Pressespiegel

Kirche-Religion-Gesellschaft


Direkt zur Online-Ausgabe der NZZ

Aargauer Zeitung

Basler Zeitung

Berner Zeitung

Freiburger Nachrichten

Neue Luzerner Zeitung

Neue Zürcher Zeitung

St.Galler Tagblatt

Tages-Anzeiger

Sonntagszeitung

Weltwoche

Wochenzeitung

 

Nur ein heiterer Gott?

Die gestorbene und die wahre Kirche Gerhard Blochers

In einem umfangreichen Buch sagt Gerhard Blocher die heutige Kirche tot, um ihr die «wahre», von Gottes Heiterkeit zeugende Kirche gegenüberzustellen. Aus seiner scheinbar befreienden Theologie des dem Menschen unbedingt zugewandten Gottes zieht er Schlüsse, die für die Aufgabe der Kirche und für die Würde des Menschen durchaus problematisch sind.

Der Hallauer Gemeindepfarrer Gerhard Blocher schreibt auf der Schwelle zum Ruhestand ein Buch, «Gottes Lachen im Leichenzug der ÐKircheð». Für den inzwischen unversehens noch zum Gemeindepräsidenten des Klettgauer Dorfes Erkorenen ist es herausgewachsen aus dem jahrelangen Leiden an der Kirche, das ihn und manche Gesinnungsgenossen von Anfang an begleitet und in einem Arbeitskreis zu tieferem Nachdenken geführt habe. Roter Faden ist die Freude an der Entdeckung verschütteten biblischen Sprachsinns anhand der Auseinandersetzung mit den Ursprachen der beiden Testamente, verbunden mit einer unverkennbaren Freude an tiefern Wurzeln von Etymologien. Den Leserinnen und Lesern, die doch wohl vorab unter den interessierten Laien gesucht werden, wird die direkte Begegnung mit dem Hebräischen und dem Griechischen nicht erspart. Ausweis für die nicht erstorbene Ernsthaftigkeit der von Blocher als grundlegend angesehenen Auseinandersetzung mit den Wurzeln? Dass das Buch in Hinsicht auf seine sprachlichen und etymologischen Beobachtungen kritischer Überprüfung standhalten würde, ist allerdings zu bezweifeln. So wird man auch beim besten Willen &endash; um nur ein Beispiel zu nennen &endash; den sprachlichen Zusammenhang zwischen éngyos» (Bürgschaft leistend) und eng_s (nahe), trotz der unmittelbaren Nachbarschaft der beiden Wörter im einschlägigen Wörterbuch, nicht entdecken können. Damit dürfte auch die unsichere etymologische Deutung von engys mit «zuhanden gekommen» im Zusammenhang mit Jesu zentraler Botschaft von der Nähe des Gottesreiches belanglos sein. Damit wird aber Blochers Aufhebung der bleibenden Spannung in dieser Botschaft und die damit verbundene Aufhebung der prophetischen Spannung auch im Auftrag der Kirche grundlegend in Frage gestellt. Ob nicht hier &endash; und auch anderswo &endash; der Wunsch der Vater des Gedankens ist?

Wider den Machbarkeitswahn

Unsere Aufmerksamkeit wird sich deshalb mit Vorteil auf die grundlegenden Gedanken in Blochers Kirchen-, Gottes- und Menschenbild richten. Für Blocher ist die Kirche, ungeachtet ihres äussern Scheins, bereits gestorben. Merkmal dafür ist nicht zuletzt die Pietät, mit der sie noch begleitet wird. Es ist die Pietät, die dem Leichnam eines Verstorbenen zwischen Tod und Bestattung entgegengebracht wird. Für Blocher ist diese Feststellung verblüffenderweise nun nicht weiter schlimm. Bei der Kirche, die zu Grabe getragen wird, handelt es nicht um die wahre Kirche, die zum Aufbruch neuer Lebendigkeit bereit ist, sich vielleicht schon mit schelmischem Lächeln unter die Trauergäste gemischt hat. Welche Kirche hat Blocher in seinem deftigen Bild vor Augen? Ist es seine evangelisch-reformierte Kirche, in der er immerhin während Jahrzehnten als Pfarrer gewirkt hat? Ob nun gerade sie von seinem Vorwurf eines allzu gesetzlichen Bibelverständnisses, etwa in der wörtlichen Auffassung der Schöpfungserzählungen, besonders getroffen wird? Da möchte man doch eher an extrem christlich-fundamentalistische Strömungen, vor allem in den USA, denken und, wenn schon, seine Aufmerksamkeit eher der zunehmenden Ablösung von biblischer Sprachwelt im Bereich der «Kirche des Wortes» schenken. Oder vom Vorwurf der gesetzlichen Verkündigung, die das Gottesverhältnis von menschlicher Entscheidung in Bekehrung und Glauben abhängig mache, damit zum Ausdruck menschlichen Machbarkeitswahns werde? Ob man da nicht eher an die Welt evangelistischer Verkündigung im pietistisch-freikirchlichen Umfeld erinnert wird? Oder schlägt sein kritisches Herz doch vor allem dort, wo er die ökumenische Linie eines gemeinsamen Programms für Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung als eine weitere Facette menschlichen Machbarkeitswahns bezeichnet oder wo es die Kirche mit der evangelischen Forderung, sich auf die Seite der Schwachen zu stellen, der penetranten Selbstverwirklichung anhand der für schwach gehaltenen Opfer bezichtigt? Man möchte es meinen, nicht ohne Sorge um mögliche Konsequenzen im Feld gesellschaftlicher Wirklichkeit. Für Blocher geht es um die Befreiung von aller moralischen Intervention, von allem Drang zur Weltverbesserung, von aller prophetischen Anmassung einer in ihrer Urkraft frisch-fröhlich dahinlebenden Gesellschaft gegenüber. Nur keine Moral in der Geschichte. Der Auftrag der Kirche reduziert sich aus diesem bunten Sammelsurium in höchster Konzentration auf die Botschaft von Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfungswelt, die in keinem Moment durch menschliche Entscheidung oder menschliches Tun und Lassen in Frage zu stellen ist. Hier geht es um etwas, was dem Menschen «lautstark» zu sagen ist und von ihm nur, ohne Wenn und Aber, ohne Einbezug von Dialogischem, entgegengenommen werden kann.

Die Phantasie des Schöpfers

Dies lässt weiterfragen nach Blochers Gottesverständnis. Man möchte auf Grund der Lektüre Blochers Gott als eine Art von bekehrtem Demiurgen sehen. In merkwürdiger Deutung des Chaosbildes zu Beginn der biblischen Schöpfungsdarstellung als erste, missratene Schöpfungsstufe findet Blocher den Ausgangspunkt zur entscheidenden Wende in Gott selber, zu seiner Bekehrung zur «Heiterkeit.» Gott selber hat sich definitiv entschieden, in schöpferischer Phantasie, sich selber immer wieder &endash; in blocherscher Ausdrucksweise &endash; «ein Schnippchen zu schlagen», zu immer grösserer Heiterkeit zu finden. Ob solcher immer wiederkehrender sprachlicher Ausdruck dem Rätsel des Chaotischen gerecht zu werden vermag, mag der Leser etwa am Beispiel von Blochers Deutung der Sintflutgeschichte bedenken, wo vom Schnippchen schlagenden Gott bei der Errettung Noahs und der Seinen die Rede ist, ohne die Andeutung auch nur eines Gedankens an die abgründige Seite der namenlosen Opfer. Seiner unbedingten Wendung zur Heiterkeit in der Auseinandersetzung mit dem Chaotischen aus dem Beginn der Schöpfung auf der Spur zu bleiben, ist für Blocher Kernaufgabe der Theologie, es dem Menschen zu sagen, Kernaufgabe der Verkündigung. Der Mensch hat dazu nichts beizutragen, sondern es nur als befreiende Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Befreiend ist solcher Gottesglaube für Blocher darin, dass Gott sich in seiner Absicht durchsetzen wird und der Mensch sich um das, was nicht seine Sorge ist, nicht zu kümmern braucht.

Der Mensch &endash; wozu befreit?

Gerhard Blochers Menschenbild ist Sorglosigkeit eigen, weil dem Menschen die grosse Sorge definitiv abgenommen ist. So soll er sich in seiner ursprünglichen Lebendigkeit wahrnehmen. Wir gestatten uns an diesem Punkt die Frage, wo denn hier noch vom Spielraum zu Verantwortung die Rede sein könnte, Ausdruck der Würde der Entsprechung des Menschen im Gegenüber zu seinem Gott. Ob eine andere theologische Stimme hier nicht in die Überlegungen einbezogen werden müsste, die auf vergleichbarem theologischem Hintergrund erhellend weitergedacht hat? Eberhard Jüngel weiss sich mit Barths Gnadenlehre einig. Über das Heil des Menschen und seiner Welt ist in Gott voll und ganz entschieden. Dies darf der Mensch als befreiende Botschaft zur Kenntnis nehmen. Das Befreiende birgt aber für Jüngel in sich nicht nur das dankbare Annehmen solch unbedingter Zusage, sondern auch die Freisetzung zur Mitverantwortung für das Wohl des Menschen und seiner Welt. Den Menschen auch daran zu erinnern, möchte dann sehr wohl mit zur Aufgabe einer lebendigen Kirche gehören und nicht, wie für Gerhard Blocher, ihr Todesmal sein. Blochers Reduktion auf das «reine Evangelium», seine Idee einer Kirche, die vom Zwang, sich ihre Hände im weltlichen Tagesgeschäft zu beschmutzen, befreit ist, wirken verführerisch. Wir vermögen ihm im Gedanken an die Vorgabe der Frohen Botschaft zu folgen, nicht aber an deren Abschirmung irdischer, menschlich-allzumenschlicher Wirklichkeit gegenüber, die manchen Leuten nur allzu entgegenkommend sein dürfte. Mit der Aufhebung des prophetischen Auftrags der Kirche trifft Blocher unseres Erachtens auch den lebendigen Kern der Sache, der in sich weit ist.

Werner Gysel

Gerhard Blocher: Gottes Lachen im Leichenzug der «Kirche». Die Bekehrung Gottes und die heitere Wendung der Kirche. Meier-Verlag, Schaffhausen. 346 S., Fr. 44.&endash;.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 09.07.1999

Recherche
Links
Archiv
Suchen
Impressum

Nach oben