Durchführung einer Abtreibung berechtigen. Gemäss der Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland (Paragraph 218 des Strafgesetzbuches) müssen sich Frauen, für die eine Abtreibung in Betracht kommt, zuerst bei einer anerkannten Stelle einer Beratung unterziehen. Bei deren Abschluss erhalten sie dann eine sogenannte Beratungsbescheinigung. Erst diese berechtigt einen Arzt, die Abtreibung vorzunehmen, sofern die Frau das dann noch will.

Diese komplizierte Regelung, eine konditionierte Fristenlösung, ist das Resultat eines ungemein langwierigen und schmerzvollen Entscheidungsprozesses, der die deutsche Gesellschaft und die politischen Instanzen nach der Wiedervereinigung jahrelang in Atem gehalten hatte. Nach heftigen Auseinandersetzungen konnte sich der Bundestag im Juni 1995 auf dieses Arrangement festlegen, und in der Folge schien auch die katholische Gemeinschaft zu einem Modus vivendi zu finden, der den ethischen Ansprüchen wie auch den praktischen Sachzwängen einer modernen Gesellschaft gerecht wurde.

Entscheidend für die grosse Mehrheit der deutschen Katholiken war vor allem die Einsicht, dass die katholischen Beratungsstellen dank der gesetzlichen Beratungspflicht einen nicht zu unterschätzenden Einfluss bei der Entscheidung einer Schwangeren für oder wider die Abtreibung ausüben konnten. Diese Tatsache liess sich mit einer beeindruckenden Zahl von Fällen untermauern, in denen sich Frauen zum Austragen des Kindes hatten bewegen lassen. So waren es in letzter Zeit denn nicht zuletzt die kirchlichen Beratungsdienste, die immer wieder eindringlich vor einer Abkehr von dieser Regelung abrieten und davor warnten, dass die Kirche sich noch weiter von der Gesellschaft entfernen und isolieren würde.

Doch den Gegnern, einer kleinen Minderheit unter den deutschen Bischöfen, ging der delikate Kompromiss noch immer zu weit. Nicht nur, dass beispielsweise der Erzbischof von Fulda in seiner Diözese jegliche kirchliche Schwangerschaftsberatung unterband; nach dem Willen dieser Minderheit hatte sich die katholische Kirche in ganz Deutschland aus dieser Beratungspraxis zurückzuziehen. Auch Appelle prominenter Stimmen wie des Bundespräsidenten, dass die Kirche im Beratungsdienst bleiben möge, fruchteten nichts. In enger Kollaboration mit den Gremien des Vatikans, vor allem der Glaubenskongregation, gelang es ihnen, den Papst zu seiner «Bitte» an die deutschen Bischöfe zu bewegen, die geltende Praxis wieder umzustossen. So wird fortan jedem katholischen Beratungsschein ein Satz angefügt, wonach das Dokument nicht zur Durchführung einer Abtreibung verwendet werden dürfe.

Nicht nur die Details dieser Lobbyarbeit, sondern auch die Art und Weise, wie sich die Bischöfe dem päpstlichen Diktat schliesslich unterworfen haben, dürften noch Anlass zu intensiven Erörterungen sein. So hat offenbar nie ein Dialog des Papstes mit den deutschen Bischöfen über dieses so umstrittene Thema stattgefunden. Und doch hat sich die erdrückende Mehrheit der Bischofskonferenz dem Willen der kleinen, orthodoxen Minderheit jetzt gebeugt. Damit ist auch die vielerorts in Deutschland durchaus begrüsste Diskussion über den Spielraum lokaler kirchlicher Würdenträger zu einem jähen Ende gekommen.

Die Konsequenzen sind noch nicht abzusehen. Abtreibungen wird es nicht weniger geben, auch in vorherrschend katholischen Gebieten nicht. Und in politischen Kreisen Bonns herrscht Einigkeit, dass an der gegenwärtigen Form des Paragraphen 218 nicht gerüttelt werde. Anderseits wird den staatlichen Institutionen von der katholischen Kirche nun die Entscheidung zugeschoben, ob ein modifizierter Beratungsschein, der explizit eine Abtreibung verbietet, mit dem Gesetz vereinbar sei. Im Sinne der bestehenden Regelung ist er das natürlich nicht. Schon hat eine Ärztevereinigung darauf hingewiesen, dass Abtreibungen auf Grund der zu erwartenden neuen Scheine illegal seien.

Steht Deutschland also eine Neuauflage des unseligen Abtreibungskampfes von Anfang der neunziger Jahre bevor? Von dieser Gefahr ist in den Verlautbarungen der Bischöfe nie die Rede gewesen – und schon gar nicht in jenen des Vatikans. Mag sein, dass die deutschen Bischöfe mit ihrem Nachgeben die Einheit der Bischofskonferenz zumindest nach aussen gerettet haben. Die Entfremdung von der katholischen Basis aber wird weiterwachsen.

de.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 24.06.1999

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