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Doctor mysticus

Zur Emeritierung von Alois M. Haas

Am Ende eines Exkurses zur mittelalterlichen Apokalyptik, an eher unauffälliger Stelle, schreibt Alois Haas: «Man wird sich fragen müssen, ob der augustinische Geschichtspessimismus – unter gewandelten Vorzeichen – letztlich nicht eine bessere Chance der Geschichtsdeutung in christlichem Geiste darstellt.» – Kurz zuvor war von zwei gegenläufigen Erwartungen die Rede: schon im Mittelalter liegen sie miteinander im Streit. Hier ein «millennaristischer» Optimismus, der das Heil der Welt als das Zeitalter des Geistes bei sich weiss; dort die von Augustinus machtvoll geprägte Theologie der Skepsis, dass Erlösung jemals – und vor dem Ende aller Zeiten – zum Geschehen «in der Geschichte» werden könnte.

So scheint der Autor des Buches «Todesbilder im Mittelalter» Partei für den Pessimismus zu nehmen; für eine Weltdeutung, die bis auf unsere Tage dem «Fortschritt» der Schöpfung durchaus abwehrend begegnet. Ausdrücklich aber entspräche solcher Zweifel der Essenz des christlichen Glaubens: nichts geschieht hienieden, was rechtens die Hoffnung beflügelte, dass schon die Historie das grosse Jenseits einzuholen vermag.

Und doch. Wer Alois Haas – den toleranten Lehrer, den eminenten Forscher – auch nur ein wenig kennt, mag sich wundern. Ist er denn der Pessimist? Der finstere Apokalyptiker? Der Gelehrte, der bloss der Vergänglichkeit des Daseins nachsinnt? Der Germanist und Theologe, dem die Lebenswelt die Quelle von Unglück und Verfehlung ist? – Gewiss, er ist kein Geschichtsphilosoph. Im Gegenteil hält er – mit freundlicher Unbeirrbarkeit – an der christlichen Bestimmung des Seins fest: es gibt, mit Augustin, die civitas terrena und die civitas Dei. Doch hat die frohe Botschaft – unter anderem – zur Folge, dass sich die Menschen ihres Geistes und ihrer Sinne sollen erfreuen dürfen; wo immer dies angebracht ist.

Es geht stets auch um das Jetzt. Es geht um den Augenblick – der Betroffenheit, des Interesses, der Neugier. Zu allen Zeiten und gegen den Horizont weltlicher Endlichkeit hat das Leben solche Berührung gesucht und gefunden. Ohne dass er's umständlich expliziert hätte, wollte Alois Haas just dies vermitteln: entscheidend ist, dass uns – und sei es über viele Jahrhunderte hinweg – «etwas» erreicht. Ein Text beginnt zu sprechen, eine Theorie beginnt uns zu affizieren, der scheinbar tote Buchstabe erwacht. Dann, im Gespräch, verzweigen sich die Eindrücke, Vergangenes wird Gegenwart.

Von Haas' Wirken geht mithin etwas Experimentelles aus. Natürlich hatte der Seminarleiter höchst genaue Vorstellungen über mittelalterliche Literatur und Spiritualität, über barocke Dichtung und Philosophie. Auch changierte sein Wissen – darf man sagen: mit geheimer Wollust? – zwischen der Antike und den nouveautés der Postmoderne mit der grössten Souveränität. Aber er übte gegen sich selbst Disziplin, wenn er gegen sein Temperament manches verschwieg: zugunsten einer offenen, sehr liberalen Diskussion. Und erst in den Anmerkungen der Bücher war dann – manchem Kollegen einschüchternd – wieder alles präsent.

Zwei Lehrer prägten Alois Haas. Der eine, Max Wehrli, der Vorgänger auf dem Lehrstuhl für Altgermanistik an der hiesigen Universität, zeigte ihm das genaue Lesen; eine umsichtige Hermeneutik aus dem Geist der Autorschaft. Der andere, Hans Urs von Balthasar, der Theologe für alle Spuren Gottes in der Schöpfung, machte ihn selber zum Theologen. Daraus: das Gespür, die intellektuelle Beweglichkeit – der Blick auf das Kunstwerk, auf den metaphysischen Kern des ästhetischen Ausdrucks.

Wie rührt uns das an? Wo sind wir existentiell gefordert? Weshalb treibt es uns wieder und wieder um? Fragen, die niemals zur Ruhe kommen. Wie denn Alois Haas – hier ohne Wenn und Aber – davon überzeugt ist, dass sich die conditio humana nicht aus sich selbst versteht. Gestiftet von einem höheren Sein – von Gott –, drängt sie zur Erkundung ihres Ursprungs und mehr noch zu dessen Erfahrung.

Das Geheimnis heisst: Gottesbegegnung. Diese freilich ist – jenseits von Ritus und Kult, von Konvention und zeitgeisttypischer «Praxis» – die Sache der Mystik. Wieder: das Jetzt. Im mystischen momentum bricht die Nähe auf als Zusammenschluss. Unio mystica, bei Meister Eckhart, bei Tauler, bei Seuse, bei Hildegard von Bingen – während Jahrzehnten hat Alois Haas den Zeugnissen der Mystik, ihren Konstellationen und Wirkungen nachgeforscht. Die Forschung wurde zum Lebenswerk. – Doch der Schrift-Gelehrte weiss auch um die verborgene Pointe seiner Arbeit.

Nämlich, mag uns die Geschichte – «in christlichem Geiste» – den Pessimismus empfehlen, so hat das Leben gleichwohl und um so mehr seine Augenblicke: wo sich etwas ereignet. Mag dieses Leben in der Endlichkeit verschwinden, so soll es gerade deshalb gekostet sein. Sogar hat das profane am spirituellen Jetzt seinen Anteil, als Lebensfreude. Auch dazu wäre von dem Doctor mysticus zu lernen. – Heute hält Alois Haas seine letzte Vorlesung an der Universität Zürich. Respekt und viel Dank.

Martin Meyer

 

© Neue Zürcher Zeitung - 02.07.1999

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