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Konflikt oder Symbiose?

Der jüdische Diskurs von Kafka bis Celan

Es ist unschwer festzustellen, dass die deutsche literarische Moderne zu einem beträchtlichen Teil von jüdischen Autoren geschrieben wurde. Schon wenige Namen können dies veranschaulichen: Kafka, Kraus, Roth, Döblin, Lasker-Schüler, Zweig, Celan. Schwierig, beinahe unmöglich hingegen scheint eine angemessene wissenschaftliche Beschreibung dieser Literatur. Dieter Lamping, Literaturwissenschafter in Mainz, hat einen Versuch unternommen.

WUNSCHDENKEN?

Es spricht sehr für sein Buch, dass sich Lamping der methodischen &endash; und auch politischen &endash; Schwierigkeit in hohem Masse bewusst ist. Er führt die Problematik an der Unsicherheit vor Augen, ob man von «deutsch-jüdischer Literatur», von «deutscher Literatur jüdischer Autoren» oder von «jüdischer Literatur in deutscher Sprache» reden soll. Lamping schlägt folgende Interpretation dieser drei Begriffe vor: «Im ersten Fall erscheint die deutsch-jüdische Literatur als eine symbiotische Einheit, gleichermassen deutsch und jüdisch. Im zweiten Fall stellt sie sich als Teil der deutschen, im dritten als Teil der jüdischen dar &endash; mehr deutsch als jüdisch im einen, mehr jüdisch als deutsch im anderen Fall.»

Lamping entscheidet sich für den dritten, also den Begriff der «jüdischen Literatur in deutscher Sprache». Die wissenschaftliche Beschreibung dieser Literatur besteht darin, das erkenntlich zu machen, «was Ðjüdischð an ihr ist».

So einleuchtend Lampings Klassifikation auf den ersten Blick erscheinen mag, lassen sich doch bei genauerem Hinsehen grundsätzliche Schwierigkeiten erkennen. Sie beginnen damit, dass Lamping den Begriff der «deutsch-jüdischen Literatur» auf die «deutsch-jüdische Symbiose» reduziert. Die Hoffnung, oder wenn man will: die Ideologie dieser Symbiose besteht aber doch genau in dem, was Lamping als zweiten Fall annimmt, nämlich dem Wunsch, mit zur deutschen Literatur zu zählen. Das war die Hoffnung des Universalismus der Aufklärung, wie sie etwa der jüdische Goethe-Forscher Ludwig Geiger teilte, als er im Winter 1904/05 in Berlin eine Vorlesungsreihe mit dem Titel «Die Juden und die deutsche Literatur» hielt.

ZIONISTISCHES KONZEPT

Lamping grenzt explizit Geigers Position, implizit aber die gesamte Literatur, die unter dem Vorzeichen der Aufklärung und der Assimilation geschrieben wurde, aus und entscheidet sich für die «jüdische Literatur». Damit aber schliesst er sich, historisch gesehen, an den jüdisch-apologetischen Literaturbegriff des Zionismus an, wie ihn etwa Gustav Krojanker in seinem Band «Juden in der deutschen Literatur» (1922) formulierte. Krojanker nämlich versteht die «Juden innerhalb des deutschen Kulturkreises als eine Sondererscheinung».

Lamping ist gewiss nicht an zionistischer Apologie gelegen. Dennoch benutzt er ähnliche Argumente, wenn es ihm bei der Beschreibung der deutsch-jüdischen Literatur darum geht, hervorzuheben, «was Ðjüdischð an ihr ist». Er hat sich von dieser methodischen Entscheidung auch nicht abhalten lassen, als er feststellte, dass solche Kenntlichmachung «des Jüdischen» nicht nur der zionistischen Apologie, sondern &endash; tragische Ironie &endash; unter gegenteiligen Vorzeichen auch der völkischen Germanistik eines Adolf Bartels entspricht.

VERMEIDBARES PROBLEM

Lamping, der durch methodische Reflexion ideologische Fallen gerade vermeiden wollte, hätte diese Schwierigkeiten umgehen können, wenn er den Begriff der «deutsch-jüdischen Literatur» nicht mit «deutsch-jüdischer Symbiose» verwechselt hätte. Der Begriff der «deutsch-jüdischen Literatur» umfasst vielmehr das weite Feld einer vielgestaltigen, ebenso fruchtbaren wie konfliktreichen Interkulturalität. Die Offenheit des Begriffs der «deutsch-jüdischen Literatur» bedeutet auch, dass er mit einem Minimum an Ideologie auskommt. Die «deutsch-jüdische Symbiose» hingegen ist nur der optimistischste, aber der Enttäuschung und Verletzung am meisten ausgesetzte Fall dieser Interkulturalität.

Der Unterschied zwischen der «deutsch-jüdischen» und der «jüdischen Literatur in deutscher Sprache» wird an einem Beispiel deutlich: Nach Lamping müssen Kafkas «Tagebücher», Roths «Hiob», Celans «Todesfuge» usw. zur «jüdischen Literatur» gerechnet werden. Versteht man sie aber als «deutsch-jüdische Literatur», ermöglicht man es, ihren impliziten oder expliziten jüdischen Diskurs wahrzunehmen, ohne sie damit zu identifizieren oder darauf zu reduzieren. Unter der Kategorie der «jüdischen Literatur» werden jene Texte kulturell determiniert und gleichsam für eine «grosse Literatur» verbucht. Unter der Kategorie der «deutsch-jüdischen Literatur» hingegen bleiben sie im schwierigeren, aber zugleich offeneren Zwischenraum der deutsch-jüdischen Interkulturalität. Die «jüdische Literatur» folgt der Hoffnung einer Versöhnung oder Heimholung, die «deutsch-jüdische Literatur» aber muss sich den Konflikten einer schwierigen Beziehung stellen.

Andreas Kilcher

Dieter Lamping: Von Kafka bis Celan. Jüdischer Diskurs in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998. 206 S., Fr. 43.50.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 03.07.1999

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