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Die Rede von Einheit und Verschiedenheit

Ein Nachtrag zur Rechtfertigungsdebatte

Nachdem sich das oberste Lehramt der römisch-katholischen Kirche und der Weltbund der lutherischen Kirchen nun doch – wie hier gemeldet und erörtert worden ist – über die Grundaussagen der christlichen Rechtfertigungslehre verständigt haben, bleibt eine Frage zu bedenken, die nicht nur ökumenische, sondern auch innerkirchliche Verhältnisse angeht. Es gibt, so ist festgestellt worden, Lehrunterschiede, die nicht oder nicht mehr als «kirchentrennend» gelten müssen. Lutherisches und katholisches Christentum sind in vielem ungleich, gedenken es auch zu bleiben, verfügen aber heute dank vertiefter Reflexion der je eigenen und je anderen Vorstellungen über einen geklärten Durchblick auf wesentliche Gemeinsamkeiten. So kommt eine Einheit des Glaubenslebens in Sicht, in der für Angehörige getrennter Konfessionen das Zusammenwirken zur Selbstverständlichkeit wird: ihre Institutionen verurteilen einander nicht mehr.

Einheit wäre demnach kompatibel mit Verschiedenheit – auch in ein und derselben Kirche? Solange man annimmt, Verschiedenheit lasse sich auf historisch-gesellschaftliche Erscheinungen eingrenzen, ist die Antwort ein unbedenkliches Ja. Nur, wie verläuft eine solche Grenze? Leben die Katholiken in Oberbayern und in Senegal zwar unter verschiedenen Bedingungen, können sich jedoch mühelos über ihr religiöses Bekenntnis verständigen? Man kann dieser Frage ausweichen, indem man sagt: Sie brauchen sich nicht einmal zu verständigen; der Katechismus der katholischen Kirche gilt da wie dort, er gilt überall, er sagt allen dasselbe. Aber kann dieses Selbe für alle das Gleiche sein? Führen die kulturellen Voraussetzungen nicht doch – auf den Wegen der mythologischen Bildersprache, der Frömmigkeitsformen, der Wahl zwischen Kultfiguren, des theologischen Verstehenkönnens – Katholiken und Katholizismen auch in ihren Glaubensinhalten auseinander? Trocken begrifflich gefragt: Gibt es eine Ekklesiologie, die sich von aller Phänomenologie freihalten kann?

Papst Johannes Paul II. hat die Institution der Bischofssynode dazu benützt, die Befindlichkeiten der Kirche in allen Kontinenten zu erkunden; und die Reisen, auf denen er alle Teile des Orbis Catholicus besucht, können oder könnten demselben Zweck dienen. Aber in keiner seiner vielen Enzykliken und Apostolischen Konstitutionen sind die Verschiedenheiten, die er hat wahrnehmen müssen, thematisiert worden. Den einzelnen Regionen sagt er Bescheid; zu disziplinären und moralischen Fragen erklärt er, man müsse sie überall gleich beantworten; und er lässt dafür sorgen, dass theologische Entwürfe nicht über den lehramtlich sanktionierten Glaubensbestand hinausgreifen. Er verteidigt die Einheit der Kirche gegen Verschiedenheiten, mit deren Grundlagen und inneren Zusammenhängen er sich nicht öffentlich auseinandersetzt.

Warum ist es dann aber möglich, gerade da von Einheit zu sprechen, wo die Verschiedenheiten der Glaubens- und Sittenüberlieferung mit Händen zu greifen sind? Warum soll es dennoch Lehrunterschiede geben, die man nicht als «kirchentrennend» betrachten muss? Eine mögliche Antwort ist die: Das geforderte Mass der Einheit schwankt; es bestimmt sich je nach der Möglichkeit, Einheit durchzusetzen. Das katholische Lehramt kann in der «eigenen» Kirche mit einer Strenge zum Rechten sehen, die ihm gegenüber anderen Kirchen nicht zusteht. Dort kann es eine theologische Richtung als «nicht mehr katholisch» verurteilen, während es hier eine unkatholische, reformatorische Theologie ausdrücklich nicht mehr verurteilt, sondern im Gegenteil für vereinbar mit kirchlicher Einheit erklärt. Demnach ist Einheit eine Sache der Macht.

Eine andere, aber nicht ganz andere Antwort ist die: Wer in innerkirchlichem Zusammenhang von Einheit spricht, meint nicht das gleiche, wie wenn er ökumenisch redet. Eine mit Lehrunterschieden vereinbare Einheit ist (noch?) uneinheitlich. Eine durch Lehrzwang (noch?) aufrechterhaltene Einheit versteht sich wörtlich als solche, während die kirchenübergreifende Einheit als eher bloss vorläufig-bildhaft begriffen wird. Es würde naheliegen, für diese ungleichen Einheiten zwei verschiedene Wörter zu verwenden; schon um den Eindruck zu vermeiden, dass es im ökumenischen Kontext nicht so genau darauf ankomme, welchen Begriff man wählt. Aber vielleicht hat auch die changierende Bedeutung des Worts seinen guten Sinn: allmählich wird sich herausstellen, ob die Entwicklung auf Einheitlichkeit aller christlichen Lehre tendiert oder ihre Uneinheitlichkeit in allen einzelnen Kirchen begünstigt.

Hanno Helbling

 

© Neue Zürcher Zeitung - 10.07.1999

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