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In Indien sind Götter nun auch Rechtspersonen

Erstaunliches Urteil des Obersten Gerichts in Delhi

By. Delhi, 13. Juli

Ist ein Gott eine juristische Person? Indien wäre nicht Indien, wenn es sich nicht auch mit dieser Frage herumschlagen würde. Bisher hatte das Oberste Gericht des Landes nie Gelegenheit gehabt, sich dazu zu äussern, denn im Gegensatz zur Religion ist das Rechtswesen angelsächsisches Erbgut. Und dieses hat bis anhin nur religiöse Stätten beziehungsweise die Institutionen, die sie verwalten, als juristische Personen anerkannt. Nun musste das Gericht aber plötzlich Farbe bekennen, als zwei Götter gleichsam persönlich mit einer Berufung gegen ein Urteil des Obergerichts von Bihar an die Richter herantraten.

Was ist ein «echter» Gott?

Die Berufungsdokumente waren zwar von Tempelverwaltern unterschrieben worden, aber die Papiere behaupten, dass die Götter Ram Jankiji und Thakur Raja persönlich durch ihre menschlichen Vertreter sprächen. Die Gottheiten hatten sich für ihre Tempel etwas Umschwung beschaffen wollen. Nun wurde ihnen das Land vom Staat streitig gemacht. Dieser behauptete vor einem lokalen Gericht, dass Ram und Thakur gar keine echten Götter seien, dass der Kult um sie von ihren Managern organisiert worden sei und dass diese unter Vorwand göttlicher Instruktionen die Bodengesetze verletzen und illegal Land beanspruchen wollten. Das Obergericht in Patna folgte dieser Argumentation. Es vermutete Hochstapelei und urteilte, die Götter seien nicht echt; folglich gehöre das Land dem Staat.

Zum grossen Erstaunen der Rechtsgelehrten wurde dieses Urteil nun vom Obersten Gericht in Delhi umgestürzt. Man könne nicht beweisen, dass ein Gott unecht sei, wiesen die beiden Brahmanen-Richter ihre Kollegen in Patna zurecht, und sie dozierten mit Zitaten aus den heiligen Schriften, wie ein Gottesbild in langen Zeremonien konsekriert wird – vom Baden in Milch, flüssiger Butter, Honig und Joghurt, dem Eintauchen ins Feuer, bis mit dem Hauchen des Mantras der «ewige Geist vom Gottesbild Platz ergreift». Einmal im Tempel installiert, seien diese Götter Rechtspersonen und genössen damit das Privileg, Land zu besitzen und dafür auch keine Steuern zahlen zu müssen. Das Urteil ist in der Öffentlichkeit erwartungsgemäss auf Kritik gestossen.

Wo komme man hin, fragte die Tageszeitung «Indian Express», wenn sich die Götter plötzlich mit Aren und Hektaren, Urkunden und Bodennutzung abgeben müssten? Sei ein Gott, wenn er plötzlich zum Besitzer eines bestimmten Stücks Boden werde, damit nicht vom Besitz anderen Lands ausgeschlossen, obwohl ihm ja alle Schöpfung gehöre? Zwar wisse man, fährt die Zeitung fort, dass etwa die katholische Kirche ein Multi sei, dessen Reichtum auf Bodenbesitz gründe. Aber der Besitzer sei die Institution der Kirche, nicht Jesus Christus. Die Tageszeitung «The Hindu» gab zu, dass Götter in materieller Form Gestalt annehmen könnten; davon abzuleiten, dass die Götter damit Rechtspersonen würden, trivialisiere die spirituelle Idee des Göttlichen. Wie könne ein Gott zum Beispiel persönlich haftbar gemacht werden für Bosheiten, die seine irdischen Vertreter verübten?

Feierabendpriester

Diese Fragen – Kritik am Obersten Gericht ist in Indien verboten – sind keine juristische Spiegelfechterei, sondern Ausdruck realer Sorgen. Indien ist ein Land, in dem die Mehrheit der Menschen noch immer durchdrungen ist vom Glauben an die göttliche Beseeltheit alles Lebenden, sei es nun ein Gottesbild, ein Fluss oder ein Stein. Es ist aber auch ein Land mit wachsender Platznot, was bei einer Bevölkerung von rund einer Milliarde nicht verwundern kann. Unter dieser gibt es genügend findige Leute, die irgendwo einen Altar bauen und dann behaupten könnten, ein Gott habe vom Ort Besitz ergriffen. Allein in der Hauptstadt Delhi gibt es in Parks, an Strassenkreuzungen, auf ungenutztem Bauland zahlreiche Beispiele illegaler Konstruktionen, die stehen bleiben, weil ihnen eine Gebetsnische angebaut ist. Denn wie kann man ein Haus abreissen, das von Shiva bewohnt wird?

Der jüngste Gerichtsbeschluss droht daher einer Einladung gleichzukommen, im Namen einer der 500 000 Gottheiten ein Stück Land für sich zu beanspruchen und sich nach Feierabend zum Tempelpriester zu verwandeln.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 14.07.1999

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