Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Gesang vom Ghetto

Eine Theresienstadt-Ausstellung in Lyon

zit. Es ist eine klare, saubere Zeichnung. Auf einer Strasse gehen Männer, Frauen und Kinder, manche Hand in Hand, andere allein, auf das Tor eines grossen Hauses zu. Rechts ein Gebäude, das durch einen Sperrgürtel mit gelben Fähnlein abgeschirmt ist. Vorne ein Schild: «Achtung, Lebensgefahr». Darunter, in Grossbuchstaben: «GIFTGAS». Das Bild stammt von dem holländischen Zeichner Jo Spier und ist im tschechischen Ghetto Theresienstadt entstanden. Vordergründig zeigt es die Desinfektion eines Wohnhauses &endash; doch wusste ab August 1944 jeder im Lager um die Existenz von Gaskammern «im Osten». Auch in Auschwitz wurde Zyklon B verwendet. Die Zeichnung ist doppelbödig, wie so viele Werke aus Theresienstadt.

Unter den Lagern der Nationalsozialisten hatte dieses einen Sonderstatus. Einerseits wurden in dieser ehemaligen Festungsstadt ab Ende 1941 vorzugsweise alte und prominente Juden untergebracht. Andererseits sollte das «Ghetto- Modell» der ausländischen «Greuelpropaganda» über den Völkermord entgegenwirken. Zweimal empfing Theresienstadt, zum potemkinschen «jüdischen Siedlungsgebiet» zurechtgeschminkt, internationale Beobachter des Roten Kreuzes. Die Bewohner sangen, tanzten, malten, die Lagerkommandatur stellte Papier, Instrumente und Dekorationsmaterial zur Verfügung, die Täuschung gelang perfekt.

Eine Ausstellung des städtischen, 1992 eröffneten Centre d'Histoire de la Résistance et de la Déportation in Lyon zeigt, dass die Kunstschaffenden des Ghettos zwar häufig instrumentalisiert wurden, dank der weitgehenden Selbstverwaltung jedoch über einen schöpferischen Spielraum verfügten, der «draussen» kaum mehr gegeben war. Komponisten wie Gideon Klein, Pavel Haas, Hans Krása und Viktor Ullmann (deren Werk dank der Reihe «Entartete Musik» der Plattenfirma Decca allmählich erschlossen wird), Dirigenten wie Karel Ancerl und Rafael Schächter sowie Maler wie Karel Fleischmann, Bedrich Fritta, Arthur Goldschmidt und Leo Haas trugen zu einem «progressiven» künstlerischen Klima bei, das wie weisse Magie dem Grauen des Lageralltags und der ständigen Gefahr einer Deportation «nach Osten» entgegenwirkte. Dass fünf Sechstel der fast 140 000 zeitweiligen Einwohner des Lagers starben, tat dem Überlebenswillen der Übriggebliebenen keinen Abbruch. Kaum war &endash; makaber ist's zu sagen &endash; die eine Chorvereinigung in Viehwaggons verschwunden, machte sich schon die nächste ans Werk. Besonders gern wurde Verdis «Requiem» gesungen.

 

Bis zum 8. August. Katalog: Le Masque de la barbarie. Herausgegeben von Sabine Zeitoun und Dominique Foucher. Editions de la Ville de Lyon / Centre d'Histoire de la Résistance et de la Déportation, 1998. 256 S., fFr. 245.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 03.07.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben