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Der Weg der Mädchen

«Verlorenes Leben»: Ernesto Cardenal erinnert sich

Der 1925 in Granada (Nicaragua) geborene Dichter, Priester und Revolutionär Ernesto Cardenal gehört heute zu den bekanntesten Persönlichkeiten Lateinamerikas, zumal in Deutschland, wo ihm 1980 der Friedenspreis zuerkannt wurde. Eine deutsche Gesamtausgabe in neun Bänden (Wuppertal 1985&endash;1989) ist längst vergriffen. Sie war schon erschienen, als noch keine spanische Werkausgabe vorlag. Auch das vorliegende Erinnerungsbuch ist jetzt zuerst deutsch erschienen, das spanische Original steht noch aus. Deutschland ist offensichtlich ein Cardenal-Land. Zwar gibt es anspruchsvollere, raffiniertere Dichtung in Nicaragua, im übrigen Lateinamerika ohnehin, der bescheidene Cardenal betont es immer wieder selber. Doch die ungewöhnliche, in allen Teilen glaubhaft vorgelebte Verbindung einer dauerhaften religiösen Hingabe mit einem selbstlosen Einsatz für die Rechte der Indios und einem revolutionären Engagement gegen (Rechts-)Diktaturen und zudem mit einer sendungsbewussten, kommunikativen Poesie, sie hat in der westlichen Welt für eine unvergleichliche Wirkung gesorgt.

Cardenal, zumal als Mönch und Priester, hatte sie nie gesucht, trotz seiner Koketterie mit der Revolutionsfolklore: Wo immer der weisshaarige, bärtige Mann mit der Baskenmütze, dem weissen Hemd, in Jeans und Indio-Sandalen auftritt, schlägt ihm die Sympathie eines ebenso breiten wie heterogenen Publikums entgegen. Dass auch für ihn der Beifall nicht immer von der richtigen Seite kommt, nimmt Cardenal mit frommer Gelassenheit und gütigem Humor in Kauf. Sein Alterswerk allerdings lässt die Frage auftauchen, ob dieser Kritiker der materialistischen Zivilisation durch seinen Erfolg gegenüber sich selber nicht zu unkritisch geworden ist.

Nachdem schon manche Legende um Cardenals ungewöhnliches Leben umgelaufen ist, erfährt man nun von ihm selber, woran er sich als 72jähriger erinnern mag: «Verlorenes Leben» betitelt er seine Erinnerungen. Aus dem Spanischen wurde der dicke erste Band von Lutz Kilche flüssig übersetzt, für eine klerikale Stimmigkeit der Version hat der Benediktinerpater Novack gesorgt. Auch den Titel muss man fromm lesen, nicht etwa resignativ: «Denn wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erhalten» (Lukas 9, 24).

So stellt sich denn der Leser ein auf die Geschichte einer Entsagung. Sie beginnt in der Tat mit der «Hochzeitsreise» Cardenals, mit seinem Flug von Managua nach Kentucky ins Trappistenkloster von Gethsemani, wo der amerikanische Dichtermönch Thomas Merton (1915&endash;1968) sein Novizenmeister und Freund werden sollte. Zur Verblüffung des Lesers ist das nachfolgende Kapitel jedoch den «blühenden Mädchen» gewidmet, und gleich zu Beginn wird als Grund für Cardenals Weltentsagung die «Sache» erwähnt, «die am Mittag des 2. Juni 1956 geschah». Sie kommt auf Seite 77 zur Sprache, bis dahin ist die Rede von den Liebschaften des jungen Cardenal: von Sylvia zu Adelita, dann zu Claudia, die man aus Epigrammen des Dichters kennt, doch flugs weiter zur jungen Myriam, deren Schönheit sprachlos machte, dann zu Martha, der «Supermuse», danach zu Virginia, der treuesten. In Mexico, wo Cardenal 1942 bis 1946 zum Studium weilte &endash; der Weltkrieg tobte unbeachtet &endash;, war die Reihe an einer blonden Exilspanierin mit blauen Augen, Conchita Mantecón. Als diese einen anderen heiratete, folgte ihr die zärtliche Meche. In New York sodann, an der Columbia University (1947&endash;1949), geriet er &endash; nach einer scheu angedeuteten mystischen Krise &endash; an ein braunes nicaraguanisches Mädchen. Während seiner Europareise (1952/53) hat ihn das Ewig-Weibliche nicht mehr so sehr hinangezogen.

Nicht der Leser, Gott allein weiss, weshalb Cardenal diese Tändeleien aufzählt, scheint er dabei doch stets präsent gewesen zu sein: «Gott war hinter mir her, und ich war hinter den Mädchen her.» Wer ein weniger egozentrisches Gottesverständnis hat, wird über dieses Kapitel nicht hinauslesen mögen. Immerhin lässt das nächste, «Meine Stunde Null», erahnen, weshalb Cardenal den blühenden Mädchen zunächst so breiten Raum gewährt. Die letzte weltliche, schockartig verlorene Liebe zu Ileana gab den entscheidenden Anstoss zu seiner Hingabe an Gott.

Die Schilderung dieser Kehre bildet den Kern des Erinnerungsbuchs. Wer unter Mystik die Weltentsagung, die Verinnerlichung versteht, etwa im Gedenken an Theresa von Avila oder an Johannes vom Kreuz, den wird Cardenals Pokern mit Gott befremden. Luce López-Baralt in Puerto Rico, die Entdeckerin islamischer Wurzeln bei den spanischen Mystikern, zögert zwar nicht, in Cardenal den ersten Mystiker Lateinamerikas zu erkennen. Indes, es muss eine Mystik neuer Prägung sein, eine, die nicht nur die Einkehr und die «unio mystica» anstrebt, sondern das Handeln in der Welt mit einschliesst, bis hin zur Gründung einer Indio-Kommune, bis hin zur Revolution.

Bei solchem Anspruch darf der Tatbeweis einer Berufung nicht fehlen: Cardenal wählt den nebst Kartäusern strengsten Orden, die Trappisten mit ihrer harten Askese, der schweren Landarbeit und dem Schweigegebot. Der Aufbruch in dieses Jenseits, die Sichtung seines dichterischen «Nachlasses», der Abschied von den Seinen, die Reise, sodann das Noviziat &endash; sie werden in einem 100seitigen Kapitel eindrücklich auferzählt. «Bruder Lawrence» &endash; so sein Mönchsname &endash; schreibt rückblickend in lockeren Bruchstücken. An einer Stelle nur werden die Kontemplation und das Beten genauer beschrieben, ansonsten liest man einen anekdotenreichen Erlebnisbericht. «Tonnen von Belanglosigkeiten» notiert Cardenal einmal, und in der Tat ist man versucht, den Bericht auch so zu lesen. Trotz mancher Erleichterung machte der Körper des Novizen die strenge Askese nicht mit. Kurz vor der Ablegung des Gelübdes wurde ihm geraten, in ein weniger strenges Kloster überzutreten. Die Benediktinerabtei im mexikanischen Cuernavaca bot sich an. Das entsprechende Kapitel liest sich wie eine Hommage an den aufgeklärten Abt Dom Gregorio Lemercier. Vom Theologiestudium, von der Priesterweihe, von der 1966 gegründeten christlichen Kommune in Solentiname, von seiner Kubareise wie von seinen politischen Aktivitäten mit den Sandinisten wird Cardenal erst im zweiten Band dieser «confessions» erzählen. Leider fehlt ein Namenregister, was im nächsten Band nachgeholt werden könnte.

Unter den mit grossen Stilsprüngen notierten Erinnerungen findet sich auch manches, was den Literaturkenner interessiert. So mag etwa der Leser von Cardenals Lyrik aufhorchen bei dem Geständnis seiner vollkommenen Unmusikalität und Farbenblindheit. Man dispensierte ihn vom gregorianischen Gesang, und er ertappte sich dabei, dass er währenddessen seine eigenen Verse aus «Stunde Null» hersagte. Der Leser findet einen weiteren Zugang zu Cardenal dank der gleichzeitig erschienenen Gedichtauswahl «Mit Liebe füllen diesen blauen Planeten». An den Collage-Texten mit ihren kühnen Zeitsprüngen und Zitaten, mit ihrer Anklage und ihrer Botschaft haben sechs Übersetzer gearbeitet.

Gustav Siebenmann

Ernesto Cardenal: Verlorenes Leben. Erinnerungen, Band I. Peter-Hammer-Verlag, Wuppertal 1998. 413 S., Fr. 44.&endash;.

Ernesto Cardenal: Mit Liebe füllen diesen blauen Planeten. Gedichte. Hammer-Verlag, Wuppertal 1998. 165 S., Fr. 19.80.

 

 

© Neue Zürcher Zeitung - 08.07.1999

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