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Zuwenig Priester bei den Katholiken

Wünsche der Kirchensynode – Ideen der Bistumsleitung

In vielen Pfarreien herrscht ein seelsorgerischer Notstand. Rund ein Drittel aller katholischen Kirchgemeinden hat keinen gewählten Pfarrer. Da die römisch-katholische Kirchensynode befürchtet, das Pfarrwahlrecht könnte dadurch ausgehöhlt werden, soll gemäss einem Postulat geprüft werden, ob auch Pastoralassistenten, Pfarradministratoren und Pfarrprovisoren gewählt werden dürfen. Das Bistum Chur versucht mit einem Modell namens «Seelsorgeraum» dem sich verschärfenden Priestermangel zu begegnen.

pi. Eines der Charakteristika des Gesetzes über das katholische Kirchenwesen von 1963 ist das Pfarrwahlrecht. Es handelt sich um ein Stück schweizerischer katholischer Tradition, deren Wurzeln ins Mittelalter zurückreichen. Dieses Recht wurde im Alpenraum von den Korporationen eingeführt und angewandt. Die Genosssamen (und nicht der Adel) stifteten Pfründen und erwarben sich somit das Recht, den Pfarrer zu bestellen. Das Pfarrwahlrecht, das von der Reformation übernommen wurde, gilt heute immer noch, doch kommt es kaum mehr zur Anwendung. Wie aus dem neusten Personalverzeichnis des Bistums Chur hervorgeht, sind rund ein Drittel aller Pfarreien ohne gewählten Pfarrer.

Ausdehnung des Wahlrechts

Diese Entwicklung bereitet den Katholiken etwelches Kopfzerbrechen. Zudem befürchtet Synodalpräsident Markus Arnold, dass diese demokratische Tradition auf Grund des Priestermangels unterlaufen werden könnte, weil viele Kirchgemeinden dieses Pfarrwahlrecht gar nicht ausüben können. Aus diesem Grund verfasste Arnold ein Postulat – welches die Synode ohne Gegenstimme überwies –, in dem die Zentralkommission um Prüfung der Frage gebeten wird, ob Pastoralassistenten, Pfarradministratoren und Pfarrprovisoren ebenfalls von der Kirchgemeinde gewählt werden dürfen. Den Zeitpunkt des Vorstosses erachtet Arnold als günstig, da derzeit Verhandlungen bezüglich Entflechtung von Kirche und Staat geführt werden.

Nach Ansicht von René Zihlmann, Präsident der Zentralkommission, ist die Sorge um das Pfarrwahlrecht ein echtes Anliegen; die Exekutive der römisch-katholischen Körperschaft nehme das Postulat gerne zur Prüfung entgegen. Zihlmann bemerkte allerdings, der Vorstoss bereite der Zentralkommission Sorgen, weil sie nicht möchte, dass die Verhandlungen mit dem Staat durch ein innerkirchliches Anliegen gestört würden. In deren Zentrum stünden vielmehr ökumenische, ökonomische, juristische und staatspolitische Aspekte.

Generalvikar Peter Henrici weist auf Anfrage darauf hin, dass das Kirchenrecht schon lange ausgehöhlt sei, denn früher durfte von drei Kandidaten der gewünschte Priester gewählt werden. Im Zusammenhang mit dem Postulat sieht Henrici kirchenrechtliche Komplikationen. Die Verantwortung für eine Kirchgemeinde liege eindeutig beim Priester, da die katholische Kirche auf der Eucharistie aufgebaut sei.

«Räume» sollen Seelsorge garantieren

Den Priestermangel – eine Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen dürfte – analysiert Henrici auch aus einer anderen Perspektive. In den dreissiger, vierziger und fünfziger Jahren herrschte in der Schweiz schon nahezu ein Überfluss an katholischen Priestern. Verglichen mit jenen Jahren erscheine die heutige Situation als Notstand, erläutert der Generalvikar; bei einem weltweiten Vergleich jedoch nehme die Schweiz bezüglich des Verhältnisses von Gläubigen zu Priestern noch immer einen Spitzenplatz ein. Die Bistumsleitung will deswegen nicht tatenlos bleiben. In einem Pastoralplan ist von «Seelsorgeräumen» die Rede. Mit diesem Modell soll trotz dem sich verschärfenden Priestermangel eine ordentliche Seelsorge garantiert werden.

Im Zentrum stehen die beiden Fragen: Wie entlastet man die Priester, und wie organisiert man die Pfarreien besser? Zunächst muss die Kooperation zwischen den Pfarreien intensiviert werden; laut Henrici sollen jedoch keine Verbünde von Pfarreien entstehen wie beispielsweise in Baden. Um den Priester, der für mehrere Pfarreien sakramental zuständig und unterschriftsberechtigt ist, bildet sich ein Team, das administrative und organisatorische Aufgaben und Ämter übernimmt. Laientheologen leiten die einzelnen Kirchgemeinden, wodurch es in Pfarreien ohne Priester keinen Administrator mehr braucht, und sind für die Gläubigen die Bezugspersonen.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 25.06.1999

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