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Nochmals: Wer tötete Jesus?

Eine Studie von John Dominic Crossan

«Dies Buch handelt vom Antisemitismus, allerdings nicht von seiner spätesten europäischen Obszönität, sondern von seiner frühesten christlichen Latenz. Denn ohne den christlichen Antijudaismus wäre der tödliche und völkermörderische rassistische Antisemitismus entweder unmöglich oder doch wenigstens nicht so erfolgreich gewesen.» Mit dieser vehementen These beginnt der auch in Europa durch eine Jesus-Trilogie bereits bekannte amerikanische Theologe John Dominic Crossan seine neue Studie. Gegenstand sind die Passionsberichte. Jesus steht vor einem römischen Statthalter, der ihn für unschuldig befindet, während die jüdische Menge und die jüdische Obrigkeit ihn schuldig spricht und hingerichtet sehen will. Die Menge bekommt ihren Willen. «Ist diese Darstellung christliche Propaganda oder historischer Bericht?» lautet die leitende Frage des Religionshistorikers. Gerade weil die Passionsberichte auch heute noch von konservativen Christen als «wahre» oder gar «göttlich inspirierte» Geschichten verstanden werden und ihnen eine grosse Rolle im Rahmen christlicher Judenverfolgung zukam, hat der Autor versucht, für ein «breites Publikum» zu schreiben.

Bereits bei Paulus in seinem ersten Brief an die Thessalonicher wird die Anklage des «Gottesmordes» mit dem neuen Feindbild verknüpft. Dort heisst es: «Die Juden haben den Herrn Jesus getötet und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind.» Es war jedoch Matthäus, der die folgenschweren Sätze einer Selbstverfluchung der Juden prägte. In seinem Passionsbericht ruft das ganze jüdische Volk zu Füssen des Gekreuzigten: «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.» Crossan versucht die Aussage der Evangelien zu «relativieren» und sie in ihrem Kontext zu verstehen. Damit setzt er in «popularisierender» Absicht seine umfangreiche Forschung zum «historischen Jesus» fort. In den USA avancierten die Arbeiten des Vorsitzenden der «Historical Jesus Section» der «Society of Biblical Literature» zu theologischen Sachbuchbestsellern.

Crossan ist Exponent einer ebenso pionierhaften wie (noch) umstrittenen englischsprachigen Forschungstradition, die mehr und mehr auf bisher wenig anerkannte, nicht kanonisierte Quellen wie etwa das 1896 in Ägypten gefundene Petrusevangelium zurückgreift. Am Beginn seines neuen Buches erläutert der Autor kurz und prägnant die historischen Quellen, auf die er sich beziehen wird, und skizziert seine zentralen Fragen und Probleme. Dann formuliert er seine Kernthese: die Passionserzählungen berichten keine historischen Tatsachen, sind keine «erinnerte Geschichte», sondern vielmehr «historisierte Prophetie». Es sei erwiesen, dass keiner der Jünger und Autoren der Evangelien das schreckliche Sterben Jesu wirklich erlebt habe. Andererseits habe die relativ machtlose Gruppe der frühen Christen ein starkes Interesse daran haben müssen, diese traumatischen Ereignisse so zu deuten, dass sie zur Grundlage ihres Glaubens werden konnten. Man habe also nach Schriftstellern gesucht, die den Tod Jesu nicht als Ende, sondern als Anfang erscheinen lassen. Dazu griff man auf Texte aus der hebräischen Bibel zurück, in erster Linie auf prophetische, aber auch auf einige Psalmen und die Figur des «Sündenbocks» im Buch Levitikus. Es sei um nichts Geringeres als den Nachweis gegangen, dass sich Jesus gerade in der Art, wie er zu Tode kam, als Gottessohn und «König der Juden» offenbart habe.

In detaillierter Rekonstruktion legt Crossan diese Strategie der Traumaverarbeitung als Motor einer typologischen Erfüllungsprophetie in den Evangelien offen. Dabei gerät die Figur Jesu unter seiner Feder ein wenig in die Nähe eines sozialrevolutionären Bauernfreundes, der mit seiner Utopie einer «radikal egalitären Gesellschaft» sich die römische Besatzungsmacht und die jüdische Obrigkeit zu Feinden machte. Jenseits aller Sozialromantik ist allerdings zutreffend, dass die Verhaftung und Tötung Jesu die Folge von komplexen sozialen und politischen Spannungen war: zwischen jüdischer Erneuerungsbewegung und römischer Fremdherrschaft ebenso wie zwischen den am Passahfest in die Stadt strömenden Bauern und einer städtischen Elite. Historisch ist unbestritten, dass die hoheitsrechtliche Verantwortung für die Verurteilung und Hinrichtung Jesu bei den Römern lag. Die jüdische Obrigkeit hatte zur Zeit Jesu keine Kapitalgerichtsbarkeit, d. h., sie konnte allenfalls ein Verhör, keinesfalls eine Gerichtsverhandlung durchführen oder gar ein Todesurteil vollstrecken. Die anderslautende Darstellung der Evangelien kann also nur, so Crossan, «christliche Propaganda» sein. Das ist zwar als These nicht ganz neu. Crossan geht es jedoch, wie gesagt, um die «christliche Aufklärungspflicht» gegenüber einer Öffentlichkeit gläubiger Christen, die speziell in den USA ein wortwörtliches Verständnis der Bibel haben. Dennoch verstrickt sich das in weiten Teilen gut lesbare Buch manchmal in innertheologische Debatten; das erschwert bisweilen die Lektüre für ein interessiertes Laienpublikum. Seiner These freilich, dass die Evangelien nicht als «erinnerte Geschichte» gelesen werden sollten, wird man gleichwohl zustimmen müssen. Hier zeigt sich die Bedeutung historischer Kritik. Es geht um nichts Geringeres als um den Versuch, eine christliche Tradition zu rekonstruieren, die endlich frei wäre von antijudaistischen Fallstricken.

Ulrike Brunotte

John Dominic Crossan: Wer tötete Jesus? Die Ursprünge des christlichen Antisemitismus in den Evangelien. Verlag C. H. Beck, München 1999. 281 S., Fr. 44.50.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 30.06.1999

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