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Ein italienischer Reformator in Zürich

Tagung und Ausstellung zu Petrus Martyr Vermigli (1499&endash;1562)

Mit dem Italiener Petrus Martyr Vermigli, der 1556 den Lehrstuhl für Altes Testament an der Zürcher Hohen Schule übernahm, gewann Zürich einen der berühmtesten reformierten Theologen und Lehrer seiner Zeit. Ein Symposium und eine Ausstellung in der Zentralbibliothek erinnern aus Anlass von Vermiglis 500. Geburtstag an sein Leben und Werk.

tmn. Der Florentiner Petrus Martyr Vermigli (1499&endash;1562) wird 1514 Augustiner-Kanoniker und wird nach Studien in Padua 1525 zum Priester geweiht. Er verbindet humanistische Studien und Lehre mit kirchlichen Ämtern: als Abt ab 1533 in Spoleto, von 1537 bis 1540 in Neapel, dann als Prior in Lucca. Da seine Bibelexegese bereits zuvor Widerstände geweckt hat, flieht er 1542 vor der Inquisition über die Alpen nach Strassburg und 1547 auf Einladung von Erzbischof Thomas Cranmer nach Oxford. Die vorübergehende Rekatholisierung Englands unter Maria Tudor treibt ihn 1553 wieder zurück; nach einem zweiten, dreijährigen Aufenthalt in Strassburg kommt Vermigli 1556 als Hebräischlehrer an die Hohe Schule in Zürich. Bis zu seinem Tod profiliert er sich hier im Austausch mit Bullinger, Calvin, Beza und zahlreichen Briefpartnern als führender reformierter Theologe.

Aus Anlass von Vermiglis 500. Geburtstag ist nicht nur in Kappel eine dreitägige Konferenz veranstaltet, sondern auch in der Zentralbibliothek eine Ausstellung zu seiner Wirkstätte, der «Schola Tigurina», eingerichtet worden. Damit findet die Vermigli-Forschung zu dessen letztem Refugium zurück, nachdem der lange Zeit kaum beachtete Denker ab 1949 im anglo-amerikanischen Raum, aber lange nur dort, wiederentdeckt worden ist. Joseph McLelland, der 1977 an seiner Hochschule in Montreal die erste Vermigli-Tagung veranstaltet hatte, zeichnete am Symposium diese Entwicklung nach, die sich substantiell in einer englischen Übersetzung der Werke niederschlägt, von der inzwischen fünf Bände vorliegen.

Dass Zürich heute wieder eines seiner grossen Gelehrten gedenkt, liegt vor allem an dessen Landsmann Emidio Campi, der seit kurzem das hiesige Institut für Reformationsgeschichte leitet. Campi präsentierte Vermiglis Fortleben, das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Althusius, Grotius) seinen Höhe- und dann bald den Endpunkt erreicht. Weshalb sich Bullinger und der Zürcher Rat 1556 auch mit grossem finanziellem Aufwand um Vermiglis Berufung bemühen und den Italiener schon ein Jahr später entgegen den Zeitbräuchen einbürgern, fragte Michael Baumann (Zürich). Vermigli habe nicht nur die Seelsorge für die aus Locarno an die Limmat geflohenen Reformierten übernommen, sondern mit seinem republikanischen Gedankengut auch der Obrigkeit entsprochen. Wie die antike Staatstheorie, Florentiner Bürgerhumanismus, die juristische Sprache der Legisten und der reformierte Bundesgedanke in die alttestamentliche Exegese einfliessen, zeigte Orazio Bravi (Bergamo). &endash; Für Zürcher Kirche und Rat ist Vermigli wichtig als internationaler Repräsentant der oft bedrängten Konfession; so entsenden sie ihn 1561 an das französische Religionsgespräch in Poissy, wo er als Landsmann der Regentin Katharina von Medici den reformierten Glauben rechtfertigt (Andreas Mühling, Monreal). Greifbar wird Vermigli für viele erst dank den gedruckten Werken, die in seine Zürcher Phase fallen und oft postum von seinen dortigen Freunden herausgegeben werden (Kurt Rüetschi, Zürich). Das gilt auch für eine Ausgabe der aus den Bibelkommentaren herausdestillierten «Loci communes», Vermiglis wirkungsmächtigstes Buch. Christoph Strohm (Bochum) zeigte, wie der Calvinist Robert Le Maçon die «Loci» als klar systematisierte reformierte Dogmatik konzipiert, die im Unterschied zu Calvins «Institutio» grosses Gewicht auf die praktisch-politische Ethik legt, was auch die Kirchendisziplin einschliesst (Robert Kingdon, Madison).

Die Kappeler Tagung trug den Untertitel «Humanismus, Republikanismus, Reformation». Die Spannweite von Vermiglis Bildung und Bedeutung im späten 16. Jahrhundert wird aber erst deutlich, wenn man gleichsam die Gegenbegriffe in einer wechselhaften Biographie hinzudenkt: die ersten, formenden zwei Drittel, die er im Schoss der Papstkirche verbringt; sein Wirken unter dem englischen Monarchen im Dienste des hierarchischen Anglikanismus; die solide scholastische Ausbildung, die ihn die Argumentation der theologischen Gegner gleichwertig erwidern lässt.

 

In der Zentralbibliothek Zürich ist noch bis zum 10. Juli die Ausstellung «Schola Tigurina» über die Hohe Schule und ihre Gelehrten zur Zeit Vermiglis zu sehen. Katalog Fr. 10.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 09.07.1999

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