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«I Bianchi» und andere Pilger

Gärungen im Jahr 1399

Der grosse Mediävist Franti_ek Graus stellte für die Zeit des Spätmittelalters fest, «dass kein Versuch gemacht wurde, ÐJahrhundertdatenð hervorzuheben: das Jahr 1400 erweckte keine besondere Aufmerksamkeit, das Jahr 1300 fand höchstens als erstes Jubeljahr der Kirche Beachtung, das eine Tradition begründete; als Wenden wurden diese Daten jedenfalls nicht empfunden». Wer also nach den spätmittelalterlichen «Jahrhundertwenden» sucht, der muss nicht nur genau hinsehen, er muss vor allem damit rechnen, nichts zu finden. Auch das ist freilich ein Ergebnis.

Eines ist rasch offensichtlich: Es gibt in jenen Jahren noch immer keinen allgemeingültigen Begriff des «Jahrhunderts», mit dem sich die Zeitgenossen in der Geschichte orientierten. Nur in einigen randständigen Bereichen der damaligen Gelehrsamkeit hantierte man hilfsweise mit der Kategorie einer hundertjährigen Zeit. Im allgemeinen war diese Idee jedoch noch fremd (vgl. NZZ vom 28. 12. 98). Was aber geht an einem Jahrhundertende zu Ende, was wendet sich an einer Jahrhundertwende, wenn nicht das Jahrhundert? Beeindruckte die «runde Zahl»? Auch hier stellt sich Ernüchterung ein: Zahlenmystik und Eschatologie bevorzugten in der Regel nicht die dezimalen Schwellen, sondern «Symbolzahlen» (E. R. Curtius) wie die 7 oder die 12.

UNRUHIGE ZEITEN

Die Ausnahmen finden sich vor allem südlich der Alpen, im italienischen Raum. Hier, so scheint es, gab es bereits früher als anderswo eine gewisse Vorstellung von dem «Jahrhundert» und seinem Wechsel. Die Jahre vor und um 1400 waren ohnehin eine aufregende Zeit. Seit 1378 gab es nicht mehr nur einen, sondern zwei Päpste, und die Christenheit hatte sich in die Anhängerschaften des avignonesischen und des römischen Papstes gespalten. Auch die Pariser Universität wurde mehr und mehr in diesen Streit hineingezogen, bis schliesslich einige ihrer hervorragendsten Lehrer gehen mussten. Wellen des Dissenses liefen über Europa und trugen die verschiedensten Ideen zur Reform der Kirche, des Klerus und auch des Reiches mit sich. Die deutschen Kurfürsten schickten sich an, König Wenzel durch den Pfalzgrafen Ruprecht zu ersetzen. Die Zeit der grossen Konzilien begann; Gedanken der Wahl und des Rechts liefen um.

In Italien trieb der Humanismus seine ersten Blüten, während Geisslerzüge durch das Land zogen und um Frieden flehten. Der grosse Humanist und Rechtsgelehrte Coluccio Salutati beobachtete 1399 das Treiben einer solchen religiösen Bewegung und notierte: «Mit dem Kreuz in der Hand, im Namen Jesu Christi (. . .) erbitten sie Frieden, beten sie für den Frieden und wie aus einem Mund rufen und antworten sie Frieden, sie schreien danach.» Salutati war Zeuge einer Bewegung, die man wegen ihrer weissen Kutten schlicht «I Bianchi» &endash; «die Weissen» &endash; nannte. Die Bianchi von 1399 hatten sich nicht mit Blick auf die nahe Jahrhundertwende gebildet; ihre Gründungslegende verweist auf gänzlich andere Traditionen, auf eine Marienerscheinung und einen messianischen Bauern. Aber immerhin: In einigen wenigen Liedern und Gedichten aus dieser Zeit und diesem Umkreis klingt das Jahr 1400 an. So sollte der lang ersehnte Frieden in diesem Jahr 1400 erreicht werden. Natürlich wurden auch andere Jahreszahlen genannt, und vielleicht erkennt man gerade an der Beliebigkeit, mit der die Zeitgenossen mal dieses und mal jenes Jahr nannten, die irritierende Bedeutungsarmut der Jahrhundertwende.

Die Bewegung der Bianchi schwoll zunächst weiter an. Wer mit ihnen ziehen wollte, hatte sich in weisses Leinen zu hüllen, wie die Flagellanten, und seinen Kopf zu bedecken. Die Frauen trugen ein rotes Kreuz auf den Kapuzen, die Männer auf den Schultern. Von weitem erkannte man die Züge der Bianchi an dem grossen Kreuz, das man vorantrug, und an den frommen Liedern, die unablässig gesungen wurden und bald die Gassen ober- und mittelitalienischer Städte erfüllten. Aus Tagebüchern und Briefen der Zeitgenossen wissen wir, dass man diesen Zügen religiöser Entflammung in der Regel nicht mit Befremden, sondern mit Bewunderung und Faszination entgegensah. Viele schlossen sich an, wenn sie auf die Bianchi trafen, oder bildeten eigene Züge, so dass die Bewegung rasch wuchs. Gemäss der legendenhaften Verheissung, die der Bewegung zugrunde lag, hatte man dem Zug neun Tage und Nächte lang zu folgen und währenddessen strenge Verhaltensregeln zu beachten.

ERNEUTES JUBELJAHR

Die Bianchi verschwanden beinahe ebenso rasch, wie sie entstanden waren. Zum einen stellten sich ihnen noch im Laufe des Jahres 1399 manche Landesherren und Städte entgegen, die in Zeiten der immer wieder ihr Haupt erhebenden Pest einiges Misstrauen gegenüber herumziehenden Fremden hegten. Zum anderen hatten solche Bewegungen ihre Saison, und die der Bianchi war nun vorüber. Das Abflauen der Bewegung überschnitt sich jedoch mit dem Aufkommen einer weiteren Pilgerbewegung. Abermals dürfte hier die nahe Jahrhundertwende eine zumindest katalysatorische Wirkung entfaltet haben, denn die Pilger beriefen sich auf Bonifaz VIII., der im Jahre 1300 versprochen hatte, man könne zu Rom in jedem «hundertsten Jahr» einen Generalablass der Sündenstrafen erlangen (siehe NZZ vom 13./ 14. 2. 99). Diese hundertjährige Frist hatten seine Nachfolger verkürzt, weshalb es auch in den Jahren 1350 und 1390 ein «Jubeljahr» gegeben hatte. Nun aber, zu Beginn des Jahres 1400, beriefen sich die Pilger erneut auf das anstehende «hundertste Jahr». Als tatsächlich eine immer grössere Zahl auch ausseritalienischer Pilger in Richtung Rom zog, sah sich Bonifaz IX. genötigt, für 1400 erneut ein Jubeljahr auszurufen. Eine entsprechende Bulle hat es nie gegeben, weshalb man über den offiziellen Teil dieses Heiligen Jahres wenig weiss und sogar an der Existenz dieses Jubeljahres gezweifelt hat. Die Pilgerflut hingegen und eine grosse Zahl von Einzelberichten sprechen vielstimmig vom Jubeljahr 1400 und den Reisen «nach Rom zum grossen Verzeihen».

Erstmals in der Geschichte der Jubeljahre wurde nun auch feierlich die «Heilige Pforte» geöffnet. Ein Ritual, das die Öffnung des apostolischen Gnadenschatzes symbolisiert und auch im kommenden Jahr 2000 wieder vollzogen werden wird, wenngleich man diesmal mehr als eine Pforte öffnen möchte. Im Jahr 1400 benützte man noch einen Eingang von S. Maria Maggiore, seit 1500 schliesslich eine Seitenpforte der Petersbasilika. Wer die Schwelle der geöffneten Pforte überschritt, so stellte dies ein Rombüchlein zum Jubeljahr von 1475 dar, ist ledig seiner Sünden wie ein frisch getaufter Mensch.

Der Papst ist denn auch der erste, der traditionellerweise diese Schwelle überschreitet, sobald die Pforte aufgebrochen ist. Im Jahr 1500 kam es anders. Der damalige Zeremonienmeister berichtete, einer der Handwerker, der die Mauerbrocken der aufgebrochenen Pforte wegräumen sollte, sei auf die andere Seite gegangen, um ein Stück Holz zu holen; man konnte ihn wenigstens am Rückweg hindern.

Arndt Brendecke

 

© Neue Zürcher Zeitung - 03.07.1999

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