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Kritik des reinen Elends

Victor Klemperers Protokolle der Jahre 1945&endash;1959

«Zwischen allen Stühlen», so lautet die Überschrift der letzten zwei Tagebuchbände des Philologen und Romanisten Victor Klemperer (1881&endash;1960). Nur mit grossem Glück hatte das Ehepaar Klemperer die Nazizeit überlebt. Doch das Leben wendet sich nicht zum Besseren.

Der 17. Juni 1945 hebt an, als ob die Welt wieder in Ordnung wäre: Victor und Eva Klemperer sind in Dölzschen, sind zurückgekehrt in ihr Haus am Kirschberg 19, aus dem sie von den Nazis 1940 vertrieben worden sind. Dresden ist eine Ruinenstadt, aber das Holzhaus in Dölzschen ist unversehrt und nimmt die Flüchtlinge wieder auf. Soll das ein Zeichen sein, dafür, dass die Geschichte vielleicht doch ein Einsehen hat, vielleicht doch Gerechtigkeit kennt? Hinter dem Ehepaar Klemperer liegt eine Odyssee, wie sie wohl nur das 20. Jahrhundert den Menschen hat bereiten können: Lehrverbot, Zwangsumsiedlung, Zwangsarbeit, Verlust aller bürgerlichen Rechte, Verlust überhaupt der Koordinaten menschlichen Seins. Ihr Überleben verdanken sie dem blossen Zufall und &endash; Ironie des Schicksals &endash; den englischen Bomben, die Dresden am 14. Februar 1945 dem Erdboden gleichgemacht haben. Und jetzt? Beginnt jetzt, nach all den Fährnissen und Vergeblichkeiten, beginnt jetzt, endlich, das gute Leben?

NACH DER ODYSSEE

Nicht einmal eine Uhr ist Victor Klemperer geblieben. Der Juni 1945 ist Anfang und Ende zugleich, und dass sich die Zeiten überschneiden, ist für einmal keine Metapher: «Wenn Berlin 20 h. sagt, ist es bei uns 19 h. und in Bremen 21 h.» Man versucht sich zu orientieren &endash; nicht nur zwischen Moskauer-, Sommer- und Mitteleuropa- Zeit. In all dem Chaos schwimmen kleine Flaschenpostsendungen einer vergangenen bürgerlichen Ordnung. In Grossdresden soll ein erster Brief angekommen sein, mit geschwärztem Hitlerkopf auf den Marken. Bei der Schreibmaschine müssen erst einmal die SS-Tasten («zackig, als Blitz, als Rune» &endash; der Phänomenologe Klemperer spart kein Detail aus) entfernt werden.
Es ist schwierig, das Alte loszuwerden, sei es in den Dingen, sei es in der Sprache. Wo es um die bessere Essenskarte geht, die den «anerkannten» «Opfern des Faschismus» zusteht (und wie schnell das Kürzel «OdF» im schäbigen Glanz eines neuen Sozialprestiges erstrahlt; auch das notiert der Philologe), werden Gesichter und Geschichten schon wieder nach Hinweisen auf «Volljudentum» abgetastet. Und wenn Juden «PGs» (Parteigenossen) «Persilscheine» auszustellen beginnen, bleibt das Denken in rassischen Zugehörigkeiten so starr wie je zuvor. Zu Recht sieht Klemperer darin die Hinteransicht eines neuen Antisemitismus. Doch im gleichen Atemzug spricht er vom «Russen», von russischer Wurstigkeit und Selbstherrlichkeit. Alles von Wert reissen sie aus und verpflanzen es nach Russland.
Es ist das Brot der frühen Nachkriegsjahre, das Victor Klemperer mit vielen anderen teilt. Alles schwankt, die Stationen des Lebens sind so unsicher, wie es die übervollen Züge sind, die manchmal sogar fahren, aber niemand weiss genau, mit welchem Ziel. Wo Geld- und Pensionsansprüche deponieren? Wo eine Anzugshose hernehmen, die nicht überall geflickt wäre? Sieht so ein deutscher Professor aus? Einmal wieder ein Radio haben, einen Wagen, eine Bibliothek, Lexika. Neben der Phänomenologie des deutschen Elends &endash; Klemperer schildert sie wie kein Zweiter &endash; verfallen seine Hoffnungen auf die grosse Wende, auf ein nun endlich «gut» werdendes Leben dramatisch. Schon im Juli 1945 notiert er, desillusioniert und aus der Abgeklärtheit seiner Zeitzeugenschaft:

«Aber das Märchen ist zuende, und die beruflichen Bitterkeiten der zwanziger und dreissiger Jahre werden sich wiederholen, als sei nicht das Ungeheuerliche inzwischen geschehen. Ich bin furchtbar pessimistisch geworden, and Eva too, im Punkte der Änderung des deutschen Sumpfes, des Friedens, der Menschheit überhaupt. All diese schönen Phrasen und Gelöbnisse aus Deutschland, USA und Russland, alles das habe ich schon 1918 gehört. Und dann kamen die Freicorps und all das andere innen und aussen, das schliesslich zur Katastrophe führte. Und es wird diesmal nicht anders werden. Und ist der Unterschied zwischen Sprache und Wahrheitsgehalt Stalinice ein so sehr viel anderer als Hitlerice?»

Daran, an dieser tiefen Hoffnungslosigkeit, wird sich nichts mehr ändern. Nur: Kann man damit leben? Gibt es nicht ein Menschenrecht auf Selbstbetrug, eine Kinetik der Hoffnung, die uns zuraunt, es werde doch noch einmal «alles gut»?

HINTER DER TAPETENTÜR

Vom Juli 1945 bis zum Spätsommer 1953 &endash; bis zu den Todesurteilen nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 &endash; verknotet Klemperer seine abgrundtiefe Desillusion zu kleinen und kleinsten Paketchen, die er säuberlich hinter eine Schutzmauer des Bewusstseins steckt; eine Mauer, so hilflos, dünn und durchlässig, als wär's eine Tapetentür der Seele. Von da an wird das Tagebuch zu einem Protokoll &endash; nicht des Selbstbetrugs (nicht einmal diese Gnade ist Klemperer gewährt), sondern einer tiefen Zerrissenheit, die ihm kaum mehr je eine komfortable Existenz, innere Zufriedenheit gewährt. Vor der Tapetentür aber, da beginnt nun der Aufstieg, das Mitmachen, der Gang durch die Institutionen von SED und DDR. Er, der ehemals deutschnational und liberal gewählt hat, der vom Judentum zum evangelischen Glauben konvertiert hat und sich gleich zweimal taufen liess: Klemperer tritt nun aus der evangelischen Kirche aus und gleich darauf in die Kommunistische Partei ein. Auch er jetzt ein «PG», wie er sich von einer alten Bekannten sagen lassen muss.
Zwar geht es ihm vordergründig um einen kompromisslosen Neuanfang, um die «radikale Ausschaltung der Nazis». Dass er dabei gleichsam zum marxismusgläubigen Atheisten werden muss, dass die KP «neue Unfreiheit an die Stelle der alten» setzt, bleibt ihm keinen Moment verborgen. Ebensowenig lässt er, der kritische Philologe der Nazisprache, sich darüber hinwegtäuschen, wie sehr der offizielle Sprachgebrauch der DDR eine Fortsetzung der schnarrenden Tonmeisterei des Dritten Reichs ist. Nahtlos fahren hier die Tagebücher weiter, wo sie im Februar 1945 beim letzten Orakeln der Goebbelsschen Höllenschalmei aufgehört haben. Die «Lingua Tertii Imperii» wird übergangslos zur «Lingua Quarti Imperii».
Der schnell zum Minister aufsteigende Johannes Becher spricht vom «kämpferischen» Einsatz an der Kulturfront; in den russischen Lagern sollen die «abgeholten» Häftlinge im Sinne des neuen Humanismus zu «einsatzfreudigen» Menschen erzogen werden. Als 1947 sein wohl populärstes Werk &endash; eben die «LTI» &endash; erscheint, gehört Klemperer zu den Vorzeigefiguren des Antifaschismus in der sowjetischen Besatzungszone. Doch auch da öffnen sich schnell Tapetentüren: Mit besonderer Bitterkeit notiert Klemperer &endash; und mit ihm der Leser &endash;, welche Eingriffe die späteren DDR-Zensurbehörden gerade in die verschiedenen Auflagen der «LTI», aber auch in die romanistischen Arbeiten vornehmen. Eine Studie über Friedrich II. wird gleich ganz unterdrückt, mangelnder ideologischer Korrektheit halber.
Doch fürs Mitmachen gibt es Tantièmen. Klemperer, der in seinem bisherigen Leben ein Zögerer und Zauderer der Vorbildklasse gewesen ist, der die Gefahr des aufziehenden Nazismus in nachmittäglichen «Kaffeemahlzeiten» verplaudert und mit seiner soliden Lebensferne sein und Eva Klemperers Leben in grösste Gefahr gebracht hatte: dieser Victor Klemperer entdeckt auf seine alten Tage hin den süssen Betäubungsgehalt einer rastlosen vita activa. Mit zunehmender Fassungslosigkeit sieht der Leser zu, wie Klemperers immer schon hinfälliges Selbstwertgefühl (vgl. NZZ vom 14./15. 12. 96) sich mit einer grenzenlosen Eitelkeit legiert und dabei jene blinde Betriebsenergie freisetzt, die ihn vollends zur Marionette werden lässt.
Kein Tag ohne Aufbaurede, ohne Vortrag über den «neuen Menschen» im Betrieb X, vor der Belegschaft Y, vor den Funktionären des Kulturbundes in Z. In Windeseile lernt er, der alte Skeptiker, das Abc des dialektischen Materialismus, mit maschinenartiger Behendigkeit erhebt er sich vom Sitz, wann und wo Stalins Name fällt. Er lässt sich vor jeden Karren spannen, rührt jede Werbetrommel, Hauptsache, der Photoapparat blitzt, seine Stimme schallt aus dem Radio, und er ist endlich «wer».

VOM PREIS DER EHRE

Bis 1949 gelingt es ihm leidlich gut, die Tapetentür geschlossen zu halten. Rasant sein Aufstieg, imposant seine Ämter- und Pfründenakkumulation: Ordentlicher Professor und Oberstudiendirektor der Volkshochschule in Dresden, Mitglied des Präsidialrates im «Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands», eine (ungeliebte) Ordentliche Professur in Greifswald, Landesvorsitz im Kulturbund Sachsen-Anhalt, Mitglied im «Zentralvorstand der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft», Abgeordneter der Volkskammer, endlich die lang erstrebte Ordentliche Professur in Berlin, dann der Nationalpreis «III. Klasse» für Kunst und Literatur, Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften . . .
Das liest sich von aussen so, als ob dieses Leben nun doch noch geglückt wäre. Doch alles andere ist der Fall; der äussere Glanz wird mit massivsten Depressionen erkauft. Kaum, dass er sich darüber freut, nun als «eine Art Patriarch von Dölzschen», als «roter Ehrengreis» gehandelt zu werden, notiert er auch sogleich seine «Abschwellung». Tagelange Lähmungen, in denen er kaum noch sein geliebtes Tagebuch zu Rande bringt, sind die Folgen. Ist die Tapetentür einmal offen, gibt es keinen Notanker, keine Betäubung mehr im Selbstbetrug. Linientreu kritisiert er im «Aufbau» die westlich orientierten Geisteswissenschafter als «Verräter» &endash; und weiss doch im selben Augenblick, dass er seine wissenschaftliche Karriere nur der mangelnden Konkurrenz im Osten verdankt. Er suhlt sich in seiner Zugehörigkeit zur «Spitzenprominenz», zählt die «grosse Eleganz» der Speisung auf &endash; «Caviar, Fischchen, Eier, Wurst, Tomaten, reichlichste Butter, weisses Brod». Und ebensoschnell gewöhnt er sich an die bürgerlichen Privilegien der sozialistischen Prominenz; eigener Wagen mit Fahrer, Hauspersonal, «Directorzimmer mit Secretärin».
Nur: Weshalb sollte man ihm dies mehr übelnehmen als jedem anderen dieser Armee von Aufsteigern, deren geblähte Kämme die Welt schon hat bewundern dürfen? &endash; Und doch. Diese Notate beelenden gerade wegen ihrer seelischen Nacktheit: Ist das Festgewand einmal abgelegt, bleibt kein Erfolg, keine Freude verschont vom Vitriol der Klempererschen Selbstvernichtung. Dass er neben den «Stars» Hans Mayer und Werner Krauss ein wissenschaftlicher Niemand ist, weiss er. Zwar ärgert er sich seitenlang über deren Intrigen. Aber: Es ist Klemperer, der bei den Studierenden beliebt ist, man schätzt ihn wegen seines kaustischen Humors, seiner Offenheit und seines pädagogischen Eros. Und auch wenn Klemperer die «Republikflüchtlinge» verurteilt und in einer schwachen Minute sogar für die Todesstrafe stimmt &endash; was er sich niemals verzeihen wird &endash;, beweist er in seiner Abgeklärtheit mehr Charakterstärke als etliche seiner erfolgreicheren Kollegen. Es ist gerade Werner Krauss, der sich in den Fängen der Staatssicherheit verstrickt und seinen besten Assistenten ins Gefängnis bringt. Angewidert schaut Klemperer diesem Schmierentheater zu. Und fördert, darin alles andere als schwankend, seine begabten Schüler.

ALLES VERSPIELT

Und doch. «Dégoût. Leerlauf. Wiederkäuen. Grösste Zersplitterung.» Statt an seiner «Geschichte der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts» zu arbeiten &endash; die Nazis hatten ihn dabei unterbrochen &endash;, betreibt er weiterhin Selbstbetäubung. Er weiss es, und zugleich ist er zu gelähmt, als dass er die Kraft fände, aus dem Räderwerk der Betriebsamkeit auszubrechen. «Ich sterbe wie eine Henne mit einem Dutzend halbfertiger Eier im Bauch.» Dass er selbst zum Phrasendrescher geworden ist, dass die «Schulung» zum Thema «neuer Humanismus» eine höhere Lügenschule ist, dass man auf den «freien» Wahlzettel nicht einmal mehr ein Kreuz anzubringen hat, dass in der Volkskammer Einstimmigkeit ohne Handerheben herrscht, dass jeder dem anderen noch weniger traut als sich selbst; schliesslich, dass der Aufstand vom 17. Juni 1953 nicht von «Westrowdys» provoziert und «aufgerollt» wurde &endash; Klemperer weiss es. Gegen diese Paranoia vermag auch die Tapetentür nichts mehr.
Vorübergehend sucht er Erlösung im «Trotzdem» eines klassischen Glaubensopfers &endash; «Ich halte fest zum Marxismus u. Russland, als wenn ich an sie glaubte». Der Glaube hält gerade den Satz lang, während dessen er notiert wurde. Zum Selbstmord, das weiss er, hat er nicht die Kraft. Und doch fürchtet er den Tod, beschwört sein schwaches Herz auf jeder Seite. Selbsttätig und entfesselt ist die Mechanik seiner Stehaufmännchen-Natur; wie ein Hamster treibt er sein Lebensrad zu noch schnellerem Rotieren an. Da kommt nie ein guter Schlaf, da ist keine Seinsruhe. Dieses Leben ist nicht geglückt. Die Quälerei ist ohne Ende, für den Leser wie für den Schreibenden, 1500 Seiten lang.
Hat der Mensch aus Büchern schon jemals etwas gelernt? Sind wir philosophisch genug, auf uns selbst zu blicken, wenn wir &endash; oft mit Dégoût, aber dennoch: gierig durch das Schlüsselloch eines fremden journal intime &endash; unsere Lesestunden mit den Penibilitäten dieses traurigen Lebens füttern? Das Unerträgliche der Tagebücher des Victor Klemperer ist gerade, dass uns darin das Menschliche, Allzumenschliche in seiner erbärmlichsten Form entgegenblinkt. Das sind wir, das ist das, was unser Jahrhundert aus seinen Glückschancen gemacht hat. Alles verspielt. &endash; Geschenkt hingegen, dass sich in den insgesamt sechstausend Seiten der Klempererschen Tagebücher ein einzigartiges Panorama der Kultur- und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts auftut. Weit mehr noch: Das ist eine summa anthropologica, das ist eine pessimistische Selbstschau, die in ihren Grundtönen wohl Schopenhauersche Akkorde schlägt, deren beruhigende Obertöne aber nicht kennt.

AUF DEN GIPFELN DER VERZWEIFLUNG

Und traurig auch das: Von allen Tagebüchern Klemperers vermag gerade dieses letzte am wenigsten, dem anhaltenden taedium vitae einen ästhetischen Kontrapunkt abzugewinnen. Klemperer steht zwar ständig auf den Gipfeln des Verzweifelns, aber Cioran ist nicht sein Bruder im Geiste. Selten genug gibt es Stellen, Lichtpunkte in diesen übervollen Unglücksseiten, die uns wetterleuchten wie Lichtenbergsche Blitze. So etwa im August 1948: «Zahllose Kücken überall, zahllose Kinder. Die Kücken werden geschlachtet werden, die Kinder werden heil Hitler schreien und im nächsten Krieg fallen.» Ein Syllogismus der Bitterkeit.
Und wollte jetzt einer sagen: Das war doch im Osten, aber nicht bei uns. Es ist doch alles nicht so schlimm &endash; dem sei die Lektüre sämtlicher sechstausend Seiten Klemperer nochmals verordnet. Es besteht eine verschwindende Möglichkeit, dass Menschen lernen. Auch aus Büchern.

Ursula Pia Jauch

 

Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945&endash;1959. Aufbau-Verlag, Berlin 1999. 2 Bände, 1882 S., Fr. 90.&endash;. Die Tagebücher sind auch auf CD, gelesen von Udo Samel, beim Aufbau-Verlag erhältlich.

 

© Neue Zürcher Zeitung - 31.07.1999

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