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Die Nachrichten über die Hölle im Osten

Was wusste man bei der NZZ, und wie ging man damit um?

Von Ernst Bieri, Zürich*

«So wurden wir zu Komplizen des Nazi-Mordregimes», schreibt Alfred A. Häsler im «Kirchenboten für den Kanton Zürich» vom 14. Februar 1997. Er begründet das mit der «menschenfeindlichen Flüchtlingspolitik»; man habe vom November 1938 bis gegen Ende 1944 die jüdischen Flüchtlinge zurückgewiesen, «als man in Bern längst wusste, dass diese Praxis den Tod der Zurückgewiesenen bedeutete». – Eine neuere Lizentiatsarbeit wirft den damaligen Medien die Verbreitung eines geschönten Bildes der staatlichen Asylpolitik vor. – Was wusste man wirklich?

«Äusserst marginal»

Katharina Wehrli untersucht in einer Lizentiatsarbeit, wie drei Zeitungen – die NZZ, das «Volksrecht» und das «Israelitische Wochenblatt» («IW») – im Jahr 1942 über die Judenverfolgung berichteten. Sie findet (in ihrer Zusammenfassung im «Tages-Anzeiger» vom 26. 4. 99) die Berichterstattung über den Holocaust, mit Ausnahme des «IW», «äusserst marginal». Das sei nicht nur auf die Pressekontrolle zurückzuführen; «ob ihr Schweigen Ausdruck von Angst, Desinteresse oder Antisemitismus war, darüber lässt sich im nachhinein nur spekulieren». Die Täter seien nicht genannt, die Not der Verfolgten sei nicht beklagt worden. Die distanzierte Haltung habe den Eindruck geweckt: «Das geht uns alles nichts an. Damit haben wir nichts zu tun.» Zwar seien die Emotionen aufgeflackert, als der Bund im Sommer 1942 den jüdischen Flüchtlingen die Grenze gesperrt habe. Nach der Flüchtlingsdebatte im Nationalrat sei aber der Protest in der Presse verstummt, das «Volksrecht» habe mit der NZZ gleichgezogen und am «geschönten Bild der staatlichen Asylpolitik» mitgezeichnet.

Ausgeblendetes Umfeld

Es ist normal und gut, dass die heute aktive Generation – es ist schon diejenige der Enkel der Kriegsjahre – sich selbst ein Bild von der damaligen Zeit machen will und nicht einfach die manchmal penetrante Selbstzufriedenheit der Aktivdienstgeneration übernimmt, sondern die Sonde der Kritik ansetzt. Kommt hinzu, dass die Erinnerung, je weiter zurück eine Epoche liegt, ohne Vereinfachungen nicht auskommt, schon wegen der begrenzten Speicherfähigkeit des Langzeitgedächtnisses. Klischees und Kurzformeln sind unvermeidbar – nur sollten sie noch einen Zusammenhang mit der Realität haben. Das heisst: so einseitig es war, das Überleben der Nation nur der Armee zu danken (dieses nostalgische Selbstbild entstand übrigens erst nach 1945, als die Bedrohung weg war), so unbehelflich ist es, heute Sack und Asche zu verordnen für die Akteure in der immerhin schwierigsten Periode unseres Landes seit Menschengedenken.

Kurz, das Umfeld jenes Zeitabschnitts darf nicht ausgeblendet werden. Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen einer zur Vergangenheit geronnenen Gegenwart und der gelebten Gegenwart, die ins Ungewisse der Zukunft gestellt ist; die Fakten der hinter sich gebrachten Geschichte sind nur ein kleiner Ausschnitt aus den Möglichkeiten der nicht vorhersehbaren Zukunft. Gehandelt werden muss im flüssigen Aggregatzustand der Möglichkeiten, geurteilt wird später anhand der Fakten. So kann man im Rückblick gefahrlos behaupten, die deutsche Niederlage sei seit Stalingrad (Januar 1943) absehbar gewesen. Tatsächlich holten die Deutschen im Herbst 1944 zur Ardennen-Offensive aus, und nach dem Umsturz in Italien (Sommer 1943) wusste niemand, ob sie nicht im Blick auf die Alpenübergänge die Schweiz doch noch besetzen werden. Im Geschehen selbst weiss man nicht, welche Möglichkeiten zu Fakten werden. Während fünf Jahren lebte das Schweizervolk unter der Bedrohung einer deutschen Besetzung. Das war die zentrale Sorge und Angst. Die Bewegungsfreiheit war eingeschränkt – nicht aus Liebedienerei gegenüber dem Nazi-Regime, sondern um des Überlebens der Nation willen. Wer sich aus dem nachträglichen Wissen (die Alliierten haben gesiegt, die Schweiz wurde nicht besetzt) für die damalige Zeit eine stolzere, reinere Schweiz gewünscht hätte, sollte sich die Scham vorstellen, wenn wir durch unbedachtsames Handeln eine Besetzung provoziert hätten, z. B. durch Abbruch der diplomatischen Beziehungen wegen des Holocausts. Die 26 000 jüdischen Mitbewohner (18 000 Bürger und 8000 Emigranten) hätten dabei das bitterste Los gehabt. Die zeitgenössischen «Fundis» der Humanität können den «Realos» dankbar sein, dass sie der Verantwortungsethik verpflichtet waren.

Keine Leisetreterei

Die Nachrichten über die Hölle im Osten wurden weder totgeschwiegen noch unterdrückt noch klinisch steril verpackt. Aber sie kamen nicht nach den heutigen Methoden der Medien zustande. Kein CNN-Team hat sich kamerabewehrt zu den vier Einsatzkommandos der SS hinter der deutschen Front in Russland begeben oder eine Live- Reportage über die Tötungsfabriken in den Vernichtungslagern gesendet. Die Führung des Dritten Reiches wollte die «Endlösung» geheimhalten und verschleierte die Deportation als Verschickung zum Arbeitseinsatz. Dennoch gelangten jeweils wenige Wochen nach den Untaten Meldungen nach aussen: in Deutschland selbst durch Urlauber, die Zeugen gewesen waren, in die anderen Länder durch Geflohene oder Verbindungsleute aus der (polnischen) Untergrundbewegung. Die nächste Station waren Berichte in Zeitungen, in slowakischen und tschechischen Blättern, in der «Belgrader Zeitung».

In der Schweiz erschienen ab Sommer 1942 die ersten Hinweise auf Massentötungen. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel ist der Leitartikel von Albert Müller, Chef der Auslandredaktion, in der NZZ vom 21. Juni 1942, zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Er schrieb: «Unerwünschte Volksteile – Kommunisten und vor allem die Juden – wurden ohne Gnade ausgemerzt.» Der Krieg im Osten sei ein «Vernichtungskrieg». Am Jahrestag «haben sich die dunkelsten Ahnungen bestätigt», «neue Begriffe der Grauenhaftigkeit von Kriegführung und Zerstörung sind entstanden». Das betreffe die Menschheit als Ganzes, und vor dem «sinistren Aspekt des Krieges im Osten» verstumme jede militärische oder politische Wertung. Der Autor hatte offensichtlich Kenntnis von den Massenerschiessungen der Einsatzkommandos im Jahre 1941, denen über eine Million Menschen zum Opfer fielen, und er veröffentlichte diese Kenntnis in unverschlüsselter Form.

Der Jahreswende-Artikel auf 1943 von Chefredaktor Willy Bretscher lässt an Deutlichkeit – und an Ergriffenheit – nichts mangeln. Die «Summe des Unheils und des Leides (. . .) ist nicht zu bemessen und spottet der Worte, sie ist unsagbar». Die Katastrophe «erschüttert den Planeten», es ist eine «entsetzliche Menschheitstragödie». – Katharina Wehrli wirft der Presse eine «unterkühlte und spärliche Berichterstattung» vor. Sie übersieht, dass in jener Zeit die politischen Zeitungen das Schwergewicht auf die redaktionellen Kommentare legten und keine blossen Nachrichtenblätter sein wollten. Man lese die an erster Stelle gebrachten Berichte aus Paris und Vichy im September, in denen die Judendeportationen ausführlich und mit klarem Stellungsbezug behandelt und Lavals trübe Satrapendienste tiefer gehängt wurden. «Unterkühlt» war die Zeitung schon bei Kriegsbeginn 1939 nicht: die «Verantwortung für diese europäische Katastrophe liegt auf einem Mann, der – viel eindeutiger als in früheren historischen Kontroversen über die Frage der Kriegsschuld – mit Name und Vorname bezeichnet werden kann».

Die Presseüberwachung (nicht Vorzensur) liess die Zeitungen 1942 weitgehend unbehelligt. Vereinzelte Verwarnungen stützte sie auf den Grunderlass, wonach die Presse nicht «Trägerin ausländischer Propaganda» sein und keine «Greuelmeldungen der Kriegsparteien» veröffentlichen dürfe, die nicht überprüft werden können. Das Bild des Holocausts stand nicht eines Tages als gesicherte Tatsache in der Zeitung; es setzte sich wie ein Mosaik langsam aus verstreuten Bruchstücken zusammen.

«Endlösung»: der lange Weg zur Gewissheit

Die Informationen über die massenweisen Tötungen im Osten (zuerst hinter der Front, ab 1942 in Lagern) kamen über private und offizielle, über deutsche und nichtdeutsche Kanäle ziemlich rasch nach aussen, aber die Einzelmeldungen deuteten noch nicht auf einen von höchster Stelle angeordneten, systematischen Vernichtungsfeldzug gegen Millionen. Es bedurfte eines längeren Prozesses, bis sich die Informationen zur geglaubten und für wahr gehaltenen Nachricht verdichteten. Der Grund ist einfach: die Ungeheuerlichkeit erzeugte selbstreferentiell ihre eigene Unglaubwürdigkeit. Sie überstieg jedes Vorstellungsvermögen und führte bei vielen zu einer psychologischen Blockade. Man behalf sich mit plausibleren Deutungen: eigenmächtig- sadistische Unterführer, Pogrome, Hunger, Seuchen – und mit der Ausrede, es handle sich um Greuelmeldungen in der Art des Ersten Weltkriegs. An das berühmte Riegner-Telegramm an Sidney Silverman in London und Rabbiner Wise in New York – basierend auf Nachrichten, die der deutsche Industrielle Eduard Schulte im Juli nach Zürich gebracht hatte – wurde einfach nicht geglaubt. Der amerikanische Vizekonsul in Genf hielt den Inhalt für «extrem phantastisch», der amerikanische Gesandte in Bern, Harrison, kabelte nach Washington, das Telegramm sei «ein wildes, von jüdischen Ängsten inspiriertes Gerücht». Sogar prominente Vertreter des Judentums bezweifelten die Meldung über den Plan zur Ausrottung aller in Europa lebenden Juden.

Nicht so reagierten die beiden führenden Köpfe der NZZ-Redaktion, Willy Bretscher und Albert Müller. Sie kannten Deutschland und die Geschichte der «Machtergreifung» aus ihrer Berliner Korrespondentenzeit, hegten von Anfang an tiefes Misstrauen gegenüber dem Nationalsozialismus und hielten die Führung des Dritten Reiches charakterlich und ideologisch der extremsten Schandtaten für fähig. Andere Beobachter, bis hinauf in die Regierungen in London und Washington und im Vatikan, beurteilten die gemeldeten Deportationen mit dem Ende im Vergasungsofen als «Auswüchse», nicht als systemimmanent. Daher kam auch die verzweifelte Suche nach einem schriftlichen Führerbefehl, den u. a. Carl J. Burckhardt für existierend hielt (es gab ihn nicht). Man wollte auch in Regierungskreisen des In- und Auslandes teilweise bis 1944 nicht glauben, dass die Spitze eines Staates die Installation und den Betrieb der Hölle anordne und dabei von der Intelligenz, der Beamtenschaft, dem Adel und den Kirchen im eigenen Land nicht behelligt werde.

Die Grenzlinie zwischen den Verharmlosern und den Hardlinern wurde gezogen von der Beurteilung des Nationalsozialismus. War dem NS- Regime die systematische Ermordung von Millionen zuzutrauen, handelte es sich im Grunde um Kriminelle? Die Antwort Bretschers und Müllers war klar: Ja. Wer hingegen, ob in der Schweiz oder im Ausland, das Dritte Reich irgendwie noch in der Bannmeile der Normalität ansiedelte (und das taten keineswegs nur Nazi-Sympathisanten, sondern sehr viele Gutmeinende), konnte oder wollte nicht an einen Plan namens Endlösung glauben – trotz wiederholten klaren Ankündigungen Hitlers. Wer kein Gespür für das Böse im Menschen hatte, blieb blind.

Was konnte man tun?

Im Jahreswende-Artikel auf 1943 steht: «Vor dieser entsetzlichen Menschheitstragödie stehen die letzten Neutralen, die der Krieg noch übrig gelassen hat, ergriffen und mitleidend, doch machtlos gegenüber dem sich unerbittlich vollziehenden Schicksal.» Für eine Zeitung des Kleinstaates Schweiz, die in Deutschland mit seiner gleichgeschalteten Presse als «Organ des Bundesrates» missdeutet wurde, war flammende Empörung mit Druckerschwärze nicht der Weg. Mit Recht wurde überlegt: Was wir wissen, ist auch den alliierten Mächten, dem Vatikan und allen anderen Regierungen bekannt, und was machen sie? Am 17. Dezember verlas Eden im Unterhaus eine Proklamation der Vereinten Nationen, welche die Verbrechen der Deutschen anprangerte. In New York und in London fanden seit dem Sommer Trauerfeiern und Demonstrationen statt. Churchill und Roosevelt betonten in den Konferenzen mit jüdischen Repräsentanten, das einzige Mittel gegen die Verbrechen sei ein möglichst schneller Sieg der Alliierten.

Es blieb das Problem der jüdischen Flüchtlinge. Von der Konferenz von Evian (1938) an verhielten sich fast alle Staaten sehr zugeknöpft gegenüber der Emigration aus Deutschland, die damals vom Regime gefördert wurde. Die Schweiz war fremdenpolizeilich nicht hartherziger als etwa Grossbritannien (Rücksicht auf das Palästina-Mandat) und die USA, die nicht einmal die Quoten der Immigration Act ausschöpften.

Im Sommer 1942 brach in der Schweiz ein wahrer Proteststurm gegen die offizielle Einwanderungspolitik aus. Anlass war die Teilschliessung der Westgrenze, genauer gesagt der Beschluss des Bundesrats, eine «aus Gründen der Menschlichkeit» nicht mehr angewendete Bestimmung vom Oktober 1939 (Zurückweisung aller illegal Einreisenden) wieder in Kraft zu setzen. Das betraf nun die jüdischen Flüchtlinge aus Frankreich.

Der Protest gegen die neue Praxis ging durch alle Schichten, insbesondere kirchliche Kreise wehrten sich gegen unchristliches, unmenschliches und unschweizerisches Vorgehen. Für die Herbstsession wurde eine Flüchtlingsdebatte anberaumt, die am 22. und 23. September im Nationalrat stattfand. Bundesrat von Steiger verteidigte sich, den eigenen Gewissenskonflikt geschickt ausbreitend, mit dem Argument, das Herz und die Staatsräson widerstritten sich oft, es sei seine Aufgabe, Ordnung im Haus zu behalten, auch auf das Risiko, hart sein zu müssen. An der Debatte nahmen 16 Redner teil. Mit Ausnahme von zwei Neuenburger Sozialisten (Graber und Perret) verlangte keiner die unbegrenzte Aufnahme von Flüchtlingen. «Niemand, auch ich nicht, vertritt den Standpunkt, man müsse die Grenzen auftun» (Walther Bringolf). Der Bundesrat, monierten die Kritiker, sei aber mit seiner Obergrenze von 6000 bis 7000 Flüchtlingen zu ängstlich. Sozialdemokratische Redner nannten 20 000, der Demokrat Maag 40 000. Bundesrat von Steiger bekundete Verständnis und rief zum Zusammenschluss von Regierung und Volk auf, machte aber in der Sache keine Zugeständnisse.

Zwar wurde die Grenzsperre nachfolgend leicht gelockert, aber das eigentliche Ziel, die präventive Abwehr grösserer Flüchtlingsströme, war erreicht: Die Schweiz hatte die Tore für jüdische Flüchtlinge aus Westeuropa geschlossen.

 

* Ernst Bieri hatte als Student und junger Mitarbeiter der NZZ in den Kriegsjahren Zugang zu Gesprächen bei Chefredaktor Willy Bretscher und war Zeuge der redaktionellen Überlegungen zum behandelten Thema. Er trat 1946 in die Inlandredaktion ein, der er bis 1966 angehörte.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 12.07.1999

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