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Im Land katholischer Legenden und Kapellen

Auf dem Jakobsweg zwischen Stans und dem Ranft

Manchmal ist der Rückweg wichtiger als das Ziel. Ein krummbeiniger Däne, so jedenfalls erzählt es das Kirchenbuch von Sachseln, hat sich auf den beschwerlichen Weg nach Santiago de Compostela aufgemacht, um dort seine Beine ins Lot zu bringen. Nur: Das erhoffte Mirakel blieb aus. Aber in einem Traum wurde ihm die Lösung für seine Leiden gewiesen. Beim Rückweg solle er am Grab von Bruder Klaus in Sachseln vorbeiwallfahren. Und siehe da: Nachdem er dem Schweizer Nationalheiligen seine Reverenz erwiesen hatte, kehrte der Fischer mit aufrechtem Gang in seine nordische Heimat zurück.

Bruder Klaus war schon kurz nach seinem Ableben unter den Gebrechlichen bekannt, bei Gebresten an Füssen und Beinen wundersam zu wirken. Auch der von heftigen Beinschmerzen heimgesuchte Ammann Brändli aus Unterseen machte sich auf und versprach den klerikalen Nachlasswaltern von Bruder Klaus einen dicken Beinabguss ganz aus Wachs. Die Heilung liess nicht lange auf sich warten. Nur: Der Pilger wollte sich an sein Versprechen nicht mehr erinnern. Mit einem «Strafwunder» wurde dem Wortbrüchigen heimgezahlt. Lahmend und auf Krücken kriechend, kommt er noch einmal in den Ranft. Dieses Mal hat er die Votivgabe nicht vergessen. Gnädig gestimmt erwirkt Bruder Klaus nochmals Gnade und Heilung für den Sünder.

Schon zu Lebzeiten von Bruder Klaus war bei Jakobspilgern, die sich auf dem «Oberen Weg» nach San Compostela von Konstanz über Einsiedeln nach Freiburg Richtung Spanien begaben, der Halt bei der kleinen Eremiten-Behausung fest eingeplant. Die historische Tradition wollen sich die Obwaldner Touristiker 500 Jahre später zunutze machen. Zusammen mit den Fremdenverkehrs-Promotoren des Berner Oberlands rühren sie die Werbetrommel, um auf den Jakobsweg zu locken. Kantonsarchivar Daniel Schneller hat sich deshalb hingesetzt, um die Pilger und Wanderer mit einem Pilgerführer kulturhistorisch ins Bild zu setzen. Natürlich: Der kantonal bestallte Academicus legt den Anfang für die Wallfahrt anno 1999 exakt an die Kantonsgrenze. Indes spricht einiges dafür, in Stans zu starten. Die romanische Stanser Pfarrkirche Peter und Paul hält eine schöne Bruder-Klaus-Statue bereit. Und um sich geistig auf den Weg vorzubereiten, bietet sich ein dramatischer Anfang an – das Memento mori im unteren Beinhaus neben der Kirche.

Hinein in die katholische Innerschweiz

Nur einige Steinwürfe vom Beinhaus entfernt liegt das Winkelried-Denkmal. Von hier geht es die Kniri-Gasse hinauf und hinein in die katholische Innerschweiz mit ihrem Reichtum frommer Legenden. Die Kniri-Kapelle am Ende des Dorfs erzählt davon. Nach einem harten Lawinenwinter – wochenlang erflehte man Verschonung vor der weissen Gefahr – wurde das kleine Heiligtum errichtet. Erbaut worden ist die Kapelle dort, wo eine Laui einen riesenhaften Felsbrocken ablagerte, und geweiht ist sie der «Maria im Schnee». Weiter geht es über die Geleise der Stanserhornbahn in die saftigen Matten hinein. Hier ist auch die «Geisse-Heimet» der Familie Odermatt. Erst vor wenigen Jahren haben die Bauersleute ihren Hof umgestellt und sind heute froh, dass Geiss- statt Kuhmilch in ihre Kannen fliesst. Es lohnt sich, ein wenig Platz im Rucksack zu lassen, um sich hier mit dem köstlichen Ziegenkäse zu versorgen. Nach einer Biegung am Fusse des Stanserhorns öffnet sich der Blick auf die steinerne Flanke der Nidwaldner und Urner Gipfel zum Vierwaldstättersee, und der Bürgenstock zeigt von der Vorderseite seinen in zwei Teile gespaltenen Aufbau. Vor den Augen schwingt sich elegant die langgezogene Endmoräne des Mueterschwanderbergs. Hier sind vor mehr als 200 Jahren die Nidwaldner Männer, aber auch Frauen gestanden, um sich widerborstig der französischen Armee entgegenzustellen.

Die Abzweigung zum Allweg führt zur Gedenkstätte, an der erst vergangenes Jahr die Nidwaldner der 200. Wiederkehr des «Tags des Jammers», des Franzosenüberfalls am 17. September 1798, gedacht haben. Es war weniger die Schlacht, sondern die völlig entfesselte französische Soldateska, die anschliessend mordend, plündernd und Dutzende von Frauen schändend durch das kleine Nidwaldner Ländchen streifte. Erst der Rachefeldzug fügte den 120 gefallenen Soldaten noch weitere 360 Ermordete, darunter 119 Frauen und 26 Kinder, hinzu.

Eine Sammlung von Votivtafeln

Die Erinnerung an die fromme Furchtlosigkeit der Nidwaldner fügt sich gut in den Bruder-Klausen-Weg ein. Schon 1981 – zum 500-Jahr-Jubiläum des Stanser Verkommnisses – ist die kulturhistorische Promenade vorbei an vielen Kapellen und Bildstöcken von Stans nach Ranft (vier Stunden) eingerichtet worden. Trotzdem: Nachdem die Franzosen in barbarischer Pyromanie die Kirche St. Jakob bei Ennetmoos abgefackelt haben, gibt es für die Nachgeborenen kaum einen Grund, zu der etwas zu gross geratenen Kirche abzuzweigen – trotz dem Wegweiser mit der Aufschrift «Jakobspilgerweg». Schon bisher ist der Weg mit zuviel Asphalt gepflastert. Es bleibt selbst im Jakobsjahr dabei: Die Wanderroute in dieser fein gewellten Landschaft richtet sich nach Bruder Klaus aus. So geht es in einer landschaftlich reizvollen Passage durch Wald und Wiesen weiter Richtung Sand.

Wie der Bergbauern-Alltag und die Religiosität noch mindestens bis ins 19. Jahrhundert hinein eng verklammert waren, zeigt die Kapelle St. Katharina mit einer Sammlung von Votivtafeln. Naive Bilder erinnern daran, wie das Rindvieh durch Marias Fürbitte von schlimmer Krankheit geheilt wurde. Bizarr ist der kontrastreiche Zusammenstoss animalischer Votiv-Malereien mit der barocken Pracht niedlicher Putten. Der Weg zieht sich weiter nach oben zur St. Antoni- Kapelle. Lustvoll können die Augen in die liebliche Auen- und Seenlandschaft des Sarner-Aa- Tales eintauchen, bis der Wanderer wieder dem Tod in die Augen blickt. Auf einem Wandgemälde der Kapelle wird die ewige Vergänglichkeit drastisch beschworen. Nun steht St. Niklausen als nächstes Ziel auf dem Wegweiser. Der Name des Nationalheiligen elektrisiert. Das war schon um 1600 so, als erstmals die pädagogisch-pastorale Parabel vom blühenden Baum in Umlauf kam. In grossen Lettern prangt sie überm Chor und erzählt von der Vision Peter von Flües, des Bruders des Eremiten. Danach haben sich die Blütenblätter von einem schnell hochgewachsenen Baum über die Häupter der Gemeinde verstreut. Auf manchem Kopf hielt sich der Floraschmuck frisch. Der Weise aus dem Ranft legte nach der Legende die Begebenheit so aus, dass Gott damit die andächtigen Gläubigen auszeichnete. Dort aber, wo die Blütenblätter schnell verdorrten, machte Bruder Klaus die gedankenlosen Kirchgänger aus, die «ohne Reu und Leid der Gnade Gottes unwürdig» seien.

Ins enge Tobel der Melchtal-Aa

In St. Niklausen schwebt ein barocker Bilderhimmel mit Heiligen über den Betrachtern. Die naiv-anrührenden Porträts, die in die Holzkassetten gemalt sind, werfen Fragen auf: Warum durfte sich Bruder Klaus nicht in die Schar der Heiligen mischen? Schon der Schweizer Nuntius klagte 1591 über das Unvermögen des Obwaldner Klerus, eine hieb- und stichfeste Begründung für den Prozess der Heiligsprechung in Rom abzuliefern: «Ich fürchte sehr, dass sie den Prozess nach Schweizer Art führen, ohne Ordnung und ohne Einhaltung der vorgeschriebenen rechtmässigen Formen.» Erst 1947 sollte die kanonische Bürokratie ein Nachsehen mit den Schweizern haben und Bruder Klaus in den Heiligenstand erheben.

Steil zieht es nun in das enge Tobel der Melchtal-Aa hinunter. Die Landschaft verwandelt sich zur Metapher. So wie das Meditationsrad von Bruder Klaus nach innen und nach aussen weist, so spannt sich die Landschaft zwischen den Polen der Weite und des Engen, des Tiefen und des Hohen auf. An der Kante zum Ranft-Schlund steht die Kapelle des Bruders Ulrich im Mösli. Didaktische Wandtafeln erzählen noch einmal die Vita, wie aus dem reichen bayrischen Viehhändler ein frommer Waldbruder und Wegbegleiter von Bruder Klaus wurde. Immer steiler stürzt der treppenartig angelegte Weg zur unteren Ranft- Kapelle hinunter – eine Wallfahrtskirche, die eigens für den Ansturm der Pilgerscharen nach dem Tod von Bruder Klaus errichtet wurde. Die bescheidene Eremitenklause weiter oben war schon zu Lebzeiten des Mystikers zu eng, um die Besucher aufzunehmen.

Oben, vor dem einst mondänen Jugendstil- Palast «Pax Montana», zeigen die vielen parkierten Autos mit deutschen Kennzeichen, dass der Schweizer Nationalheilige bei den Deutschen hoch im Kurs steht. Und so wie einige Menschen im Mai 1940 die schützende Hand des Heiligen am Himmelszelt gesehen haben, die Hitlers Armee von dem Überfall abhalten sollte, so haben die Deutschen ebenfalls ein politisches Mirakel mit Bruder Klaus verknüpft. Kanzler Konrad Adenauer, oft in den fünfziger Jahren zur Sommerfrische auf dem Bürgenstock, soll in der Ranft-Kapelle vor seiner Moskaureise 1955 für die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen gebetet haben.

Noch steht das Chlisterli auf dem Programm. Mehr als drei Stunden Marschzeit liegen vor einem. Nach einer Baustelle oberhalb von Flüeli biegt der Weg ab in den dichten Wald. Plötzlich, nach eineinhalb Kilometern öffnet sich das Tal. Die Wiesen stehen in üppiger Pracht. Am Melchtal vorbei hält man sich immer den Bach entlang, bis es dann jäh hoch geht zum Chlisterli. Eine anspruchsvolle Variante ist mit der weiss-roten Markierung als Bergweg ausgezeichnet. Chlisterli – hierhin ist Bruder Klaus vor der zudringlichen Pilgerschar entronnen; hier hat er sich in höchster Not, nach seiner schon in Liestal gescheiterten Wallfahrt 1467, versteckt. – Für viel Meditation bleibt indes nicht Zeit. In Stöckalp fährt der Bus bereits um 17. 20 Uhr ab. Leider ist der Rückweg oft wichtiger als das Ziel.

Delf Bucher

 

© Neue Zürcher Zeitung - 01.07.1999

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