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Weltmacht Dalai Lama?

Eine zweifelhafte Streitschrift

«Ex oriente lux» – die christliche Verheissung nach Matthäus 2, 2, dass den erlösungsbedürftigen Menschen «aus dem Osten das Licht» komme, entfaltet seit einiger Zeit ihren ironischen Gehalt. Denn inzwischen ist es weniger die Frohe Botschaft der Evangelien, die da leuchtet, als das Heils- und Erleuchtungsversprechen der östlichen Religionen, zumal der verschiedenen Buddhismen. Das ist plausibel angesichts der Anziehungskraft eines authentischen, nicht guruzentrisch und mystagogisch pervertierten Buddhismus. Aber es hat auch den Charakter einer Kompromissbildung, die den ihrer Tradition entlaufenen westlichen Kindern des Christentums gestattet, unter östlichen Vorzeichen ihr metaphysisches Bedürfnis zu befriedigen.

Zuviel wäre es behauptet, dass sie jene kritische Distanz, die in der 300jährigen Geschichte der europäischen Aufklärung so mühselig in bezug auf das Christentum erlernt und geübt wurde, gerechterweise auch gegenüber den östlichen Religionen praktizierten. Eine zweite, nun universale Aufklärung, die freilich an die buddhistische und auch die islamische Aufklärung anschliessen könnte, wäre die Aufgabe. Die Notwehr der konkurrenzgefährdeten Altreligionen, die entweder auf ökumenische Assimilation oder die Entsorgung durch ihre sogenannten «Sektenbeauftragten» setzen, genügt nicht. Eine Reaktion, vielleicht sogar das Umschlagen einer Idealisierung in Desillusionierung war unter diesen Umständen überfällig. Ein provozierendes Buch des neuseeländischen Soto-Zen-Priesters Brian A. Victoria hat jüngst die Verstrickung des Zen-Buddhismus in den japanischen Nationalismus und Imperialismus offengelegt (NZZ vom 1. 6. 99). Die «Kriminal-, die Verbrechensgeschichte» des Zen-Buddhismus – Karlheinz Deschners christentumskritisches Jahrhundertwerk kann durchaus ihre östlichen Pendants finden.

Jetzt wird die derzeit populärste, ja modischste Form des Buddhismus vom Bildersturm ereilt: der tibetische, in seinem Zentrum der XIV. Dalai Lama, als Friedensnobelpreisträger 1989 auch zu höchsten westlichen Ehren gekommen. Man reibt sich die Augen: Just er, dieser friedfertigste, urbanste, auch witzigste, selbstironischste aller lebenden Götter hienieden, diese Ikone einer undogmatischen, wahrhaft humanen Religion, nach Gandhi das Paradestück eines religiösen Weltethos, soll vom Sockel stürzen? Die Ex-Grüne Jutta Ditfurth hat als Antipodin ihrer Parteigenossen Petra Kelly und Gert Bastian, die ihrerseits in dem anzuzeigenden Buch das Opfer einer Spekulation über einen tantristischen Ritualmord und Selbstmord werden, schon heftig genug das Denkmal attackiert. Nun versuchen Victor und Victoria Trimondi, vormals als Herbert und Mariana Röttgen Verleger des linken Trikont-Verlags, in den siebziger Jahren spirituell angehaucht, in den Neunzigern allem Anschein nach auf dem Rückweg zu den Altreligionen, die Götterdämmerung zu vollenden: «Ex oriente lux»? Weit gefehlt: «Ex oriente nox!», «Aus dem Osten die Nacht».

Westliche Ignoranz

Die Situation für den rücksichtslosen Frontalangriff ist in der Tat nicht ungünstig. Zu ignorant ist man im Westen in bezug auf die Geschichte Tibets und den tibetischen Buddhismus, zu stark die Neigung, angesichts der chinesischen Okkupation und der von ihr verübten Verbrechen nur in Schwarz und Weiss zu malen. Vergessen wird dabei, dass es auch militante tibetische Okkupationen chinesischen Territoriums gegeben hat und generell die Beziehungen zwischen beiden Ländern historisch äusserst verwickelt sind; dass der Lamaismus als feudalistisch strukturierte Theokratie in seiner Geschichte keineswegs die Inkarnation einer idealen Gesellschaft war; dass die tibetische Variante des Buddhismus, der tantristische Vajrayana-Buddhismus, mit seinen zwei Seiten, seiner subtilen esoterischen Lehre und seinem – gelinde gesagt – missverständlichen exoterischen Gehalt, erhebliche Irritationen auslösen kann; dass man schliesslich aktuell, wie es die Auseinandersetzungen um den 17. Karmapa der Kagyüpa-Konfession und die Shugden-Affäre bis hin zu religionspolitischen Morden in Dharamsala, dem indischen Exil des Dalai Lama, zeigen, auch in seinem direkten Umfeld mit einiger Militanz und einer tibetischen Form des Fundamentalismus rechnen muss.

Die Trimondis fallen also nicht über ein harmlos-friedliches Paradies, das für Mentaltouristen so anziehende Shangri-La, her, sondern sie stechen derzeit eher in ein Wespennest. Sie tun das freilich – bei allen Recherchen, mit denen sie ein über 800seitiges Buch füllen – mit einem sehr groben Stachel. Sie stützen fast ihre gesamte Argumentation auf eine vergleichsweise schmale Quellenbasis: auf das Kalachakra-Tantra aus dem 10. Jahrhundert u. Z. Dieser hochgradig interpretationsbedürftige Text, den die Autoren gnadenlos beim Wort nehmen, ohne ihm die hermeneutisch mildernden Umstände angedeihen zu lassen, die die Theologie der Bibel seit je einräumt, ist nur in einer erheblich kürzeren Fassung überliefert. Und auch diese ist bisher nicht annähernd vollständig, wie die Autoren immerhin einräumen, in eine westliche Sprache übersetzt.

«Heiliger Krieg»?

Vor allem zweierlei lesen sie aus dem Kalachakra heraus: einmal im frontalen Widerspruch zu einer westlich-feministisch inspirierten Lesart, die diesem Text im besonderen, dem tantristischen Buddhismus im allgemeinen eine besonders weibliche Note abgewinnt, eine androzentrische Ausbeutung der weiblichen Energie, der «Gynergie». «Das Mysterium des tantrischen Buddhismus besteht in der Aufopferung des weiblichen Prinzips und in der Manipulation des Eros zur Erlangung universeller androzentrischer Macht.» Diese Interpretation ist trotz der Gewalt, die sie ihrerseits dem weiblichen Prinzip im Tantra antut, nicht völlig abwegig. Westliche Tibet- Reisende werden sich aber weiterhin an der augenfälligen Autonomie tibetischer Frauen erfreuen können.

Wichtiger noch ist den Autoren die mit dem mythischen Königreich «Shambhala» verbundene religiös-politische Phantasie – eine Machtphantasie, die in eschatologischer Zuspitzung auf eine «Buddhokratie» und – hochaktuell – auf einen apokalyptischen «heiligen Krieg» gegen die «Mlecchas», die Anhänger des Islams, hinausläuft. Gemeint ist letztlich aber die «Shambhalisierung» der ganzen Welt. Und dieses Weltherrschaftsprojekt soll nun der Dalai Lama als eine Art Gelbmützenversion Mao Tsetungs – so wie dieser der rote Dalai Lama war –, mit List und Tücke, aussen Lamm, innen Wolf, verfolgen. Deswegen – so die Trimondis – seine weltweite Reisediplomatie. Deswegen seine raffinierten Public Relations, die den virtuos gespielten bescheidenen Mönch zu einem der effektivsten Macht- Manager gemacht haben. Deswegen auch hinter der demokratischen Maske seine intensiven Kontakte zu allen braunen Esoterikern dieser Erde, angefangen beim SS-Mann Heinrich Harrer, fortgesetzt mit Mussolinis Chefideologen Julius Evola und Miguel Serrano, der Speerspitze des «esoterischen Hitlerismus», endend beim mörderischen AUM-Sektenführer Shoko Asahara. Der Buddhokrat und seine «Fünfte Kolonne».

Das ist starker Tobak. Der Dalai Lama wäre fürwahr ein geradezu diabolisch begabter Schauspieler. Doch dieses Porträt ist seinerseits von einer ausgewachsenen politisch-religiösen Phantasie diktiert. Um den tibetischen Buddhismus, auch seine derzeitigen fundamentalistischen Versuchungen, denen der Dalai Lama opponiert (!), ernst zu nehmen, genügt weniger aggressives Geschütz.

Dem Dalai Lama Weltherrschaftspläne zuzuschreiben, in einer Situation, in der er und das tibetische Volk das ohnmächtige Opfer einer imperialistischen Politik sind, das ist absurd, objektiv zynisch. Und es steht in einer fatalen Tradition. Das Kalachakra ist keine Fälschung. Aber die angeblichen Weltherrschafts-,die Shambhala- Phantasien des tibetischen Buddhismus sind das Phantasma einer Paranoia, wie es im Westen mit den sogenannten «Protokollen der Weisen von Zion» verbunden ist – die «Protokolle des Weisen von Lhasa» sozusagen. Die Autoren bekennen sich gerne zu einem religiösen Friedensethos. Tatsächlich leisten sie ihren Beitrag zum ominösen «Kampf der Kulturen».

Ludger Lütkehaus

 

Victor und Victoria Trimondi: Der Schatten des Dalai Lama. Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1999. 816 S., Fr. 52.20.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 15.07.1999

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