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Anthroposophie und Nationalsozialismus

Zwei neue Veröffentlichungen

Seit den achtziger Jahren sieht sich die Anthroposophie mit zwei bis dato unbearbeiteten Feldern ihrer Geschichte konfrontiert: mit der Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus und mit Steiners rassentheoretischen Äusserungen. Uwe Werner, Archivar am Goetheanum in Dornach, hat nun eine erste Darstellung der Anthroposophischen Gesellschaft in den Jahren 1933 bis 1945 gegeben. In seine gut lesbare Pionierarbeit hat er umfangreiches und vielfach neu erschlossenes Quellenmaterial (allerdings, so Werner, nur «Teile» der einschlägigen Dornacher Bestände) einarbeiten können. Er behandelt chronologisch die sukzessiven Verbote der damals gespaltenen Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer Tochtergründungen, insbesondere der Waldorfschulen, sodann die nur wenig erfolgreichen Verhandlungen um Wiederzulassung anthroposophischer Einrichtungen sowie schliesslich die bis zum Ende des «Dritten Reiches» fortbestehenden Organisationen, vor allem in der Heilpädagogik, der Medizin und der Landwirtschaft.

Dabei ist ein instruktiver Einblick in die Polykratie des Dritten Reiches entstanden. So fanden sich die Anthroposophen vor allem in der Konkurrenz zwischen dem «Stab des Stellvertreters des Führers» unter Rudolf Hess und Heinrich Himmlers Reichssicherheitshauptamt wieder, zusätzlich intervenierten nachgeordnete Dienststellen oder auch Hitler persönlich. 1935 wurde unter Himmlers Ägide die Anthroposophische Gesellschaft verboten, während die Christengemeinschaft bis 1941 bestand, als mit Hess' Englandflug ihr Protektor in Ungnade fiel. Dass dies nicht das Ende der nationalsozialistischen Versuche bedeutete, anthroposophische Praxis – irgendwie – nutzbar zu machen (mit deren weltanschaulichen Grundlagen wussten die Nationalsozialisten kaum etwas anzufangen), bewies Himmler, als er zwar die Leitfigur des biologisch-dynamischen Landbaus, Erhard Bartsch, zeitweise in Haft setzen, dessen Gut aber weiterarbeiten liess.

«Völlig unvorbereitet»

Es waren sehr schwierige Zeiten. Die nationalsozialistische Machtergreifung hatte die Anthroposophische Gesellschaft, so Werner, «völlig unvorbereitet» getroffen, denn sie habe sich «nie veranlasst gesehen, sich praktisch um politische Fragen zu kümmern» – ebensowenig wie auch die weit überwiegende Zahl der Mitglieder. Dementsprechend lagen die Reaktionen zwischen Ablehnung und Zustimmung, wobei Werner dazu tendiert, die Anthroposophen für mehrheitlich NS- distanziert zu halten. Die Bedrohung an Leib und Leben war allerdings real, insbesondere einige Priester der Christengemeinschaft wurden zeitweise inhaftiert; jedoch gab es keine systematischen Ermordungen.

Die Bewertung des Verhaltens von Anthroposophen hängt an der Frage, wie man die Grenze von Kooperation und Verweigerung – von Widerstand spricht Werner nicht – bestimmt. Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland hat beispielsweise die pragmatische Kooperation um des Überlebens willen gesucht, aber den Nationalsozialismus abgelehnt. Der Dornacher Vorstand hingegen war geteilter Meinung: Neben Günther Wachsmuth, der im Juni 1933 seine «Sympathie» für das, «was z. Zt. in Deutschland geschieht», kundgab, gehörte auch Marie Steiner zu denjenigen, die dem Nationalsozialismus nicht ganz ablehnend gegenüberstanden – allerdings erfährt man über die Rolle von Steiners Frau bei Werner kaum etwas.

Auch über die Umstände des Austritts von Juden, deren Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft den Nationalsozialisten (neben der Zuordnung zur Freimaurerei) der grösste Dorn im Auge war, unterrichtet Werner nur kurz, ohne grössere Konflikte zu nennen. Liest man hingegen in den von Werner als «zuverlässig» eingestuften Erinnerungen von Hans Büchenbacher, einem Anthroposophen jüdischer Abstammung, der 1935 in die Schweiz emigrierte, mit welcher Bitterkeit er die teilweise bereitwillige «Bereinigung» des Konfliktes um jüdische Mitglieder erfuhr, deutet sich die – andere – Perspektive der Opfer an.

Formelkompromisse

Die Argumente, mit denen die oft widerwillige, teils auch gesuchte Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten gerechtfertigt wurde, hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck. Natürlich ist es nicht illegitim, sich in einer Diktatur aus taktischen Gründen im Sprachgebrauch der Unterdrücker zu verstecken. Aber wie wenig oder wie viel Überzeugung manifestiert sich in Formelkompromissen? Friedrich Rittelmeyer etwa, «Erzoberlenker» der Christengemeinschaft, legte 1934 sein Buch «Deutschtum» vor, um die kulturelle Aufgabe Deutschlands gegenüber völkischer Vereinnahmung zu verteidigen. Werner verschweigt dieses Buch nicht, zitiert aber nur Äusserungen, deren taktische Raffinements Rittelmeyer zur Ehre gereichen. Doch was ist mit (bei Werner übergangenen) Aussagen, in denen Rittelmeyer Steiners Lehre von der «im Wesentlichen erfüllten» «Mission des Judentums» reproduziert oder vom «Lebenskampf Christi» «gegen sein Volk» spricht? – Über das Verhältnis von Distanz und Nähe von Anthroposophen und Nationalsozialismus in einzelnen Fragen ist wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen.

In den Diskussionen der NS-Zeit spielten Steiners Rassenvorstellungen kaum eine Rolle. Sie wurden aber 1985 zum Politikum, als das Fach «Rassenkunde/Völkerkunde» der niederländischen Waldorfschulen in öffentliche Kritik geriet und das Unterrichtsministerium eine Untersuchung anordnete. Daraufhin liess die niederländische Anthroposophische Gesellschaft Steiners Gesamtwerk von einer (nur aus Anthroposophen bestehenden) Kommission auf Aussagen zum Thema «Rassen» untersuchen. Von den 147 dokumentierten Stellen wurden nach heutigem niederländischem Recht 50 als diskriminierend und 12 als wahrscheinlich strafbar eingestuft: etwa Steiners Thesen vom «starken Triebleben, Instinktleben» «beim Neger» oder von den Indianern als im «Hinsterben» befindlicher «degenerierter Menschenrasse» – wohingegen «die weisse Rasse» «die zukünftige, . . . die am Geiste schaffende Rasse» sei. Zu Recht fordert der (nun ins Deutsche übersetzte) Bericht die Kontextualisierung solcher Aussagen: Rassen seien in Steiners Theorie nicht nur biologische, sondern auch «geistige» Phänomene und würden in Zukunft keine Rolle mehr spielen. Dazu treten in der Aussenperspektive nicht nachvollziehbare, Anthroposophie-immanente Erläuterungen, wonach etwa Steiner die «merkwürdigen» Formulierungen zum Triebleben von «Negern» «durch nicht- sinnliche Aspekte aus der eigenen übersinnlichen Forschung» ergänzt habe.

Allein, diese Historisierung löst nur einen Teil der Schwierigkeiten. Ungelöst bleibt das Kernproblem einer Bewertung der Konstruktionslogik von Steiners Weltanschauung: Sie ist evolutiv und hierarchisch und reproduziert in ihrem Fortschrittsdenken die Rede von degenerierten und zukunftsträchtigen Rassen. Damit stellt sich die Frage, ob es reicht, problematische Stellen durch Kontextualisierung zu relativieren oder als Teile «übersinnlicher Forschung» einzuklammern. Letztlich sind solche Rassenunterscheidungen in Steiners Evolutionsdenken konsequent, aber dessen Revision würde einen Angelpunkt der anthroposophischen Weltanschauung betreffen.

Die Diskussion um Steiners Rassenvorstellungen bleibt allerdings im wesentlichen eine Theoriedebatte, da sie in der Praxis offenbar weitgehend folgenlos waren. Schon die aus vielen Nationen stammenden Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bildeten ein Widerlager gegen die Engführungen in Steiners Weltbild. Genau diesen «praktischen Internationalismus» haben die Nationalsozialisten den Anthroposophen zum Vorwurf gemacht, während sie Steiners Rassenvorstellungen offenbar nicht wahrnahmen.

Helmut Zander

 

Uwe Werner (unter Mitwirkung von Christoph Lindenberg): Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933 bis 1945). Verlag R. Oldenbourg, München 1999. XII, 473 S., Fr. 85.–.

Anthroposophie und die Frage der Rassen. Zwischenbericht der niederländischen Untersuchungskommission «Anthroposophie und die Frage der Rassen». Übersetzung Ramon Brüll. Info-3-Verlag, Frankfurt am Main 1998. 345 S., Fr. 36.–.

Die Erinnerungen von Hans Büchenbacher finden sich als Teilabdruck in der Zeitschrift Info 3, Heft 4, 1999.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 22.07.1999

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