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Antisemitismus unter Stalin

Alexander Askoldows Roman «Heimkehr nach Jerusalem»

Mag Alexander Askoldow auch beteuern, sein Roman «Heimkehr nach Jerusalem» wolle «keine reale Biographie wiedergeben und kein Geschichtslehrbuch sein», so lässt sich hinter der zentralen Figur des Solomon doch unschwer der Schauspieler und langjährige Leiter des Moskauer Jüdischen Kammertheaters Solomon Michoëls (1890&endash;1948) erkennen &endash; ein begnadeter Künstler, der in die Fänge der Macht geriet, zum Vorzeige- Juden gemacht und schliesslich von Stalin fallengelassen wurde, als dieser nach dem «grossen vaterländischen Sieg» nicht nur Krimtataren und Tschetschenen deportieren liess, sondern in einem nationalistischen Rundumschlag auch gegen die (grösstenteils assimilierten) Juden ausholte.
Askoldow (Jahrgang 1937), bekannt nicht zuletzt als Filmregisseur («Die Kommissarin»), schildert Stalins Willkürherrschaft unter dem Aspekt ihrer antisemitischen Implikationen, wobei die Palette jüdischer Einzelschicksale die ganze Bandbreite zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Opfer- und Täterrolle zeigt. Da gibt es den armen Schtetl-Juden, der sich zum fanatischen bolschewistischen Kommissar, dann zum NKWD-Offizier hocharbeitet, um mit Stalins Parole «Schlagt die Juden, rettet Russland» skrupellos seiner eigenen Herkunft abzuschwören. Da gibt es den lavierenden Künstler, der sich in eine Doppelmoral flüchtet, und dessen hochgestellten Arztbruder, der in der Lubjanka als «zionistischer Spion» fast zu Tode geprügelt wird. Da gibt es die fromme Ehefrau, die sich aus Kompromisslosigkeit das Leben nimmt, sowie die alte Mutter, die &endash; nach überstandenen vorrevolutionären Pogromen und stalinistischen Schreckensjahren &endash; von einer deutschen Kugel niedergestreckt wird. Alle diese Schicksale sind tragisch, keines aber so komplex und widersprüchlich wie dasjenige des zwischen politischer Loyalität und eigenem Gewissen hin und her gerissenen Künstlers, dem Askoldows Hauptaugenmerk gilt.
Die Handlung setzt in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ein, als Schauspieler Solomon (Michoëls) die Leitung des von Marc Chagall ausgemalten Moskauer Jüdischen Theaters übernimmt, dessen Besonderheit darin besteht, dass sämtliche Repertoirestücke &endash; ob von Scholem Aleichem oder Shakespeare &endash; auf jiddisch gespielt werden. Solomons überragendes Talent macht die Bühne populär; sie wird &endash; so will es der Roman &endash; auch von Stalins Gattin besucht, die, wenige Buchseiten später, Selbstmord begeht. In rasantem Tempo, mit raschen Schnitten führt uns Askoldow durch die wegen ihrer «Säuberungen» berüchtigten dreissiger Jahre: Mitglieder des Ensembles werden verhaftet oder umgebracht, Solomon selbst weiss sich trotz seiner privilegierten Stellung observiert. Sein Psychogramm zeigt ihn als Spielball höherer Gewalt, auf dem Weg zu jener «doppelten Moral», die er später mit dem Tode bezahlen muss. Während er seine wachsende Einsamkeit künstlerisch als König Lear auslebt, steht er im Leben im Bann von Angst und Alkohol, schwankt zwischen Reue und höherer Räson, zwischen Glaube und Schuldgefühl.
Mitten im Krieg dann führt ihn der Weg nicht in die Taschkenter Evakuation, sondern auf Stalins Geheiss nach Amerika. Als Träger des Leninordens und Mitglied des Moskauer Stadtsowjets soll er bezeugen, dass es den Juden im russischen Arbeiterstaat gut geht. Er spielt seinen Part mit Verve und kehrt, denkbar abenteuerlich, in Begleitung einer jungen amerikanischen Jüdin zurück, die bald darauf als angebliche Spionin verhaftet wird. Die Schlinge zieht sich zusammen, das Theater hat ausgespielt, der Mohr muss gehen. Im selben Jahr, als der Staat Israel ausgerufen und von den USA und der Sowjetunion anerkannt wird, drücken nächtliche Häscher Solomon eine Fahrkarte in die Hand; er zieht &endash; ein symbolisches Detail &endash; den schweren Pelzmantel an, der als amerikanisches Gastgeschenk für Stalin vorgesehen war, und setzt sich in den vereisten Zug. Wenige Stunden später liegt er im Schnee: Zwei mit Schlagringen bewehrte Kerle haben ihren Auftrag erfüllt.
Solche Staccato-Nacherzählung unterschlägt, dass Askoldow in seiner filmischen Szenenfolge auch den Nebenfiguren und deren Schauplätzen Raum gibt, dass zwischen Kreml, Lubjanka und der sibirischen Lagerwüste Opfer und Schergen sowie der Diktator selbst zu Wort kommen; manche Ereignisse werden gerafft, andere ausgedehnt, Aussen- und Innenperspektive wechseln ab, desgleichen Total- und Nahansicht. Insgesamt hat sich der Autor allerdings etwas übernommen: Sein Ehrgeiz, die Biographie von Solomon Michoëls auf 200 Buchseiten zu komprimieren und gleichzeitig ein Tableau der Epoche zu liefern, resultiert in allzu drastischen Verkürzungen, die dem Melodrama ebenso Vorschub leisten wie dem grellen Schlaglicht. Statt forcierter Effekte hätte man sich generell mehr Reflexion, mehr Tiefgang gewünscht. Was sich einprägt, sind einzelne Bilder. Askoldows genuines Instrument ist womöglich doch die Kamera.

Ilma Rakusa

 

Alexander Askoldow: Heimkehr nach Jerusalem. Roman. Aus dem Russischen von Antje Leetz. Verlag Volk und Welt, Berlin 1998. 231 S., Fr. 32.80.  

 

© Neue Zürcher Zeitung - 29.07.1999

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