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Die Kirche darf nicht schuld sein

Zum Konflikt um die Schwangerschaftsberatung

In der Bundesrepublik Deutschland ist vor vier Jahren dem Bedürfnis, einer verbreiteten illegalen Praxis des Schwangerschaftsabbruchs entgegenzuwirken, unter anderem durch die Einführung von Beratungsstellen entsprochen worden. Eine Frau, die nachweisen kann, dass sie eine solche Stelle aufgesucht hat, kann den Schwangerschaftsabbruch straffrei durchführen lassen, ohne dass dadurch die Gesetzwidrigkeit der Handlung in Frage gestellt wird. Auch kirchliche, auch katholische Beratungsstellen sind an dieser Hilfeleistung beteiligt, die übrigens materielle Formen einschliessen kann – natürlich vorausgesetzt, dass die Frau auf den Schwangerschaftsabbruch verzichtet.

Diese Beteiligung der Kirche an einem von Staats wegen angeordneten Vorgehen ist nicht zwingend. Es ist zunächst nicht ihre Aufgabe, einen Ausgleich zwischen Legalität und Realität suchen zu helfen, den ein schwer durchzusetzender Paragraph notwendig macht. Auch könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass eine Frau, die sich im Hinblick auf eine existentielle Entscheidung mit christlichen Moralbegriffen auseinandersetzen muss, doch immer schon auf die Seelsorge rechnen kann – auf den Pfarrer, der einerseits ihre Situation kennt und andererseits für die Prinzipien einsteht, die seine Lehre für ihr Problem bereithält. Die Seelsorge braucht nicht die Gestalt einer staatlich vorgeformten Beratung anzunehmen.

Diese Beratung hat jedenfalls amtlichen und – soweit «die Kirche» an ihr mitwirkt – kirchenamtlichen Charakter. Das ist zu beachten; denn die Frau, die eine Beratungsstelle aufsucht, ist nicht weniger Kirche als die Person, die ihr dort gegenübersitzt. Sie hat es aber mit einer Institution zu tun, die – ob das nun für das Selbstverständnis ihrer Beraterin gilt oder nicht – der Welt gegenübertritt, statt von der Tatsache auszugehen, dass sie in die Welt hineingebaut ist und ohne die Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen möchten, so wenig bestehen kann wie ohne die Bischöfe und den Papst.

Die Amtskirche, die sich an einer staatlichen Regelung beteiligt oder beteiligen lässt, muss sich an die Regel dieser Regelung halten. Aber gegen die Regel – Straffreiheit für den Eingriff nach Ausstellung eines Beratungsscheins – hat der Papst nachträglich protestiert. Die deutschen Bischöfe übernahmen seine Kritik in einer Form, die es der katholischen Kirche in Deutschland erlauben sollte, an der Beratung weiterhin teilzunehmen. Indem sie vorschlugen, auf dem Beratungsschein festzuhalten: «Die Ausstellung dieses Beratungs- und Hilfeplans bedeutet keinerlei Akzeptanz eines Schwangerschaftsabbruchs», wichen sie von dem staatlichen Konzept nicht ab, das seinerseits an der Gesetzwidrigkeit des Akts festhält. Nachdem sie nun aber die schärfere Formulierung des Papsts übernommen haben: «Diese Bescheinigung kann nicht zur Durchführung straffreier Abtreibungen verwendet werden», lässt sich die kirchliche Zielsetzung mit der staatlichen nicht mehr vereinbaren. Und unverantwortlich ist es, den Unterschied zwischen den beiden Sätzen zu bagatellisieren.

Aber unsachgemäss ist es auch, die so entstandene Krise auf innerkirchliche – genauer: inneramtskirchliche – Gegensätze zurückzuführen. «Tauben» und «Falken» gibt es immer, und es gibt sie nicht nur in der deutschen Bischofskonferenz, sondern auch in der Kurie. Und die Behauptung, man habe nicht miteinander gesprochen, gehört gleichfalls zum Repertoire; wobei sie in diesem Fall nur auf «Versäumnisse» im zweithöchsten Rang zutrifft; mit dem Papst konnte man reden (nur half es nichts). Der wahre Grund der Krise ist vielmehr, dass sich alle Beteiligten einig, zu einig waren, nämlich darüber, dass «die Kirche» (lies nochmals: die Amtskirche) nicht schuld sein darf. Die «Falken» wollen daran nicht schuld sein, dass eine Frau einen Schwangerschaftsabbruch durchführen kann. Die «Tauben» wären lieber daran nicht schuld gewesen, dass sich weniger Frauen kirchlich beraten lassen, weil sie mit einem «entwerteten» Schein nichts anfangen können; es sei denn, der Verzicht auf den Abbruch ihrer Schwangerschaft brächte ihnen einen materiellen Vorteil; aber die Sozialhilfe funktioniert auch dank anderen kirchlichen Institutionen.

Die römisch-katholische Kirche hat es sich zur Aufgabe gemacht, das persönliche Leben der Gläubigen in Anwendung moralischer Prinzipien gesetzlich zu regeln. Ihr Vertrauen – das Vertrauen höherer Amtsträger – in die Eigenverantwortlichkeit der Laien ist gering; und das Vertrauen der höheren in die weniger hohen Amtsträger ist auch gering, sonst würde einer verantwortlich erwägenden Seelsorge grössere Bedeutung zuerkannt. So übernimmt das Lehramt schliesslich selbst die Verantwortung für alles und jedes. Da ihm aber die Welt, in die und zu der auch die Kirche gehört, gleichzeitig abhanden kommt, bleibt ihm allein noch die Rolle dessen, der mit Matthias Claudius sagen möchte: «. . . und ich begehre / nicht schuld daran zu sein.» Und in dieser Verfassung will es den Weg in ein neues Jahrhundert antreten.

Hanno Helbling

 

© Neue Zürcher Zeitung - 30.06.1999

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