Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Seligsprechung von zwei portugiesischen Kindern

Hoffnungen auf einen Papstbesuch im Wallfahrtsort Fatima

ter. Lissabon, 29. Juni

Im portugiesischen Marienwallfahrtsort Fatima werden bald die zwei jüngsten Seligen der katholischen Kirche verehrt werden können. In Rom unterzeichnete Papst Johannes Paul II. am Montag das Dekret zur Seligsprechung der im Alter von zehn beziehungsweise neun Jahren gestorbenen Geschwister und Seher-Kinder Francisco und Jacinta Marto. Ihnen und ihrer heute 92jährigen Cousine Lucia, die zurückgezogen in einem Karmeliterkonvent lebt, soll 1917 sechsmal die Jungfrau Maria erschienen sein. Unklar ist derweil noch, wann und wo die Seligsprechung formell vollzogen wird. In Portugal hofft man, dass sich der Papst hierfür nach Fatima begeben wird.

In kirchenrechtlicher Hinsicht war diese Seligsprechung anfangs problematisch erschienen. Als die entsprechenden Unterlagen 1979 erstmals beim Vatikan eingingen, war die Seligsprechung von Kindern unter 17, die nicht den Märtyrertod erlitten hatten, untersagt. Francisco und Jacinta waren am Tage der ersten Erscheinung, am 13. Mai 1917, allerdings nur acht und sieben Jahre alt, und beide starben an Lungenentzündung. 1981 wurde dieses Hindernis jedoch beseitigt, und schon 1989 bescheinigte man den zwei Kindern offiziell das «heroische Tugendleben».

Zur Seligsprechung bedurfte es aber noch eines Wunders. Lange suchte der aus Ungarn stammende Pfarrer Luis Kondor, heute 71 Jahre alt, der seit 1961 in Fatima das Verfahren leitete. Fündig wurde er bei der 69jährigen Maria Emília Santos aus der Stadt Leiria. Sie war 22 Jahre lang gelähmt und bettlägerig gewesen. 17 Jahre lang habe sie zu den Kindern gebetet, erzählt Kondor in einem Telefongespräch. Während einer Neun- Tages-Andacht habe sie 1987 plötzlich wieder sitzen und zwei Jahre später sogar gehen können. Sie habe sich zu eingehenden ärztlichen Untersuchungen nach Rom fliegen lassen. Kondor zitiert sie mit den Worten: «Hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich das nicht gemacht.» Für ihre Heilung fanden die Mediziner keine Erklärung. Also wurde ein Wunder verkündet.

Skeptiker fragen indes, wieviel die drei Kinder in ihrem Alter von den Botschaften der Jungfrau Maria verstanden haben können. Sie offenbarte ihnen, wie es heisst, ein dreiteiliges Geheimnis. Der erster Teil war eine Vision der Hölle. Im zweiten Teil prophezeite sie die Bekehrung Russlands, das der Papst allerdings erst ihrem Herzen weihen müsse – was unter Johannes Paul II. geschah. Der Umschlag mit dem dritten Teil der Prophezeiung hätte 1960 vom Papst geöffnet und veröffentlicht werden sollen, doch Johannes XXIII. zog es vor, das Papier unter Verschluss zu halten, was bis heute zu vielen Spekulationen geführt hat. Ob auch ein anderer Papst als der jetzige die Kinder seliggesprochen hätte, wird von Kritikern bezweifelt.

Aus zwei Gründen wird gerade Johannes Paul II. ein ganz spezielles Interesse an Fatima nachgesagt: Einen Papst aus Polen, das zur Zeit seiner Wahl noch zum Sowjetblock gehört hatte, musste die Perspektive einer Bekehrung von Russland begeistern. Nicht zufällig erlebte der Wallfahrtsort nach dem Fall der Berliner Mauer, von der ein Stück in Fatima zur Schau gestellt ist, einen Zustrom von Pilgern aus Osteuropa. Ausserdem überlebte der Papst ausgerechnet am 13. Mai 1981, dem Jahrestag der ersten Erscheinung, das Attentat in Rom, ein Umstand, den er prompt der Lieben Frau von Fatima zuschrieb.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 30.06.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben