Jiddisch &endash; eine Sprache
zwischen Tradition und Zukunft
Von den zehn Millionen Juden, die vor dem Zweiten
Weltkrieg in Europa lebten, sprachen über 90 Prozent
Jiddisch. Der Holocaust vernichtete nicht nur über
sechs Millionen Juden, sondern auch einen Grossteil ihres
kulturellen Erbes, dessen Träger die jiddische
Sprache war. Wohl versuchten nach Kriegsende einige
jiddischsprachige Schriftsteller und Journalisten ein
drastisch reduziertes Publikum mit jiddischem Schriftgut
zu versorgen, doch sie kämpften bald auf verlorenem
Posten. Jetzt aber, da sich das 20. Jahrhundert seinem
Ende zuneigt, wächst bei der Nachkriegsgeneration
der Wille, Jiddisch zu erhalten und zu reproduzieren.
Herkunft und Verbreitung
Jiddisch ist eine der drei Sprachen, welche Juden um
die letzte Jahrtausendwende sprachen, als ihre grosse
Migrationswelle von Westen nach Osten erfolgte. Das
Hebräische und das Aramäische waren die beiden
anderen.
Jiddisch baut auf einer komplexen Grammatik mit eigener
Syntax und Morphologie auf. Ein reicher, aus mehreren
slawischen Idiomen und aus dem Deutschen stammender
Wortschatz bildet den Hauptteil der Sprache, während
der wesentlich ältere aus dem Hebräischen und
Aramäischen stammende Anteil &endash; auch, da auf
dem Talmud beruhend, als «heiliger» Anteil
betrachtet &endash; den eigentlichen Kern des Vokabulars
ausmacht. Anders als Ladino, die von den sephardischen
Juden nach deren Vertreibung aus Spanien (1492)
geprägte Sprache, welche sich ihrerseits aus alten
spanischen Dialekten, Hebräisch, Arabisch,
Türkisch und Griechisch zusammensetzt, wird Jiddisch
nur in hebräischen Buchstaben und von rechts nach
links geschrieben. Anders als das nur noch als
Umgangssprache benützte Ladino hat Jiddisch als
Literatursprache überlebt.
Beschränkte sich am Anfang die jiddische Literatur
auf Phantasieerzählungen, Liebesgeschichten und
epische Rittergeschichten, umfasste sie im 17.
Jahrhundert didaktische und moralistische Stücke,
die sich vor allem an wenig gebildete Schichten und an
Frauen richteten.
Im 19. Jahrhundert entstand dann, dank der chassidischen
Bewegung, eine anspruchsvollere Literatur,
Vorgängerin der modernen jiddischen Literatur. Es
waren ironischerweise die sogenannten Anti-Jiddisten
&endash; auch kulturelle Revolutionäre genannt
&endash;, die für die Literatur dieser Epoche
verantwortlich zeichneten. Wohl identifizierten sie sich
auf ideologischer Ebene mit dem Berliner Philosophen und
Aufklärer Moses Mendelssohn und unterstützten
seine Bemühungen, Juden kulturell und sprachlich in
Deutschland zu integrieren, mussten aber bald einsehen,
dass sie die religiösen Massen, deren Muttersprache
Jiddisch war, nur dann erreichen konnten, wenn sie ihre
Werke auf Jiddisch verfassten. Ähnlich erging es den
frühen Zionisten. Rümpften auch sie anfangs
beim blossen Gedanken an die jiddische Sprache die Nase,
mussten sie sich nolens volens dieser bedienen, um ihr
politisches Ziel, die Juden zur Emigration nach
Palästina zu bewegen, durchzusetzen.
Die Welt hinter den Wörtern
Die Väter der modernen jiddischen Literatur, auch
das jiddische Triumvirat genannt, waren Isaak Leib
Peretz, Mendele Mokher Seforim und Sholem Aleichem. Sie
alle wirkten am Anfang dieses Jahrhunderts und wurden
dank ihren Satiren quasi zum Inbegriff des
«jüdischen Humors». Als kollektiver
Ausdruck einer Sehnsucht nach religiöser und
nationaler Identität waren sie während
Jahrzehnten des Elends und der Verfolgung Träger von
hoffnungsvollen Ideen. Die jiddische Literatur dieser
Epoche war gleichermassen von Witz und von Klage
geprägt. Die Leser lachten, während sie
weinten. Zentrales Thema war das «Shtetl», in
welchem sich die Protagonisten durch Armut und Demut
auszeichneten und, in den Worten der jiddischen
Literaturwissenschafter Irving Howe und Eliezer
Greenberg, «antiheroische Helden» waren. In den
erbärmlichen Hütten des «Shtetls», wo
während der langen Wintermonate bittere Kälte
herrschte und die Familie von der Hand in den Mund lebte,
verstanden es diese «Helden», das Heim mit
Wärme und Liebe, mit Andacht und Humor zu
füllen. Die feindliche Aussenwelt durch Gottesfurcht
und Selbstironie zu bekämpfen war ihr Triumph.
Die Lektüre jiddischer Geschichten ergötzte
nicht nur das damalige jüdische Leserpublikum. Die
von den Schriftstellern entwickelten Romanfiguren, wie
etwa Sholem Aleichems Milchmann «Tevye» oder
der Jeshiwa-Student von Peretz waren in ihren
menschlichen Zügen eigentliche Archetypen und
prägten auch die nächste Generation, die das
Shtetl-Milieu längst verlassen hatte. Und obwohl
Übersetzungen aus dem Jiddisch der
künstlerischen Integrität der Originalwerke nur
schwer gerecht werden und deshalb bei dem nicht mit der
Sprache vertrauten Publikum selten einen
wirkungsäquivalenten Effekt zu erzielen
vermögen, erscheinen jiddische Klassiker, wie etwa
Salomon An-Skis (1863&endash;1920) «Dybbuk», in
mehreren Sprachen und in hohen Auflagen. Doch manches
lässt sich nicht übersetzen. «Oif
kappures» zum Beispiel ist ein aus den rabbinischen
Schriften stammender Begriff und bezieht sich auf ein um
den heiligsten jüdischen Feiertag begangenes Ritual.
Die Übersetzung von «er darf es oif
kappures» ins Deutsche mit «er braucht es
für religiöse Zwecke» wäre aber nicht
nur falsch, sondern auch humorlos. Annähernd
müsste es mit «es ist ungefähr das letzte,
was er brauchen kann» übersetzt werden.
Fast ebenso unübertragbar ist die hinter den Worten
verborgene Denk- und Lebensart. Ein «Schnorrer»
(Bettler) beispielsweise ist &endash; anders als es die
Übersetzung vermittelt &endash; nicht so sehr eine
bedürftige wie eine hartnäckige Person.
«Mazel» ist kein gewöhnliches Glück,
sondern ein vom Allmächtigen geschickter Segen, und
«Schlemazzel» ist demnach nicht nur ein
Tölpel, sondern ein Tölpel ohne
«Mazel». So kräftig und nuanciert ist
Jiddisch, dass es kein Wunder ist, dass sich treffende
situationsbezogene Wendungen unübersetzt in den
englischen, aber auch in den deutschen Sprachraum
eingeschlichen haben. «. . . da möchte ich
Ihnen vorschlagen, sehr verehrte Damen und Herren, dass
Sie Jiddisch viel besser verstehen, als Sie
annehmen», soll Franz Kafka einst gesagt haben.
Die Renaissance
Die heute zu beobachtende Wiederbelebung der
jiddischen Sprache bewegt sich auf drei Ebenen. An den
religiösen Hochschulen (Yeshiwot) und in den
orthodoxen Gemeinden &endash; sei es in Antwerpen,
Gateshead oder Jerusalem &endash; wird wie ehedem auf
jiddisch gefachsimpelt. Dieses Jiddisch umfasst eine
eigene Literatur, eine eigene Presse und ein eigenes
Publikum.
Daneben hat sich das sogenannte Argot-Jiddisch
entwickelt. Dieses Jiddisch wird von zumeist nicht im
jiddischen Milieu geborenen Juden als Ausdrucksmittel
ihres Jüdischseins gelernt und gesprochen, von
Sprachstudenten und auch von oft nicht-jüdischen,
zumeist russischen Autoren, die sich des Jiddisch
für ihre Poesie bedienen. Die Sprache biete ihnen,
meint Professor Dr. Gennady Estraikh vom Oxford Institute
for Yiddish Studies, eine «kulturelle Oase»;
sie diene als poetisches, ja exotisches Ausdrucksmittel,
eine Funktion, die für manche andere Esperanto
erfüllt.
Heute spielt Jiddisch an Universitäten, wo ehemals
der Gebrauch dieser abschätzig als
«Jargon» bezeichneten Sprache selbst von Juden
verpönt war, eine wichtige Rolle im Lehrangebot.
Dies nicht zuletzt auch deswegen, weil es den Zugang zu
anderen Fächern und Forschungsgebieten erlaubt, etwa
Germanistik, Slawistik oder Vergleichende
Literaturwissenschaft. In Europa, wo heute noch zwei
Millionen Juden leben, es aber nur noch wenige gibt,
deren Muttersprache Jiddisch ist, kann Jiddisch an
ungefähr einem halben Dutzend Hochschulen belegt
werden.
Gemäss einer mittleren Schätzung des Direktors
der jiddischen Medem-Bibliothek in Paris studieren allein
in Deutschland und Frankreich rund 500 Studenten
Jiddisch, wobei in Deutschland kürzlich zwei
Lehrstühle eingerichtet wurden, einer an der
Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, der
andere in Trier. Universitäten in Paris, Amsterdam,
St. Petersburg und Wien offerieren ebenfalls Sprachkurse
in Jiddisch, ganz abgesehen von den verschiedenen
Volkshochschulen, Synagogen und Gemeindezentren, die
europaweit ebenfalls Jiddisch als attraktives
Freizeitangebot betrachten. Immer zahlreicher werden die
jüdischen Primarschulen und Kindergärten, etwa
in Kanada, den USA, in England und Russland, die Jiddisch
in ihrem Lehrplan integrieren. In den USA wird Jiddisch
als Lehrfach an dreissig Universitäten angeboten.
Von der Hochschule bis zum Internet
Es lohnt sich, das Augenmerk auf das Oxford Institute
for Yiddish Studies zu richten. Es ist die einzige
europäische Institution, die sich ausschliesslich
jiddischen Studien widmet und die bis vor kurzem auch
eine jiddische Druckerei besass. Gleichzeitig ist sie mit
ihrer Forschungsabteilung der Universität Oxford
angegliedert. Hier, wo seit Jahrhunderten Studenten Ovids
Metamorphosen auf Latein, Homers Odyssee auf
Altgriechisch studieren, wird nun auch Sholem Asch's
«Mottke Gonef» (Mottke, der Dieb) auf Jiddisch
analysiert. Hätten Asch und seine Zeitgenossen
Sholem Aleichem und Mendele Mokher Sforim &endash; die
sich alle drei der jiddischen Sprache derart
schämten, dass sie ihre Geschichten unter einem
Pseudonym veröffentlichten &endash; von der Erhebung
des Jiddischen in den akademischen Stand gewusst,
wären wir sicherlich um ein paar Satiren
reicher.
Heute gibt es wieder jiddisches Theater in Europa, zum
Beispiel in Bukarest, wo es seinen Anfang und seine
Blütezeit feiern durfte. Neu ins Leben gerufen
wurden in vielen europäischen Städten jiddische
Lesezirkel, Radioprogramme, Filme und jiddische
Bibliotheken.
Die auf dem Internet präsente virtuelle
«Shtetl- Landschaft» mit ihren zahlreichen
jiddischen «heim-zeitl» (home pages) rundet die
breite Palette des modernen Jiddischangebots ab. Doch der
wohl zwingendste Beweis für die Weiterentwicklung
der Sprache sind die Neologismen, die für moderne
Erfindungen und ehemals nicht existente Konzepte gefunden
wurden. So wurden jiddische Vokabeln entwickelt etwa
für Wochenende = sofwoch: von sof = Ende (hebr.) und
Woche; oder für Pulverkaffee = tekevkave: von tekev
= sofort (hebr.) und Kaffee.
Eine neue Generation von Literaten
Die Literaten, Dichter und Journalisten machen die
dritte Gruppe aus, welche sich mit der Wiederbelebung der
nahezu ausgestorbenen Sprache befassen.
Zeitgenössische jiddische Autoren sehen sich nicht
zuletzt wegen des drastisch geänderten politischen,
sozialen und religiösen Umfeldes der heutigen Juden
in einer anderen Situation als ihre Vorfahren. Damals war
das Augenmerk der Schriftsteller auf das
«Shtetl» als Symbol einer «conditio
humana» gerichtet, und die zentralen Themen betrafen
das sich darin abspielende Schicksal der jüdischen
Gemeinschaft. Heute betonen die jiddischen Gedichte
&endash; geschrieben wird vor allem in diesem Genre
&endash; eher das Individuum in seiner psychologischen
Vielschichtigkeit.
«Wir erleben jetzt in der jiddischen Literatur den
Übergang zur sogenannten Heritage Literature»,
behauptet Estraikh, «einer Literatur, die
grösstenteils durch russisch-jiddische Autoren einer
neuen Generation vertreten wird.» Diese scheinen
sich physisch, wenn auch nicht immer emotional, von dem
«Shtetl» getrennt zu haben. Wenn sie also vom
«Shtetl» schreiben, wie etwa der unter
Jiddisten weltweit berühmte Schriftsteller
Heerschdovid Katz, so setzen sie sich in ein
Modell-Dörfchen zurück, ein virtuelles Shtetl,
das bloss in einer kollektiven Erinnerung weiterlebt. Der
Dichter Moshe Lemster thematisiert diesen Übergang
an einem inneren Prozess: «se shtarbt in mir a
shtetl» (ein Shtetl stirbt in mir).
Andere zeitgenössische Schriftsteller &endash; oft
russische Emigranten &endash; bleiben bei der Gegenwart.
Ihre Eindrücke über ihre ehemalige und neue
Umgebung, sei es die israelische, die russische oder die
amerikanische Gesellschaft, sind von soziokulturellem
Interesse, wenn auch in den Augen mancher Kritiker nicht
von weitreichender Bedeutung. Wieder andere
experimentieren mit Stil. Lev Berinski zum Beispiel sieht
seine Gedichte als visuelles Erlebnis, und er passt sie
in eine die poetische Stimmung symbolisierende Graphik
ein.
Fehlende Exilerfahrung
Der vornehmliche Grund dafür, dass die heutigen
jiddischen Autoren sich mit Themen schwertun, dürfte
darin zu finden sein, dass ihnen die Exil-Erfahrung,
welche ihre Vorgänger fast ausnahmslos geprägt
hatte, abgeht. Auch haben sich die Hauptmerkmale, welche
die klassische jiddische Literatur der Jahrhundertwende
kennzeichneten, geändert: Jiddisch ist nicht mehr
die Muttersprache der Autoren, das «shtetl»
nicht mehr ihr symbolisches Vaterland. Vielen modernen
jiddischen Autoren fehlt es am religiösen Wissen,
welches den «Klassikern» wenn auch nicht als
eigentliche Grundlage ihrer literarischen Werke, so doch
als deren zentraler Bezugsrahmen diente. Auch die einst
zwischen Schriftsteller und Leser bestehende enge
Beziehung &endash; beide stammten aus demselben Milieu
&endash; existiert nicht mehr. Schliesslich ist Jiddisch
auch selbst entwurzelt: Einst die Sprache der
Diaspora-Juden, ist es heute vorwiegend in Israel zu
Hause, in einem Land, das Jiddisch anfangs feindlich
gegenüberstand, konkurrierte es doch mit der
exklusiven Nationalsprache Neu-Hebräisch (Ivrit).
Wie einer der noch der jiddischen Muttersprache
mächtigen Holocaust-Überlebenden treffend
festgestellt hat, ist Jiddisch in Israel zwar «zu
Hause», fühlt sich aber dort nicht
«daheim». Darf man hinzufügen: noch nicht?
Nach Schätzungen soll es heute in Israel mehrere
hunderttausend Jiddisch-Sprechende geben, etwa genauso
viele wie in den Vereinigte Staaten.
Die heutige Renaissance des Jiddisch ist nur mehr ein
schwaches Echo von dem, was vor dem Holocaust existierte.
Damals sprach fast jeder Jude in Osteuropa Jiddisch. Im
Cheder (Primarschule), in Pfadfindergruppen, in
Gymnasien, auf dem Marktplatz, in Wahlversammlungen, im
Wirtshaus, in der Druckerei (vor 1939 zirkulierten allein
in Polen rund 200 jiddische Zeitungen), in den Banken, in
den Regierungsgebäuden und natürlich in den
eigenen vier Wänden.
Das jiddische Theater, die jiddische Literatur, die
jiddische Musik, sie alle erlebten vor und während
der beiden Weltkriege eine Blütezeit, die wohl
für immer erloschen ist. Doch solange es auch nur
einen einzigen Leser jiddischen Schriftguts gibt, meinte
der Dramatiker Halpern Leivick (1886&endash;1962),
würde er für ihn schreiben. Ein Satz, von dem
die Jiddisten auch heute noch beseelt sind.
Eva Burke, freie Journalistin, London
© Neue Zürcher Zeitung - 24.07.1999